Europäische Aktien - Zeit für eine Neubewertung?
Unseres Erachtens sind die strategischen Argumente für eine Umschichtung von Kapital nach Europa – trotz kurzfristiger Bedenken – relativ klar. Aus Multi-Asset-Perspektive sprechen grundsätzlich zwei Argumente für Europa: Einerseits die Diversifizierung gegenüber einem zu konzentrierten US-Markt und die Absicherung der Risiken aus der dortigen Schwächung des institutionellen Rahmens. Andererseits das sich verbessernde Umfeld mit zaghaften Anzeichen dafür, dass Europa jetzt lange verzögerte Reformen umsetzen könnte. Zwar bleibt die Region in verschiedenen Bereichen anfällig. Insgesamt zeigt sich aber ein positiveres Bild.
Zyklusverbesserung bei beschleunigtem Umfeldwechsel
Die aktuelle Phase unterscheidet sich von einem Großteil der zurückliegenden Dekade nicht nur durch eine schrittweise Zyklusverbesserung, sondern auch durch einen sich beschleunigenden Umfeldwechsel. So scheinen einige südeuropäische Länder den schwierigsten Teil der Anpassungsphase nach der Eurokrise hinter sich gebracht zu haben und liegen nun in Sachen Wachstum vorne. Auf lange Sicht zwingt die sich abschwächende Globalisierung Europa dazu, seine Abhängigkeit vom exportgetriebenen Wachstum zu reduzieren und die Binnenwirtschaft zu stärken. Dieser Wandel könnte neue Anlagechancen für europäische Unternehmen schaffen. Hinzu kommt: Der Kontinent fokussiert sich nicht mehr allein auf eine restriktive Fiskalpolitik. Deutschlands Richtungswechsel spiegelt einen breiteren europäischen Trend zu sicherheits-, infrastruktur- und produktivitätsbezogenen Investitionen wider. Verteidigung, Energiesicherheit, Stromnetze und strategische Branchen sind keine Randthemen mehr – sie werden zu politischen Prioritäten. Diese Veränderung ist bedeutsam, da sie das nominale Wachstum und die Preissetzungsmacht unterstützt.
Normalisierung der Bankenlandschaft
Dieser Wechsel vollzieht sich vor dem Hintergrund einer Erholung der europäischen Bankenbranche. Europäische Banken wurden durch die globale Finanzkrise und die anschließende Eurokrise hart getroffen mit massiven Auswirkungen auf die breitere Wirtschaft aufgrund der Rolle der Banken als zentraler Finanzierungskanal auf dem Kontinent.
Jetzt sind sie hingegen Vorboten eines allmählichen Umschwungs in Europa. Dies spiegelt ein stabileres makroökonomisches Umfeld wider, in dem sich die Kreditvergabe erholt, die Zinsen gesenkt wurden – aber noch weit von den niedrigen Niveaus der 2010er Jahre entfernt sind – und die Binnenkonjunktur anzieht.
Produktivitätssteigerungen dank Künstlicher Intelligenz (KI)
Zwar hinkt Europa beim Wettlauf um die KI-Vorherrschaft bei Basismodellen, Plattformen oder Hardware hinterher. Das macht KI für europäische Aktien aber nicht irrelevant. Bei der nächsten Phase der KI-Entwicklung geht es auch darum, wer sie effektiv nutzt: Europa liegt dem neusten ‚AI Diffusion Report‘ von Microsoft zufolge bei der Einführung recht weit vorne.
Viele europäische Firmen sind große etablierte Unternehmen mit Daten, Größenvorteilen und einem festen Kundenstamm. Für sie geht es bei KI vor allem um Effizienzverbesserung, Kostensenkung und die Stärkung der Gewinnmargen. Die Preissetzungsmacht ist die entscheidende Variable. Unternehmen, die KI einführen und gleichzeitig ihre Preisdisziplin beibehalten können, werden Produktivitätsgewinne mit größerer Wahrscheinlichkeit in Gewinne ummünzen. Belege für den finanziellen Nutzen der KI-Einführung zeigen sich erst nach und nach. Langfristig könnte dies aber eine der wichtigsten positiven Triebkräfte für Europa sein, besonders aufgrund des relativ niedrigen Ausgangspunkts bei der Produktivität.
Zunehmende strategische Unabhängigkeit und Wettbewerbsfähigkeit
Eine der markantesten Veränderungen in der europäischen Politik ist ein Fokus auf strategische Autonomie. Neben den Investitionen selbst besteht die Herausforderung in der Koordination und Geschwindigkeit. Wahrscheinlich ist, dass externe Herausforderungen wie der Grönland-Kaufwunsch der US-Regierung diesen Umfeldwechsel beschleunigen.
Hier sind Empfehlungen des ehemaligen Präsidenten der Europäischen Zentralbank Mario Draghi relevant. Sein Bericht zur ‚Zukunft der europäischen Wettbewerbsfähigkeit‘ formuliert dringend anzugehende wirtschaftliche Risiken. Eine Beschleunigung der Umsetzung jener Empfehlungen würde jedoch die Fähigkeit Europas, strategische Ambitionen in Wachstum umzuwandeln, erheblich verbessern. Zu den Bereichen mit dem größten Potenzial zählen: eine Spar- und Investitionsunion, Handelsvereinbarungen sowie ein Binnenmarkt, für den die neue Strategie der Europäische Kommission zum Umgang mit den zehn schädlichsten internen Handelsbarrieren konkrete Ergebnisse liefern könnte.
Neben den potenziellen Positivfaktoren, zu denen wir auch die sich allmählich erholenden europäischen M&A-Aktivitäten zählen, bleibt die Anlageregion Europa mit erheblichen strukturellen Hindernissen konfrontiert. Dazu zählen insbesondere die wachsende Konkurrenz durch China, der steigende demografischer Druck sowie Geopolitische Unsicherheit.
Aktiven Managern bietet sich bereits erheblicher Spielraum
Aus Anlegersicht zählen bereits kleine Verbesserungen. Zahlreiche ‚Was-wäre-wenn‘-Szenarien könnten zwar den beginnenden Aufschwung zum Scheitern bringen. Das niedrige Niveau der Markterwartungen bedeutet aber auch: Selbst geringfügige Verbesserungen bringen möglicherweise ein beträchtliches Aufwärtspotenzial. Ein Positivbeispiel: Wie Europa litt auch Japan unter wiederholten Rückschlägen und einer anhaltend negativen Stimmung. Der Übergang zu einem Umfeld mit höherem nominalem Wachstum ging aber mit Verbesserungen bei Corporate-Governance-Standards und mikroökonomischen Strukturreformen einher, was zu höheren Eigenkapitalrenditen und Unternehmensgewinne führte. Selbst kleine Schritte Europas hin zu einer stärkeren Integration, einer intelligenteren Deregulierung und einer größeren Offenheit für grenzüberschreitende Fusionen und Übernahmen könnten zu ähnlichem Rückenwind auf der Mikroebene führen wie in Japan. Europas Umfeldwechsel nimmt Fahrt auf und bietet aktiven Managern bereits erheblichen Spielraum, indem sie sich auf die größten Nutznießer des Umfeldwechsels konzentrieren und gleichzeitig die Risiken in Bezug auf Unternehmen und Sektoren minimieren, die hier zu den Verlierern zählen könnten.“