Paul Doyle, Columbia Threadneedle

Europäische Aktien: Die strukturellen Probleme bleiben

Die Konjunktur in Europa gewinnt an Fahrt. Anleger finden bei Finanz- und Industriewerten aktuell attraktive Chancen. Strukturell steht der Markt jedoch weiterhin vor großen Herausforderungen. Wie ist es um die Inflation und die Kreditvergabe bestellt, welche Sektoren sind aktuell attraktiv und wovon sollten Anleger lieber die Finger lassen?

Paul Doyle, Columbia Threadneedle

Das erwartete Gewinnwachstum in Europa hat sich durch den andauernden Iran-Konflikt und die explodierenden Öl- und Gaspreise halbiert. Statt 1,2 Prozent dürften die Gewinne nun lediglich um 0,6 Prozent zunehmen. Gute Neuigkeiten gibt es dennoch. So dürfte die Inflation im kommenden Jahr wieder ihr Zielniveau erreichen – nach der Zinserhöhung im Juni deutete die Europäische Zentralbank an, dass es nun dabei bleiben werde. Und auch bei zyklischen Titeln scheint sich eine Erholung anzubahnen.

Zyklische Unternehmen wieder attraktiver als defensive

In Deutschland erholt sich der Einzelhandel, die Kreditvergabe steigt insbesondere bei Nicht-Finanzunternehmen und die Bilanzen sind solider als vor 15 Jahren. Außerdem erhöht das Land seine Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung.

Die Gewinnentwicklung zyklischer Werte verbessert sich im Vergleich zu defensiven Werten, was sich auch an den taiwanesischen Exportaufträgen ablesen lässt. Das ist gut für Finanz- und Industriewerte.

Wenn der Ölpreis in die Höhe schießt, erzielen nämlich nicht Gesundheits- oder Telekommunikationsunternehmen eine Outperformance. Die Gewinner sind Industrie- und Bergbautitel sowie Halbleiterhersteller.

Auch die Arbeitsmarktsituation hat sich seit 2022 verändert. Damals herrschte Arbeitskräftemangel, die Löhne stiegen und gleichzeitig wurde eine expansive Geldpolitik betrieben. Es gab einen Überschuss an Liquidität und die Realzinsen waren niedrig. Heute haben wir die gegenteilige Situation: Es herrscht kein Arbeitskräftemangel mehr, sodass sich das Lohnwachstum verlangsamt hat.

Chancen sind konjunkturell, nicht strukturell

Europa steht jedoch weiterhin vor strukturellen Herausforderungen. So nimmt China den europäischen Exporteuren weiterhin Marktanteile ab und eine Aufwertung des Euro gegenüber dem Renminbi um 14 Prozent über einen Zeitraum von vier Jahren hat diese Entwicklung noch verschärft. Steuern und Regulierung hemmen das Unternehmertum in der EU und im Vereinigten Königreich, während die hohe Staatsverschuldung Konjunkturmaßnahmen verhindert.

Die demografische Entwicklung ist ebenfalls ungünstig: In der Eurozone leben 37 Prozent, in Deutschland sogar 69 Prozent mehr Menschen im Alter von 55 bis 64 Jahren als im Alter von 15 bis 24 Jahren. Die Chancen für Europa sind konjunktureller und nicht struktureller Natur. Zwar dürfen Anleger mit einer besseren kurzfristigen Dynamik rechnen, jedoch nicht mit einer entscheidenden Verbesserung des langfristigen Wachstums.

Paul Doyle

Paul Doyle ist Head of Large Cap European Equities bei Columbia Threadneedle Investments. Columbia betreuet Gelder für private Investoren, Finanzberater, Vermögensverwalter und Versicherungsgesellschaften, Pensionsfonds und andere Institutionen. Gemeinsam haben sie Columbia 577 Mrd. Euro verwaltetes Vermögen (AUM) bzw. 614 Mrd. Euro verwaltetes und beratenes Vermögen (AUM und AUA, Stand 31.12.2025) anvertraut