Es gilt der Leitsatz: Cash is King

Die Kapitalmärkte werden nach wie vor maßgeblich von den Geschehnissen im Nahen Osten beeinflusst. Das Besondere an der aktuellen Marktentwicklung ist, dass Aktien- und Anleihekurse gleichzeitig fallen - übrigens ebenso auch der Goldpreis. Eine derart ungünstige Konstellation tritt typischerweise dann auf, wenn Preisanstiege zu einem Kaufkraftverlust – also Inflation - führen. In der Ökonomie spricht man in diesem Zusammenhang von einem „stagflationären Impuls“. Derzeit dominiert die Unsicherheit über steigende Energiepreise die Märkte.

Gerhard Winzer, Erste Asset Management

Das einzig Positive daran: Das Umfeld im ersten Quartal, also vor der Eskalation im Iran, war ein günstiges für Wirtschaftswachstum. Das weltweite Wachstum lag zum Jahresstart wahrscheinlich über dem Potenzial. Vor dem Hintergrund des Krieges deutet sich für das zweite Quartal jedoch ein Rückgang ab.

Konflikt im Nahen Osten als Markttreiber

Die zentrale Frage ist derzeit, wie gravierend die Auswirkungen des Krieges im Nahen Osten sein werden. Selbst zeitnahe Wirtschaftsindikatoren wie die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes für März, die diese Woche veröffentlicht werden, spielen aktuell nur eine untergeordnete Rolle.

Die Sensibilität der Märkte lässt sich durch die Verlautbarung der Internationalen Energieagentur vom 20. März verdeutlichen: „Der Krieg im Nahen Osten führt zu einer schweren Energiekrise, einschließlich der größten Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarktes. Sollte es nicht zu einer raschen Lösung kommen, werden die Auswirkungen auf die Energiemärkte und die Volkswirtschaften voraussichtlich immer gravierender werden.“

Meerenge von Hormus: Das wirtschaftliche Nadelöhr

Die dritte Kriegswoche war geprägt von einer weiteren Eskalation in Form von Angriffen auf die Energieinfrastruktur in der Region. Das erweitert das Bedrohungspotenzial. Zunächst lag der Fokus auf der möglichen Dauer des Krieges, die ursprünglich nur auf wenige Wochen geschätzt wurde. Anschließend verlagerte sich die Aufmerksamkeit auf die Frage, wer de facto die Kontrolle über die Meerenge von Hormus hat. Normalerweise werden rund 20 Prozent des globalen Rohöl- und Flüssiggastransports über diese Meerenge abgewickelt. Im Verlauf des Krieges zeigte sich, dass der Iran die Kontrolle behalten kann - trotz militärischer Unterlegenheit gegenüber den USA und Israel und auch dann, wenn der Krieg endet.

Weitere Angriffe auf Energieinfrastruktur

In der vergangenen Woche kam es zu einer weiteren Eskalation: Zivile Energieinfrastruktur im Iran und in Katar wurde gezielt beschädigt. Die bislang jüngste und zugleich zentrale Entwicklung in der „Tit-for-Tat“-Eskalation (also frei nach dem Motto „Wie du mir so ich dir“) lautet: Am vergangenen Samstag warnte der US-Präsident, dass die iranische Strominfrastruktur bombardiert werde, sollte der Iran die Straße von Hormus nicht innerhalb von 48 Stunden vollständig öffnen. Für die Volkswirtschaften und die Märkte ist daher nicht mehr nur entscheidend, wer die Kontrolle über die Meerenge hat, sondern auch, ob und in welchem Ausmaß die Energieinfrastruktur der Region beschädigt wird.

Eingeschränkte Energieversorgung mindert Wirtschaftswachstum

Die Unsicherheit über das Ausmaß möglicher Einschränkungen in der globalen Energieversorgung hat weitere Energiepreisanstiege ausgelöst. Da Löhne und Unternehmensumsätze voraussichtlich nicht im selben Maße steigen werden, schwächt dies die Kaufkraft und das Wirtschaftswachstum. Hinzu kommt zunehmende Unsicherheit, die die wirtschaftliche Aktivität über geringere Investitionen zusätzlich bremsen könnte.

Auch hinsichtlich der Inflation selbst steigt die Unsicherheit. Um Überwälzungseffekte (z. B. höhere Lebensmittelpreise) und Zweitrundeneffekte (höhere Löhne) abzumildern, richten wichtige Zentralbanken wie die Europäische Zentralbank ihren Fokus stärker auf die Bekämpfung von Inflationsrisiken. Aktuell preist der Markt bis Ende 2026 drei Leitzinsanhebungen um jeweils 0,25 Prozentpunkte auf dann 2,75 Prozent ein.

Strategische Reduktion von Gold

Die unmittelbare Frage für die Märkte lautet: „Was passiert, wenn die Drohungen des US-Präsidenten nicht die beabsichtigte Wirkung haben?“ Der Iran hat angedroht, Elektrizitätswerke und Wasserinfrastruktur in der Region anzugreifen. Und selbst wenn der Iran einlenkt, werden die Versicherungskosten für die Passage durch die Meerenge voraussichtlich vorerst hoch bleiben.

Die Erwartungen niedrigerer Gewinne, höherer Inflation und möglicher Versorgungsunterbrechungen, gepaart mit erhöhter Unsicherheit, belasten Aktien- und Anleihekurse gleichermaßen. Aus diesem Grund haben wir bereits Mitte März die Aktienquote unter die langfristige Ausrichtung reduziert und im Gegenzug den Geldmarktanteil erhöht.

Auch der Goldpreis zeigt eine deutliche Abwärtsbewegung - mitverursacht durch steigende Zinsen. Daher neutralisieren wir unser bisheriges Übergewicht in Gold und erhöhen erneut den Geldmarktanteil. Je stärker der stagflationäre Impuls, desto mehr gilt der Leitsatz: „Cash ist King.“

Gerhard Winzer

Gerhard Winzer ist Chefvolkswirt der Erste Asset Management. Die Erste Asset Management GmbH (Erste AM) ist eine internationale Vermögensverwalterin und Asset Managerin mit einer starken Position in Zentral- und Osteuropa. Sie koordiniert und verantwortet sämtliche Asset-Management-Aktivitäten innerhalb der Erste Group und ist bereits seit 1965 erfolgreich am Markt aktiv. Mit über 500 Mitarbeiter:innen, davon etwa 100 Investment Professionals, zählt die Erste AM zu den führenden Asset- Management-Häusern in Zentraleuropa. An den Standorten in Österreich sowie in Deutschland, Kroatien, Rumänien, der Slowakei, Tschechien und Ungarn verwaltet man ein Vermögen von 105,6 Milliarden Euro (per 31.1.2026)

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