Emerging-Markets-Anleihen: Schwellenländer profitieren vom Systemwettbewerb
In ihrem geopolitischen Ringen teilen die USA und China die Welt zunehmend in Einflusssphären auf. Die Regierungen sichern sich den Zugang zu kritischen Rohstoffen und beide Großmächte konkurrieren um politische Allianzen und wirtschaftliche Partnerschaften. Schwellenländer profitieren von dieser Entwicklung und gewinnen als Produktionsstandorte, Rohstofflieferanten oder logistische Drehscheiben an Bedeutung – und mit ihnen gewinnen die dortigen Anleihemärkte.
Für Anleger bedeutet dies einen Perspektivenwechsel. Die attraktivsten Investmentchancen liegen dabei nicht unbedingt in den beiden Großmächten selbst, sondern in den Ländern, die zwischen ihnen stehen und von beiden Seiten umworben werden. Besonders interessant erscheinen rohstoffreiche Staaten sowie Länder, die sich als Nearshoring-Standorte oder industrielle Partner etablieren.
Chinas Exportmaschine und die neue Technologie-Diplomatie
China zielt mit seiner Strategie auf die benachbarten Regionen in Südost- und Zentralasien bis in den Nahen Osten sowie nach Afrika. Im Unterschied zu den USA setzt Peking dabei vor allem auf wirtschaftliche Kooperationen statt auf militärischen Einfluss.
Neuestes Beispiel ist die „Digital Silk Road“. Peking positioniert seine offenen KI-Modelle als globales Gemeingut für ärmere Länder und fordert eine UN-geführte KI-Governance. Hier zeigen sich Parallelen zur Belt-and-Road-Initiative: Die Volksrepublik hat Ambitionen, ein komplettes chinesisches KI-Ökosystem aus Modellen, Chips, Rechenzentren und Energieversorgung zu errichten.
In der Konsequenz wächst China zunehmend über den Außenhandel statt über den Binnenkonsum. Von dem angestrebten BIP-Wachstum von 4,5 bis 5,0 Prozent entfällt 2026 nach Berechnungen von Barclays voraussichtlich rund ein Drittel auf den Export. Besonders dynamisch entwickelt sich der Halbleiterexport. Die Ausfuhren hochwertiger Technologieprodukte wachsen inzwischen deutlich schneller als der übrige Außenhandel – ein Hinweis darauf, dass China in der industriellen Wertschöpfungskette weiter aufsteigt. Für Investoren spiegelt sich dieser technologische Fortschritt jedoch bereits weitgehend in den Kursen wider: Chinesische Technologiewerte sind vielerorts ambitioniert bewertet und bieten kurzfristig oft nur noch begrenztes Aufwärtspotenzial.
Daher sollten Investoren bei der Suche nach Anlagemöglichkeiten eher auf chinesische Partnerländer schauen. Diese profitieren auf zwei Wegen. Einerseits durch Rohstoffexporte nach China, andererseits stärken Investitionen im Rahmen der Digital Silk Road den lokalen Infrastruktur- und Technologiesektor. Rechenzentren, Netze und Energieversorgung werden vor Ort errichtet.
Kasachstan als Nutznießer der Lieferkettenverschiebung
Ein herausragendes Beispiel dafür ist Kasachstan. Der zentralasiatische Staat weist seit 2023 ein jährliches BIP-Wachstum von mehr als 5 Prozent aus und für Anleger gibt es Investmentchancen im Banken-, Energie- und Infrastruktur-Segment. Neben der Ölförderung im Kashagan-Feld hat sich das Land vom Absatzmarkt zum Fertigungsstandort chinesischer Automarken wie Chery, BYD und Great Wall entwickelt. Dieses Muster ähnelt dem Nearshoring-Modell der USA in Mexiko. Strategisch bedeutsamer ist jedoch Uran: Kasachstan liefert rund 38 bis 40 Prozent der weltweiten Minenproduktion, wovon China etwa 40 Prozent importiert und westliche Abnehmer zunehmend verdrängt.
China baut zudem Kasachstans zweites und drittes Kernkraftwerk und tauscht damit den Ressourcenzugang gegen Reaktortechnologie aus. Damit dürfte Kasachstans nukleare Wertschöpfungskette langfristig an China gebunden werden. Hinzu kommt die Rolle Kasachstans als Transitland, etwa für die Gaspipeline von Turkmenistan nach China oder den Schienenverkehr nach Europa und in den Nahen Osten.
Die „Donroe-Doktrin“ und die US-Offensive in Lateinamerika
In ihrer Nachbarschaft nutzen die USA neben wirtschaftlichen Anreizen auch militärischen Druck, wie die Festnahme des ehemaligen venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro eindrucksvoll bewiesen hat. Im Dezember 2025 haben die USA eine National-Security-Strategy für die westliche Hemisphäre veröffentlicht. Neben Sicherheitsfragen definiert sie klare Ziele: den gesicherten Zugang zu kritischen Lieferketten, Infrastruktur und Rohstoffen. Zudem soll der Einfluss Chinas zurückgedrängt werden. In Anlehnung an die „Monroe-Doktrin“ und den Vornamen des US-Präsidenten wird die Strategie auch als „Donroe-Doktrin“ bezeichnet. Der Rechtsruck der vergangenen Jahre in Kolumbien, Peru, Argentinien und Chile erleichtert dieses Vorhaben.
Als Beispiel erhielt Argentinien vor den Zwischenwahlen letztes Jahr von den USA eine Währungs-Swapline über 20 Milliarden US-Dollar. Gleichzeitig erleichtert ein neues Investitions- und Handelsabkommen mit den USA die Genehmigung von Investitionen. Ein Profiteur dürfte der Öl- und Gassektor sein, vor allem „Vaca Muerta“, eines der größten unkonventionellen Öl- und Gasvorkommen weltweit. Die Produktion verdoppelt sich voraussichtlich bis 2035, US-Unternehmen wie Chevron sind bereits engagiert. Dies nützt auch den rohstoffreichen Provinzen. Als Eigentümer der natürlichen Ressourcen verlangen diese Royalties, weshalb deren Einnahmen mit zunehmender Förderung steigen. Entsprechend stellen die USD-Anleihen dieser Provinzen interessante Anlagemöglichkeiten dar.
Mexiko profitiert als Exporteur KI-bezogener Produkte, deren Nettoexportanteil von rund 22 Prozent im Jahr 2021 auf knapp 32 Prozent im Jahr 2025 stieg. Dies erhöht gleichzeitig die Nachfrage nach Industrieparks und Logistikzentren. Immobilienunternehmen dürften längerfristig von einer höheren Auslastung und steigenden Mietpreisen profitieren und bieten als Anleiheemittenten attraktive Anlagemöglichkeiten. Auch Chile und Peru profitieren als weltgrößte Kupferproduzenten von Investitionen, sowohl aus den USA als auch aus China. Denn China hat über das vergangene Jahrzehnt fast dreimal mehr in Lateinamerika investiert als die USA. Auch das dürfte ein Grund dafür sein, warum die USA ihre Anstrengungen in der Region nun erhöhen.
Auch der Nahe Osten baut strategische Infrastruktur aus
Im Nahen Osten beschleunigt die aktuelle geopolitische Lage den Ausbau strategischer Infrastruktur. Der Iran-Krieg hat die Bedeutung resilienter Energie- und Handelswege nochmals verdeutlicht und erhöht den Druck auf die Golfstaaten, ihre Abhängigkeit von einzelnen Transportkorridoren zu reduzieren. Schätzungen zufolge können bis Ende 2028 rund 65 Prozent der GCC-Ölexporte über alternative Routen fließen. Sie sind damit nicht mehr auf die Straße von Hormus angewiesen.
Besonders Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate treiben Investitionen voran. Ein Beispiel ist der Ausbau von Terminalkapazitäten in Fujairah am Golf von Oman durch DP World, wodurch die Rolle der Ostküste der Emirate als alternative Handelsdrehscheibe gestärkt wird. Mittelfristig bleibt die Region wichtiger Energie-, Logistik- und Technologieknoten zwischen Asien, Europa und Afrika. Für Unternehmen aus den Bereichen Infrastruktur, Energie und Logistik entstehen daraus langfristige Wachstumschancen – und für Anleiheinvestoren attraktive Möglichkeiten im Unternehmensanleihenbereich der Region.
Attraktive Rahmenbedingungen für EM-Unternehmensanleihen
Für Anleger in Emerging-Markets-Anleihen verschiebt sich der Blick damit weg von den geopolitischen Rivalen selbst hin zu den Ländern, die zwischen ihnen an strategischer Bedeutung gewinnen. Entscheidend ist nicht, welche Großmacht den Systemwettbewerb für sich entscheidet, sondern welche Schwellenländer diesen Wettbewerb in nachhaltiges Wachstum, solide Staatsfinanzen und steigende Unternehmensgewinne umsetzen können. Gerade dort entstehen die attraktivsten Chancen an den Anleihemärkten.
Diese strukturellen Trends dürften noch mehrere Jahre anhalten, was für langfristige Anlagen in Schwellenländeranleihen spricht. Bei den Fundamentaldaten sehen wir historisch starke Bilanzen der in Dollar emittierenden Emerging Market Corporate Bonds. Hinzu kommt eine gestiegene Finanzierungsflexibilität über lokale Märkte, vor allem in Asien.