Ulrich Kirstein, Börse München

Eiskalt festhalten

Der Dax nimmt geradezu lässig die 26.000 Punkte-Marke und behauptet sie auch, die Anleger geben sich offensichtlich optimistisch an den heißen Tagen.

Ulrich Kirstein, Börse München

Höhenflug der Jugend

„Dax knackt erstmals 26.000-Punkte-Marke“, „Dax im Höhenflug“, sowie „Dax-Rekordjagd geht weiter“, die Börsen-Zeitung kommt kaum hinterher. Die Süddeutsche Zeitung fragt sich verblüfft: „Was steckt hinter dem Dax-Rekord“ und die Frankfurter Allgemeine Zeitung sieht sich zu der Frage veranlasst: „Warum der Dax trotz Deutschlands Niedergang so gut läuft“. Vielleicht sehen wir einfach zu schwarz, laut Institut der Deutschen Wirtschaft verlieren wir weniger Industriejobs als gedacht, beziehungsweise werden sie durch produktionsnahe Dienstleistungsjobs ersetzt. Noch, zumindest. Besiegelt scheint hingegen das Ende der Eigenständigkeit der Commerzbank zu sein: „Commerzbank unterwirft sich der Unicredit“, erklärt die Börsen-Zeitung. Partnerschaft auf Augenhöhe klingt anders. Einen Trost für alle Älteren hält der Münchner Merkur bereit, wobei es nicht um die Rente mit 63 geht, die entfallen soll oder nicht, sondern die Headline lautet: „Ist die Jugend wirklich faul“? Der Artikel verneint dies (zumindest im Großen und Ganzen), ein wichtiger Baustein für unsere Rente. Zur Hitze kommt die Trockenheit, der Rhein wird zum Reinfall, weil „zu niedrige Pegel für Schiffe“, wie der Münchner Merkur weiß, und „Bayern trocknet aus“, wie die Abendzeitung feststellt.

Die Kraft der Bullen

Kühlen uns die Finanzmagazine ab oder verleiten sie zumindest zu coolem Handeln? Nun, „Eiskalt kaufen“! empfiehlt Der Aktionär und zeigt ein Glas mit Eiswürfeln, was auch immer für ein klares Getränk sich darin verbirgt. „Heiße Tage, coole Chancen – so können Anleger ihr Geld verdoppeln“, heißt es dazu erläuternd. Außerdem fragt das Magazin noch: „Dax über 26.000 – Wie viel Kraft haben die Bullen jetzt noch?“. Das wissen wir leider auch nicht, hoffentlich stehen sie nicht hungrig und durstig auf verdorrenden Wiesen. Eine Achterbahn schiebt Börse Online ins Bild: „Festhalten bitte!“, so der Wunsch der Redaktion, denn es gibt „12 starke Aktien für volatile Phasen“. Einen Turm gebündelter 100-Euro-Schein ziert das Cover von Focus Money, es sollen wahrscheinlich 50.000 Euro sein, denn die passende Headline lautet: „So legen Sie 50.000 Euro jetzt richtig an“. Sobald wir die 50.000 unter der Matratze gefunden haben, werden wir uns mit dem Inhalt näher befassen. Schön, wenn Gestürzte wieder aufstehen, Euro am Sonntag widmet sich ihnen: „Die heißesten Comeback-Aktien: günstige Bewertung, großes Potenzial, solide Dividende“. 

Ein Drink für den Kopf

Wir ahnen, dass die Urlaubszeit unsere Artikelauswahl beeinflusst haben könnte. Zumindest stolperten wir nüchtern betrachtet über einen Titel aus dem Münchner Merkur: „Deutschland, Land der Aperol-Trinker“. Wichtige Erkenntnisse aus dem Artikel: Frauen trinken Aperol Spritz lieber als Männer, vor allem im Sommer. Der Drink wird sogar im Fernsehgarten gefeiert (und getrunken, nehmen wir an), mit einem eigenen, nur mäßig inhaltsreichen Lied: „Ich trink‘ heut, das ist kein Witz – Aperol, Aperol, Aperol Spritz“. Das Getränk stammt ursprünglich aus Italien, 1919 erfunden von zwei Brüdern aus Padua. Es ist ein Likör aus Rhabarber, Blutorange, Gelbem Enzian, Chinarinde und Kräutern. Jede Menge Zucker und Farbstoff ist auch noch darin. Schon seit 2003 gehört Aperol zum Campari-Konzern in Mailand. Seid etwa 20 Jahren ist Aperol, gemischt mit Sekt oder Weißwein auf Eis, in Deutschland heimisch. Sein Siegeszug begann in München, wo sonst, Kir Royal ist schließlich passé. Der oben genannte Song stammt von Vincent Gross und soll, so zumindest der Autor des Artikels, einem nie mehr aus dem Kopf gehen, weshalb wir ihn zu vermeiden suchen. Ein eventuell zu viel genossener Aperol Spritz geht einem glücklicherweise wieder aus dem Kopf, es dauert nur ein bisschen.

Ulrich Kirstein

Ulrich Kirstein ist Pressesprecher und Leiter Öffentlichkeitsarbeit der Börse München. Er ist seit 2010 bei der Börse beschäftigt, zuvor war der studierte Betriebswirt und Kunsthistoriker u.a. Redakteur und Chef vom Dienst einer überregionalen Wirtschaftszeitung sowie Ausstellungskurator in München. Er ist außerdem Co-Autor von Börse für Dummies, Aktien für Dummies und Börsenpsychologie simplified.