Evan Brown und Ralf Bauer, UBS-AM

Ein höherer US-Leitzins gefährdet den Bullenmarkt nicht

Die Weltwirtschaft zeigt sich robuster als von vielen Marktteilnehmern erwartet: Ein sich beschleunigender US-Arbeitsmarkt und eine anziehende globale Industriekonjunktur stützen das Wachstum. Die US-Kerninflation dürfte dagegen hartnäckig über dem Zielwert verharren. Eine weitere Zinserhöhung der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) ist deshalb nicht auszuschließen.

Ein etwas höherer Leitzins dürfte den Aktienbullenmarkt nicht gefährden, solange das Gewinnwachstum robust bleibt und sich über den Technologiesektor hinaus verbreitert. Wir gehen davon aus, dass dieses Gewinnwachstum die globalen Aktienmärkte auch in der zweiten Jahreshälfte 2026 weiter stützen kann, selbst wenn die geldpolitische Unsicherheit für mehr Schwankungen sorgt.

Wachstum bleibt robust, Inflation bleibt hartnäckig

Der US-Arbeitsmarkt hat sich in diesem Jahr deutlich belebt, nachdem das Beschäftigungswachstum 2025 nahe null gelegen hatte. Auch die globale Industriekonjunktur zeigt sich robust: Die Einkaufsmanagerindizes (PMIs) für das verarbeitende Gewerbe liegen auf einem Mehrjahreshoch und die Erholung erstreckt sich über immer mehr Regionen und Sektoren. Bei der Inflation sorgte die geopolitische Lage mit dem Konflikt zwischen dem Iran und den USA zuletzt für zusätzlichen Aufwärtsdruck auf die Energiepreise. Die zugrunde liegende Inflation verharrt nach Einschätzung von UBS-AM ohnehin hartnäckig über dem 2-Prozent-Ziel der Fed: Mehr als die Hälfte der Komponenten des Kern-PCE-Preisindex weist Zuwachsraten von über 3 Prozent auf.

Der starke Arbeitsmarkt und die hartnäckige Inflation haben die Fed in eine restriktivere Richtung gedrängt. Wir gehen davon aus, dass die US-Notenbank eher bereit ist, die Zinsen zu erhöhen, wenn Arbeitsmarktstärke und Kerninflation dies weiter rechtfertigenn. Die Inflation ist damit längst nicht mehr nur ein Energiepreis-Thema: Auch die Kernservice-Inflation ohne Wohnkosten ist zuletzt wieder auf über 3 Prozent gestiegen.

Märkte können Zinserhöhungen der Fed verkraften

Eine weitere geldpolitische Straffung ist aus unserer Sicht von ein überschaubares, kein grundsätzliches Risiko für risikobehaftete Anlagen. Angesichts der historisch niedrigen Verschuldung von US-Haushalten und -Unternehmen dürften einzelne Zinserhöhungen der Konjunktur nicht nachhaltig schaden.

Aktien werden letztlich vom Gewinnwachstum getrieben, und dieses bleibt sehr robust. Der Median-Wert im S&P 500 verzeichnete im ersten Quartal ein Gewinnwachstum von 14 Prozent. Damit war es eines der stärksten Quartale des vergangenen Jahrzehnts.

Als Hauptrisiko für die Märkte gilt eine deutliche Abkühlung der Erwartungen an die Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI). Wir beobachten daher gezielt Indikatoren wie KI-Adoptionsraten, Ausgaben für KI-Anwendungen sowie Grafikchip- und Speicherpreise, um frühzeitig Anzeichen für eine nachlassende Zuversicht beim Thema KI zu erkennen. Die Stimmung rund um KI-Investitionen kann sich schon deutlich vor den eigentlichen Gewinnerwartungen verschieben. Aktuell fallen die KI-Frühindikatoren aber noch überwiegend positiv aus.

Asset Allocation: Aktien übergewichtet, Diversifikation gefragt

Wir bleiben bei Aktien übergewichtet und bevorzugen insbesondere die Schwellenländer und Japan, wo die Frühindikatoren auf das stärkste Gewinnwachstum hindeuten.

Bei japanischen Aktien überzeugen uns vor allem die Gewinnrevisionen, die derzeit so stark ausfallen wie in kaum einer anderen Region. Der breit aufgestellte Topix-Index eröffnet zudem Zugang zu zyklischen Unternehmen weit über den KI-Sektor hinaus und ermöglicht so eine stärkere Diversifizierung gegenüber den USA und den Schwellenländern.

Auch in den Schwellenländern fallen die Unternehmensgewinne in den meisten Regionen kräftig aus. Der MSCI Emerging Markets Index ist mittlerweile stark auf nordasiatische Technologiekonzerne ausgerichtet, die erheblich vom anhaltenden Investitionszyklus rund um Künstliche Intelligenz profitieren.

Ein Engagement in KI-nahen Titeln bleibt angesichts des starken Gewinnwachstums sinnvoll. Angesichts zunehmender Konzentration und einer wachsenden Positionierung in gehebelten Einzeltitel-ETFs sehen wir jedoch die Notwendigkeit einer breiteren Diversifikation. Europa bleibt in der Asset Allocation dagegen untergewichtet, da wir das Gewinnwachstum im regionalen Vergleich schwächer einschätzen. Eine Ausnahme gibt es allerdings: Trotz unserer Untergewichtung europäischer Aktien sehen wir europäische Banken weiterhin positiv, da sie von starken Gewinnen und dem erhöhten Zinsniveau profitieren. Über die vergangenen Jahre haben sie sogar die sogenannten ‚Magnificent Seven‘ outperformt, ein Umstand, der angesichts der starken Fokussierung auf Künstliche Intelligenz und US-Technologiewerte leicht übersehen wird.

Im Fixed-Income-Bereich rechnen wir mit zunehmender Divergenz: Während der Aufwärtsdruck auf die US-Zinsen anhalten dürfte, sieht das Haus in Großbritannien und Australien mehr Wert in Staatsanleihen. Beim US-Dollar erwarten wir angesichts der restriktiveren Fed-Politik eine anhaltende Stärke gegenüber anderen wichtigen Währungen.

Gerade weil sich mehrere Kräfte gleichzeitig bewegen – Zinspolitik, KI-Investitionen und ein sich wandelndes Gewinnbild –, kommt es jetzt besonders auf eine selektive und aktive Portfoliosteuerung an, statt breit auf den Gesamtmarkt zu setzen.

Evan Brown

Evan Brown ist Leiter Multi-Asset-Strategy bei UBS Asset Management (UBS-AM). UBS ist ein führender und globaler Wealth Manager sowie die führende Universalbank in der Schweiz. Sie verfügt zudem über ein diversifiziertes Angebot im Asset-Management und fokussierte Kapazitäten im Investment-Banking. Der Hauptsitz in Deutschland befindet sich im Zentrum von Frankfurt, und UBS hat auch Niederlassungen in Berlin, Düsseldorf, Hamburg, München und Stuttgart.

Ralf Bauer

Ralf Bauer ist Head Wholesale & Wealth Management Client Coverage Deutschland & Luxemburg bei UBS Asset Management (UBS-AM). UBS ist ein führender und globaler Wealth Manager sowie die führende Universalbank in der Schweiz. Sie verfügt zudem über ein diversifiziertes Angebot im Asset-Management und fokussierte Kapazitäten im Investment-Banking. Der Hauptsitz in Deutschland befindet sich im Zentrum von Frankfurt, und UBS hat auch Niederlassungen in Berlin, Düsseldorf, Hamburg, München und Stuttgart.

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