Die größte Ölmarktkrise der Geschichte? Was der Iran-Konflikt jetzt auslöst
Die Schließung der Straße von Hormus galt lange als extremes Risikoszenario in den Köpfen der Investoren – und vermutlich auch in jenem von Donald Trump. Doch die Entscheidung des US-Präsidenten, am ersten Tag des Konflikts den iranischen obersten Führer auszuschalten, um so das Regime zu stürzen, hat Teheran dazu veranlasst, die weltweit wichtigste maritime Engstelle faktisch zu blockieren. Vor dem Krieg wurden fast 20 Prozent des globalen Ölangebots durch diese Passage transportiert. Seither gehen der Welt rund 12 Millionen Barrel pro Tag verloren – der mit Abstand größte Versorgungsabriss der Geschichte. Die Verluste liegen deutlich über denen von 5 Millionen Barrel während der Ölkrisen der 1970er Jahre oder 4 Millionen Barrel während der Golfkriege der 1980er- und 1990er-Jahre.
Der Hauptgrund für den nahezu vollständigen Verkehrsausfall ist heute das hohe Risiko von Angriffen auf Öltanker: Bisher wurden 17 Schiffe von iranischen Streitkräften attackiert. Trotz der Schwächung des iranischen Regimes bleibt dessen Fähigkeit, den Seeverkehr zu stören, beträchtlich, da hierfür nur begrenzte Mittel notwendig sind.
Engpass ohne echte Alternative
Besorgniserregend ist zudem, dass es kaum praktikable Alternativen zur Straße von Hormus gibt. Zwar verfügen Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate über zwei Pipelines, die die Meerenge umgehen, doch deren maximale Kapazität reicht bei Weitem nicht aus, um den Ausfall zu kompensieren. Hinzu kommt, dass die Lagerkapazitäten vieler Förderländer mit der Zeit an ihre Grenzen stoßen, was sie zu Produktionskürzungen zwingt. Dies betrifft bereits den Irak, Kuwait, die Vereinigten Arabischen Emirate und sogar Saudi-Arabien. Die OPEC-Förderung ist damit insgesamt um 8 Millionen Barrel pro Tag gesunken. Selbst nach einer Beilegung des Konflikts dürfte es ein bis zwei Monate dauern, bis die Produktion wieder voll angelaufen ist – mit anhaltenden Engpässen als Folge. Die Freigabe strategischer Ölreserven durch mehrere große Staaten ist zwar positiv, doch mit einer Entnahmerate von nur 1,4 Millionen Barrel pro Tag ist dieser Effekt viel zu schwach, um den Angebotsausfall am Markt aufzufangen.
Preisschock: Vom Öl bis zu Lebensmitteln
Diese Entwicklung erklärt den starken Anstieg der Ölpreise seit Beginn des Konflikts: Der Preis für die Sorte Brent liegt inzwischen deutlich über 100 US-Dollar pro Barrel und dürfte weiter steigen, bis der Schiffsverkehr wieder normalisiert ist. Betroffen vom Preisanstieg sind nicht nur Rohöl, sondern auch Benzin, Diesel, Kerosin und insbesondere Erdgas, da ein erheblicher Teil der Produktion ebenfalls durch diese Region transportiert wird. Darüber hinaus klettern auch die Preise für Aluminium, dessen Herstellung äußerst energieintensiv ist, sowie für Düngemittel, deren globale Produktion zu 13 Prozent in den Golfstaaten erfolgt. Das könnte spürbare Auswirkungen auf die weltweiten Nahrungsmittelpreise haben.
Drei mögliche Szenarien
Die Risiken für die Weltwirtschaft sind damit erheblich. Dabei zeichnen sich drei mögliche Szenarien mit sehr unterschiedlichen Konsequenzen für die Finanzmärkte ab:
- Das wahrscheinlichste Szenario ist ein Abnutzungskrieg zwischen Washington und Teheran, der noch einige Wochen andauert, bevor Donald Trump eine Deeskalation sucht, um einen schweren wirtschaftlichen Schock und eine dauerhafte Beschädigung seiner Partei im Wahljahr zu vermeiden. Die Weltwirtschaft, die vor dem Krieg wieder an Schwung gewonnen hatte, würde zwar verlangsamt, doch die schlimmsten Folgen könnten verhindert werden. Dies würde ausreichen, um die Risikobereitschaft an den Märkten neu zu beleben und einen deutlichen Anstieg der Aktienindizes auszulösen, sobald mehr Klarheit herrscht.
- Das Negativszenario, dessen Wahrscheinlichkeit leider zunimmt, wäre ein anhaltender Zustand des Chaos – entweder durch ein weiterhin aggressives iranisches Regime oder einen Kollaps ohne stabile politische Alternative. In diesem Fall müssten Investoren dauerhaft eine hohe geopolitische Risikoprämie in alle Anlageklassen einpreisen, insbesondere in Öl. Ein länger anhaltender Preisschub könnte dann eine ausgeprägte Stagflation auslösen.
- Das günstigste Szenario wäre ein Regimewechsel, etwa hin zu einer demokratischen oder prowestlichen Regierung. Dies würde das geopolitische Risiko dauerhaft senken, ausländische Investitionen anziehen, den Ölpreis nachhaltig dämpfen und eine Welle des Optimismus an den Finanzmärkten auslösen. Gegenwärtig ist dieses Szenario jedoch am wenigsten wahrscheinlich, da die Machtstrukturen des iranischen Regimes bislang bemerkenswert widerstandsfähig sind.
Absicherungen beibehalten
Da der Ausgang des Konflikts völlig ungewiss bleibt, haben wir beschlossen, unsere bestehenden Absicherungen beizubehalten – sowohl Options- als auch Kredithedges –, die bereits vor Ausbruch eingerichtet wurden. Zudem bleiben wir weiterhin stark in US-Dollar investiert, da diese Währung wieder als sicherer Hafen fungiert, und halten eine neutrale Position bei Staatsanleihen, deren Renditen derzeit stark von Inflationsängsten beeinflusst sind.
Inflationsanstieg
Es ist absehbar, dass die weltweite Inflation in den kommenden Monaten steigen wird – vor allem durch den automatischen Effekt höherer Energiepreise. Dies wird insbesondere die Gesamtinflation betreffen, weniger jedoch die Kerninflation, da diese volatile Komponenten ausschließt. Ein extremer Inflationsschub wie in den 1970er-Jahren oder 2022, der damals zu massiven Zinserhöhungen führte, ist jedoch aus mehreren Gründen unwahrscheinlich:
- Erstens ist die Energieintensität der Wirtschaft – also die Menge Öl, die benötigt wird, um 1 Euro am Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu erzeugen – seit den 1970er-Jahren um die Hälfte bis zwei Drittel gesunken. Damit reagiert die Weltwirtschaft heute weniger empfindlich auf Ölpreisschwankungen.
- Zweitens handelt es sich diesmal ausschließlich um einen Angebotsschock und nicht, wie im Jahr 2022, um eine Kombination aus Angebotsschock und Nachfrageschub durch Pandemie-Ersparnisse und massive Konjunkturprogramme. Heute bleibt der fiskalische Handlungsspielraum eng begrenzt, insbesondere in Europa, wo die neuen EU-Haushaltsregeln nur eine flexible Reserve von 0,3 Prozent des BIP erlauben.
- Drittens ist die globale Wirtschaft derzeit weitgehend im Gleichgewicht. Im Gegensatz dazu verschoben sich im Jahr 2022 die Konsumausgaben abrupt von Waren auf Dienstleistungen, was die Lieferketten stark belastete.
- Viertens zeigt sich der Arbeitsmarkt deutlich entspannter: In den USA gibt es inzwischen weniger offene Stellen als Arbeitslose, sodass Lohn-Preis-Spiralen unwahrscheinlicher sind.
- Fünftens wirken Produktivitätsgewinne, insbesondere durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz, als disinflationärer Faktor, der den Preisdruck teilweise kompensiert.
Zentralbanken dürften ruhig bleiben
All diese Punkte sprechen dafür, dass die Zentralbanken besonnen reagieren sollten. Zinserhöhungen würden kein zusätzliches Öl auf den Markt bringen und hätten kaum Einfluss auf die Energiepreise. Im Gegenteil: Sie könnten das Wachstum weiter bremsen und damit den Fehler einer überharten Geldpolitik, wie sie im Jahr 2008 zu beobachten war, wiederholen. Solange die Inflationserwartungen verankert bleiben, dürften die Notenbanken Geduld bewahren, was die Märkte stützen sollte. Kurzfristig bleiben wir an den Aktienmärkten vorsichtig. Wir rechnen jedoch mit einer kräftigen Erholung, sobald sich die Lage im Nahen Osten klärt und eine längerfristige Eskalation vermieden werden kann.“