Michaël Nizar und Nabil Milali, Edmond de Rothschild

Der Nahe Osten stürzt ins Ungewisse

Die Eliminierung von Ali Khamenei, dem Supreme Leader des Iran, in den frühen Stunden des Konflikts gemeinsam mit 48 weiteren politischen und militärischen Führungsfiguren bestätigt, dass das Ziel der USA und Israels tatsächlich ein Regimewechsel ist und nicht nur die Zerstörung der nuklearen und ballistischen Fähigkeiten Teherans. Es handelt sich um eine beispiellose Eskalation, deren Folgen für die gesamte Region tiefgreifend und dauerhaft sein werden – und zweifellos auch für das globale geopolitische Gleichgewicht. Diese Intervention scheint zugleich eine Botschaft an China zu sein.

Michaël Nizard, Edmond de Rothschild

Angesichts einer nun existenziellen Bedrohung hat sich das iranische Regime dazu entschieden, den Konflikt zu regionalisieren, indem es zahlreiche Nachbarstaaten angreift – darunter die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Saudi-Arabien und sogar den Oman. Derzeit üben diese Staaten noch Zurückhaltung und beschränken sich darauf, iranische Raketen abzufangen. Doch je größer die menschlichen und materiellen Verluste werden, desto wahrscheinlicher wird eine Vergeltung auf iranischem Territorium. Auch Frankreich, das Vereinigte Königreich und Deutschland verfolgen bislang eine defensive Strategie, ein stärkeres Eingreifen ist jedoch nicht ausgeschlossen.

Risikoscheu an den Finanzmärkten

Die Risikoscheu an den Finanzmärkten ist heute Morgen deutlich spürbar: Aktienindizes setzen ihre Verluste fort, der US-Dollar legt zu, die Credit Spreads weiten sich aus und der Goldpreis steigt. Angesichts der Tragweite der Ereignisse bleiben die Marktbewegungen jedoch bislang vergleichsweise begrenzt. Eine plausible Erklärung hierfür ist, dass Brent-Öl mit rund 79 US-Dollar pro Barrel weiterhin auf einem für die Weltwirtschaft tragbaren Niveau gehandelt wird, wenngleich der Preis seit Jahresbeginn um fast 30 Prozent gestiegen ist. In den kommenden Tagen und Wochen dürften die Ölpreise eine höhere geopolitische Risikoprämie einpreisen, da durch den Konflikt die Straße von Hormus erheblich beeinträchtigt ist. Durch diese Meerenge verlaufen rund 20 Prozent des weltweiten Ölhandels und über ein Drittel des seeseitigen Transports. Verantwortlich sind weniger direkte Angriffe auf Tanker als vielmehr sprunghaft gestiegene Versicherungskosten und die teilweise vollständige Weigerung, Schiffe für die Durchquerung der Meerenge zu versichern. Zudem berichten mehrere Quellen, dass GPS-Signale in der Region gestört werden. Sollte dieser Zustand anhalten, käme dies einer faktischen, wenn auch nur temporären Schließung der Schifffahrtsroute gleich. Das schlimmste Szenario wäre eine Verminung der Passage durch Teheran – Hinweise darauf gibt es derzeit jedoch nicht.

Ähnlich stellt sich die Lage bei den Gaspreisen dar, die für Europa von besonderer Bedeutung sind: Sie sind heute Morgen um mehr als 30 Prozent gestiegen. Der Anstieg hätte jedoch noch deutlich stärker ausfallen können, wenn die weltweite LNG-Produktion nicht so hoch wäre. Anleger sollten besonders die Lieferströme aus Katar im Blick behalten, das rund 20 Prozent des globalen Angebots stellt. Insofern ist die Ankündigung von QatarEnergy, die LNG-Produktion vorerst einzustellen, ein äußerst negatives Signal – auch wenn die Tatsache, dass Doha zu den Verbündeten Teherans zählt, die Hoffnung nährt, dass Katars Exporte vergleichsweise wenig beeinträchtigt werden könnten.

Anhaltende Unsicherheit

Die Unsicherheit dürfte noch einige Zeit anhalten, zumal Donald Trump selbst angedeutet hat, dass der Konflikt fast vier Wochen dauern könnte. Aus strategischer Sicht ziehen wir es daher vor, derzeit einen Rahmen auf Basis zentraler Kriterien und eines strukturierten Investmentplans zu definieren, anstatt auf ein bestimmtes politisches Ergebnis zu setzen. In diesem Kontext zeichnen sich aus unserer Sicht drei mögliche Szenarien ab:

  1. Das am meisten gefürchtete Szenario ist das eines Chaos (Wahrscheinlichkeit: 20 Prozent), ähnlich der Situation in Libyen nach dem Sturz Muammar al-Gaddafis. Selbst wenn das derzeitige Regime in Teheran fällt, sind keine tragfähigen Alternativen in Sicht. Ein institutionelles Vakuum könnte einen Bürgerkrieg auslösen. Milizen könnten den Schiffsverkehr in der Straße von Hormus dauerhaft unterbrechen oder wiederkehrende Angriffe auf Ölanlagen durchführen. In einem solchen Umfeld bliebe die geopolitische Risikoprämie im Ölpreis hoch und dauerhaft bestehen. Das Risiko einer neuen Inflationsspirale würde zunehmen – mit länger anhaltender Vorsicht gegenüber risikoreichen Anlagen und langfristigen Staatsanleihen. Auch Zweitrundeneffekte auf die US-Unternehmensverschuldung infolge höherer Kapitalkosten wären ein Thema, ebenso die Refinanzierung von Technologie- und KI-Unternehmen.
  2. Das zweite Szenario ist ein Abnutzungskrieg mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent, der sich über mehrere Monate hinzieht, bevor Donald Trump eine Deeskalation einleitet. Dabei dürfte sich das iranische Regime widerstandsfähiger erweisen als erwartet; ein Regimewechsel ohne Bodenoffensive ist historisch schwierig – eine Option, die Trump ausschließt. Zudem deuten Berichte auf eine weniger zentralisierte iranische Kommandostruktur hin. Zieht sich der Konflikt, könnte Trump versucht sein, die Feindseligkeiten zu beenden und den Sieg für sich zu beanspruchen – nicht zuletzt, weil er kaum riskieren dürfte, dass Benzinpreise im Vorfeld der Zwischenwahlen weiter steigen. In diesem Szenario würden die Ölpreise zwar wieder sinken, jedoch nicht auf das Vorkrisenniveau zurückkehren. Das dürfte aber ausreichen, um die Risikobereitschaft an den Finanzmärkten erneut zu beleben.
  3. Schließlich wäre das von den Vereinigten Staaten und Israel erhoffte Szenario ein Regimewechsel (Wahrscheinlichkeit: 30 Prozent). Dieser könnte in Richtung einer demokratischen Transition oder hin zu einem gegenüber Washington kompromissbereiteren autoritären Regime erfolgen. Gelingt dies, wäre es ein historischer Wendepunkt: Ein mehr als 40 Jahre währender Zyklus seit 1979 würde enden. Die USA hätten damit einen bedeutenden strategischen Erfolg erzielt: Sie hätten den Iran von den übrigen Golfstaaten isoliert und zugleich die Abraham-Abkommen weiter gefestigt. Neben einem starken Rückgang der Brent-Preise und einer höheren Risikobereitschaft an den Finanzmärkten würde dieses Umfeld die Suche nach Chancen an Aktien- und Kreditmärkten begünstigen – bei fortgesetzter Präferenz für eine internationale Sektorrotation zugunsten Japans und der Schwellenländer.

Herausforderungen für Zentralbanken

Steigende Energiepreise dürften indes erneut die Inflation treiben und die Zentralbanken vor neue Herausforderungen stellen – besonders die Federal Reserve (Fed) startet unter diesen Bedingungen in ein ausgesprochen schwieriges Jahr 2026. Zwar bleibt die Kommunikation leicht unterstützend und Zinssenkungen sind in Aussicht, doch Inflation, Arbeitsmarkt und geopolitische Schocks machen jede Entscheidung heikel. Gleichzeitig beobachtet die Fed Privatkreditmärkte und Nahostrisiken; der Anstieg der Credit Spreads bleibt moderat, zeigt aber seit Wochen einen Aufwärtstrend. Aus heutiger Sicht dürfte der künftige Fed-Chef Kevin Warsh trotz hoher Ölpreise eher zu Zinssenkungen neigen: Ein anhaltender Ölpreisschock würde Konsumausgaben belasten und Wachstum dämpfen – ein zusätzliches Argument für expansivere Geldpolitik.

Michaël Nizard

Michaël Nizard ist Head of Multi Asset & Overlay bei Edmond de Rothschild AM, ein Investmenthaus, das auf Private Banking und Asset Management spezialisiert ist. Zum internationalen Kundenkreis zählen Familien, Unternehmer und institutionelle Investoren. Die Edmond de Rothschild Gruppe ist auch in den Bereichen Corporate Finance, Private Equity, Immobilien und Fund Services tätig. Als familiengeführtes Unternehmen besitzt Edmond de Rothschild die notwendige Unabhängigkeit, um mutige Strategien und langfristige Anlagen vorschlagen zu können, die in der Realwirtschaft verankert sind. Die Gruppe wurde 1953 gegründet und verfügte per Ende Dezember 2023 über ein verwaltetes Vermögen von rund 163 Milliarden Schweizer
Franken, 2.600 Mitarbeiter und 28 Niederlassungen weltweit

Nabil Milali

Nabil Milali ist Portfolio Manager, Multi-Asset & Overlay bei Edmond de Rothschild AM, ein Investmenthaus, das auf Private Banking und Asset Management spezialisiert ist. Zum internationalen Kundenkreis zählen Familien, Unternehmer und institutionelle Investoren. Die Edmond de Rothschild Gruppe ist auch in den Bereichen Corporate Finance, Private Equity, Immobilien und Fund Services tätig. Als familiengeführtes Unternehmen besitzt Edmond de Rothschild die notwendige Unabhängigkeit, um mutige Strategien und langfristige Anlagen vorschlagen zu können, die in der Realwirtschaft verankert sind. Die Gruppe wurde 1953 gegründet und verfügte per Ende Dezember 2023 über ein verwaltetes Vermögen von rund 163 Milliarden Schweizer
Franken, 2.600 Mitarbeiter und 28 Niederlassungen weltweit