Das Ende der US-Goldlöckchen-Phase?
Die US-Aktienmärkte genossen einen langen Aufschwung – nun wurden sie daran erinnert, dass es trotz solider Fundamentaldaten zu Volatilität kommen kann. Am Freitag erfolgte ein Ausverkauf im Technologiesektor, dem eine Schwäche in Teilen Asiens folgte. Das deutet darauf hin, dass die Märkte ein Umfeld neu bewerten, das zuvor als zunehmend stabil galt. Anleger sollten sich daher weniger fragen, ob das Wachstum ins Stocken geraten ist, sondern vielmehr, ob sich die Märkte auf eine schwierigere Kombination aus verlässlichen Daten, höheren Zinserwartungen und anhaltenden geopolitischen Risiken einstellen müssen.
Falsche Sicherheit durch US-Arbeitsmarktdaten und KI-Euphorie
In den letzten Wochen hatten sich die Märkte an ein makroökonomisch günstiges Umfeld gewöhnt. US-Aktien legten neun Wochen in Folge zu – angetrieben von der Dynamik bei Titeln mit Bezug zur künstlichen Intelligenz (KI) sowie dem Optimismus hinsichtlich KI-bedingter Investitionsausgaben. Diese Begeisterung trug dazu bei, die hohen Bewertungen, insbesondere im Technologiesektor, zu stützen. Dadurch entstand der Eindruck, dass die Märkte ein nahezu ideales Ergebnis einpreisten.
Einer der wichtigsten Faktoren hierfür waren die US-Arbeitsmarktdaten, die besser ausfielen als erwartet. Laut jüngsten Meldungen stieg die Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft im Mai um 172.000, was deutlich über den Konsensschätzungen lag. Zudem wurden die Zahlen der Vormonate nach oben korrigiert. Dies bestärkte die Ansicht, dass sich die US-Wirtschaft weiterhin widerstandsfähig zeigt. Entsprechend bewerteten die Märkte den voraussichtlichen Kurs der Federal Reserve neu.
Märkte unterschätzen geopolitischen Einfluss auf Zinspolitik
Diese Veränderung ist wichtig. Zu Beginn des Jahres konzentrierten sich die Märkte auf Zinssenkungen. Nun richtet sich die Aufmerksamkeit darauf, ob die Geldpolitik möglicherweise länger restriktiv bleibt, weil sich Wachstum und Beschäftigung besser als erwartet entwickeln. Das Risiko besteht weniger in einer wirtschaftlichen Verschlechterung als vielmehr darin, welche Auswirkungen diese Widerstandsfähigkeit auf Bewertungen und Diskontsätze hat.
Auch die Inflationsrisiken sind nicht verschwunden. Die Spannungen im Nahen Osten und die Unsicherheit rund um die Straße von Hormus spielen weiterhin eine wichtige Rolle – insbesondere für die Energiemärkte. Selbst wenn die diplomatischen Bemühungen Fortschritte machen, unterschätzen die Märkte möglicherweise nach wie vor, inwieweit sich geopolitische Spannungen auf die Inflationserwartungen und die Ausrichtung der Geldpolitik auswirken können.
Neubewertung nach langer Rallye
Nach der anhaltenden Rallye am US-Aktienmarkt waren die Positionen ausgereizt. Als sich dann das makroökonomische Umfeld veränderte, wurden die Märkte entsprechend anfälliger. Gleichzeitig werden die Finanzierungsanforderungen der nächsten Phase des KI-Zyklus deutlicher. Dies zeigt, dass Anleger bereits viele Erwartungen an das Thema künstliche Intelligenz stellen.
Wenn Märkte stark steigen, sind überzogene Erwartungen und konzentrierte Positionen anfälliger für Enttäuschungen. Das muss jedoch nicht unbedingt auf eine Wende im Gesamtzyklus hindeuten. Es kann sich auch lediglich um eine Neubewertung nach zuvor sehr optimistischen Niveaus handeln.
Disziplin statt Rückzug
Das Wachstum hält weiterhin an, die Gewinne haben sich nicht wesentlich verschlechtert und die Aussichten sind stabiler als zu Beginn des Zyklus befürchtet wurde. Der jüngste Rückgang erinnert jedoch daran, dass sich selbst starke Märkte deutlich korrigieren können, beispielsweise durch veränderte Erwartungen hinsichtlich der Politik, überlaufene Positionen oder verschärfte geopolitische Risiken.
Die Botschaft lautet: Disziplin, nicht Rückzug. Die Argumente für Risikoanlagen sind nach wie vor robustes Wachstum und solide Gewinne. Doch bei hohen Bewertungen und einem weniger eindeutigen makroökonomischen Umfeld kommt der Selektivität eine größere Bedeutung zu. Die Märkte reagieren weiterhin empfindlich auf die Kombination aus starken Daten, höheren Realrenditen, konzentrierten Positionen und ungelösten geopolitischen Risiken