Comeback mit Inflation
Zeugnis
Die Welt stellt ein „Zwischenzeugnis für die Bundesregierung“ aus (die Welt mit kleingeschriebenem Artikel denkt es sich nur) mit Noten von 1 (Wirtschaftsministerin Katharina Reiche) bis Note 6 (Arbeitsministerin Bärbel Bas). Überraschend: Verteidigungsminister Boris Pistorius erhält nur die Note 5. Als versierter Vater haben wir flugs den Zeugnisdurchschnitt ausgerechnet: Eine glatte 3, wer hätte das gedacht? Es kann nur besser werden, am Montag macht der Münchner Merkur mit dem frommen Wunsch auf: „Regierung will weniger streiten“. Eltern kennen dieses Versprechen… Aber seien wir nicht zu pessimistisch, blicken wir über den Tellerrand und erfahren in der Börsen-Zeitung von Sebastian Guth: „Bayer-Spitzenmanager warnt Europa vor Niedergang“. „Westeuropa wird von historischer Pleitewelle erfasst“, präzisiert Die Welt. Wenig überraschend sprudeln die Steuern in Deutschland nicht mehr wie gewohnt: „Steuerschätzung: Trumps Krieg kostet Deutschland viele Milliarden“, klärt die Süddeutsche Zeitung auf. „Wirtschaftsflaute drückt Steuereinnahmen“, bringt es die Börsen-Zeitung auf den Punkt. Da es dem Staat generell an Geld mangelt, egal ob er viel oder noch mehr einnimmt, spielt das auch keine große Rolle mehr. Die Welt fragt schließlich noch: „Künstliche Intelligenz statt Beamte – ist das realistisch?“. Dazu schweigen wir besser. Wichtiger ist da schon, wie es Timmy geht, dem Buckelwal. Er ist jetzt frei, aber ob er noch lebt oder nicht, ist unklar. Jedenfalls scheint er trotz Peilsender einigermaßen verpeilt zu sein – aber sonst hätte es ihn ja auch nicht in die Ostsee verschlagen.
Phönix zündet
Optisch ansprechend macht Der Aktionär auf: „100% mit Tech“, genauer: „Amazon, Nvidia & Co auf Rekordhoch – diese 3 neuen Tipps zünden jetzt“. Aber es geht noch mehr: „620% dank KI“! Ein aufgeblasenes Euro-Zeichen streckt uns Focus Money entgegen und suggeriert damit: „Wie Sie die Inflation austricksen!“. Prozentual liegt das Magazin allerdings unter dem Aktionär: „Bis 43% Chance“ heißt es da nämlich nur. Doch zurück zur Inflation: „Gold, Metalle, Öl, Sachwerte – so vermehren Sie Ihr Vermögen trotz Geldentwertung“. Vielleicht das Auto derzeit nicht bewegen, das Benzin im Tank wird schließlich immer wertvoller? Eine „Phönix-Rally“ fängt uns Börse Online fürs Depot und präsentiert einen goldschimmernden Vogel mit ausgestreckten Flügeln und langem Federschwanz. Angeblich verbrennt der Phönix ja am Ende seines Lebens und wird dann aus der Asche neu geboren. Bei Börse Online handelt es sich etwas profaner um „10 Comeback-Chancen, 50% unter 5-Jahres-Hoch, KGV kleiner 14“. Ganz ohne mögliche Prozentgewinne kommt Euro am Sonntag aus, hier gibt es einfach die „Exklusiv-Strategie für Mega-Gewinne“.
Luxusproblem
Manches Problem hätte man gerne, manches stellt sich gar als tatsächliches Luxusproblem heraus. Der Multimilliardär und Amazon-Gründer Jeff Bezos will sich von Koru, seiner 500-Millionen-Yacht trennen. Er wird damit dem bekannten Spruch gerecht, dass es bei Mensch und Boot zwei Glücksmomente gibt: Den Kauf und den Verkauf. Die Süddeutsche Zeitung unkt über Bezos, ob vielleicht Sparsamkeit die Ursache für seine Verkaufsabsichten stellt, immerhin koste eine Yacht etwa ein Zehntel des Verkaufspreises an Betriebskosten pro Jahr. Da kommt einiges zusammen und – auch das keine neue Erkenntnis – reich wird man durch Sparen und reich bleibt man durch Sparen. Das trifft auf Superreiche gewissermaßen auch zu. Noch mehr gespart hätte Bezos allerdings, wenn er erst gar keine Super-Yacht gekauft hätte – aber dann ist mach auch nicht superreich. Doch die Ursache der Trennung von Mann und Boot ist viel banaler: Die 125 Meter lange, 17 Meter breite und 70 Meter hohe Segelyacht ist schlicht für viele Häfen zu groß. Auch für Venedig etwa, falls nach der Hochzeit dort eine Scheidung eingeplant ist. Und was hilft die luxuriöseste Yacht, wenn man damit nicht angeben kann? „Och nö, meine Yacht nervt“.
Saturn
Wenn es nicht so traurig wäre und so gut ins Bild von Deutschlands Wirtschaft passte, müsste man fast so etwas wie Schadenfreude empfinden: Eine KI-Firma will etwa 250 Mitarbeiter entlassen – wegen KI. Da hat sich die Katze quasi selbst in den Schwanz gebissen und die Grabenden (sagt man so heute?) einer Grube sind selbst hineingefallen und dero Sprichwörter mehr, und nein, wir haben nicht ChatGPT befragt. „KI-Firma streicht rund ein Viertel der Stellen“, berichtet das Handelsblatt und nennt auch Ross und Reiter: Es handelt sich um DeepL und als Reiter fungiert CEO Jarek Kutylowski. Er will sein Unternehmen laut Handelsblatt auf eine „AI-First“-Strategie ausrichten. Das erscheint nachvollziehbar, ein Autokonzern dürfte auch eine „Auto-First“-Strategie fahren. Da fällt uns ein letztes Zitat ein, mehr als zweihundert Jahre alt und Pierre Vergniaud zugeschrieben, pikanterweise auf dem Schafott: „Die Revolution frisst ihre Kinder“. Er hatte noch ein „gleich Saturn“ hinzugefügt, aber wir lassen die römische Mythologie einmal beiseite.