China und die Schwellenländer: mehr Stabilität, neue Wachstumstreiber
Viele Schwellenländer haben durch Reformen, ausgeglichenere Haushalte und strengere geldpolitische Disziplin ihre Glaubwürdigkeit wiederhergestellt. Sie tragen eine wesentlich geringere Schuldenlast als die entwickelten Volkswirtschaften, was ihnen mehr Spielraum für die Bewältigung externer Schocks verschafft. Die Zentralbanken in den aufstrebenden Volkswirtschaften haben ihre Geldpolitik während des Inflationszyklus ebenfalls präventiv gestrafft und dann nur vorsichtig gelockert.
Zölle wirken in entwickelten Märkten wie ein Angebotsschock, in Schwellenländern jedoch größtenteils wie ein Nachfrageschock – und ein solcher ist leichter zu bewältigen. Während sich die US-Zölle auf die globalen Preise niederschlagen, bleibt die Inflation in den Schwellenländern gedämpfter. Das liegt an den niedrigeren Lebensmittel- und Energiekosten sowie an Chinas exportierter Deflation. Infolgedessen haben mehrere Zentralbanken in den Schwellenländern Spielraum für Lockerungsmaßnahmen, um die Binnennachfrage und das Kreditwachstum zu stützen.
Wachstumstreiber und regionale Gewinner: Digitalisierung, Rohstoffe, Lieferketten
Das Wachstum in den Schwellenländern wird höchstwahrscheinlich durch die Digitalisierung, verbesserte Kreditzyklen, physische Infrastruktur, eine Erholung der Rohstoffpreise und Investitionen in KI-Lieferketten angetrieben werden. Nordasien profitiert weiterhin von der Nachfrage nach Halbleitern sowie dem Bedarf an Rechenzentren und Elektrifizierung.
Die Regierungen in Korea, China und Japan unterstützen mit verschiedenen Maßnahmen die Schaffung von Shareholder Value. Mexiko, Malaysia und Vietnam gewinnen unterdessen weiterhin Anteile am Welthandel.
Die jahrelangen Unterinvestitionen in Ressourcen kommen den rohstoffgetriebenen Volkswirtschaften Lateinamerikas zugute, nun zusätzlich gestützt durch einen politischen Rechtsruck. Selbst historisch fragile Märkte wie Argentinien, Ägypten, Nigeria und Pakistan haben nach der Krise deutlich aufgeholt – mit Währungsabwertungen, eingedämmter Inflation, sinkenden Defiziten und einer verbesserten Zahlungsbilanz.
Auch die Marktinfrastruktur in den Schwellenländern ist gereift: Mehr Finanzierung in lokaler Währung, eine größere inländische Anlegerbasis und flexible Wechselkurssysteme sorgen für widerstandsfähige Aktienmärkte und nachhaltigere Zyklen.
China im Umbau: Von Immobilien zu Industrie, Exporten und Technologie
In China wird das Wachstum durch eine Wiederbelebung des verarbeitenden Gewerbes und der Exporte getragen. Das Land hat sich von einer von Immobilien und Infrastruktur geprägten Wirtschaft hin zu einem Modell entwickelt, das von einer wettbewerbsfähigen Fertigung mit hoher Wertschöpfung angetrieben wird. Dies hat zu einer zweigeteilten Wirtschaft geführt: Das „alte China” bleibt zyklisch schwach, während das „neue China” zunehmend eine globale Führungsrolle beansprucht.
Das alte China, welches auf Immobilien und kostengünstiger Fertigung basiert, sieht sich mit Überkapazitäten, Deflationsdruck und einer mehrere Jahre andauernden Korrektur am Immobilienmarkt konfrontiert, die das Vertrauen des privaten Sektors und das nominale Wachstum belastet hat.
Parallel dazu hat das neue China einen technologischen und industriellen Wandel durchlaufen. Das Land macht nun 28 Prozent der weltweiten Produktion aus – gegenüber nur 5 Prozent im Jahr 2000 – und weist einen Handelsüberschuss von mehr als einer Billion US-Dollar auf. Während der Anteil der USA an den chinesischen Exporten zurückgegangen ist, sind die Lieferungen in Schwellenländer von 34 Prozent im Jahr 2016 auf rund 45 Prozent gestiegen. Dies spiegelt eine Umleitung von Waren wider, die zuvor für die USA bestimmt waren.
Darüber hinaus hat China seine Investitionen und die Offshore-Produktion in mehreren Schwellenländern erhöht und sich damit in der Wertschöpfungskette in den Bereichen saubere Energie, Elektrofahrzeuge, Batterien, Robotik, Biotechnologie und KI nach oben gearbeitet. Ein entscheidender Moment war 2018 die Beschränkung des Exports von Halbleitern aus den USA: Diese legte Chinas strategische Schwachstellen offen. Doch Peking reagierte darauf, beschleunigte die Entwestlichung der Lieferketten und leitete Kapital in Schlüsselindustrien um, während es die Fremdfinanzierung im Immobiliensektor stärker begrenzte. Dies führte zu einem doppelten Schock: einer Abschwächung der Binnennachfrage im Immobilienbereich und einem Ausbau der modernen Fertigungskapazitäten. Die Exportstruktur hat sich entsprechend verschoben – Batterien, Elektrofahrzeuge, Solartechnik, Schiffe und Industrieroboter machen fast die Hälfte des Anstiegs von Chinas Handelsüberschuss in den vergangenen sieben Jahren aus.
Chinas strukturelle Vorteile bei den Stromkosten und rund 12 Millionen MINT-Absolventen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) jährlich sind schwer zu kopieren. Europa, Japan und Korea haben bei Autos, Chemie, Solar und Industriemaschinen weltweit Marktanteile eingebüßt. Die wachsende Bedeutung Chinas in der Technologiebranche zeigte sich auch in der Veröffentlichung des DeepSeek-KI-Modells Anfang 2025.
Der Wandel Chinas von günstiger Massenfertigung hin zu fortgeschrittener industrieller Leistungsfähigkeit bereitet den Boden für die nächste Stufe des globalen Wettbewerbs: Künstliche Intelligenz.