Joshua Crabb, Robeco

Asiens struktureller Rückenwind gewinnt an Stärke

Der asiatisch-pazifische Raum ist die Region, die seit Ausbruch des Konflikts im Nahen Osten am stärksten von dem Energieschock betroffen ist. Und doch haben sich ihre Aktienmärkte 2026 bislang besser entwickelt als ihre US-amerikanischen und europäischen Pendants. Wir werten dies als ein Zeichen für die zentrale Rolle der Region im globalen Technologie- und Innovationsgeschehen.

Joshua Crabb, Robeco

Der MSCI Asia-Pacific legte bis zum 30. April 2026 um 13,2 Prozent zu und entwickelte sich damit zuletzt besser als der MSCI USA (5,5 Prozent) und der MSCI Europe (4,4 Prozent), während viele Portfolios weiterhin stark auf eine kleine Gruppe von US-Unternehmen konzentriert sind. Eine Kombination aus attraktiveren relativen Bewertungen, einer über die USA hinaus breiter werdenden konjunkturellen Dynamik sowie sich verlagernden Lieferketten bietet Investoren die Möglichkeit, ihre regionale Allokation neu zu bewerten. Der jüngste Konflikt im Nahen Osten führte zwar zu einer breiten Risikoaversion und einer Neubewertung der Märkte, aus mittelfristiger Sicht stellte diese Korrektur jedoch eher eine Einstiegsgelegenheit dar, anstatt die fundamentale Investmentstory der Region zu schwächen.

Künstliche Intelligenz als Treiber in Taiwan, Korea und Japan

Im Zentrum der Investmentchance steht die Rolle Asiens beim Ausbau von künstlicher Intelligenz (KI) und digitaler Infrastruktur. Während Schlagzeilen meist US-Chipdesigner und Hyperscaler hervorheben, wird ein Großteil der entscheidenden Infrastruktur – gewissermaßen die „Pick-and-Shovel“-Komponenten der KI-Ära – in Asien produziert. Mit der globalen Ausweitung von Rechenzentren steigt die Nachfrage nach fortschrittlichen Kühlsystemen, Netzwerktechnologie, Präzisionskomponenten und Lösungen für das Energiemanagement. Viele der Schlüsselanbieter in diesen Bereichen, insbesondere entlang der Speicher- und Halbleiter-Lieferketten, sitzen in Japan, Korea und Taiwan. Dadurch entsteht ein Zugang zu KI-getriebenen Investitionen, ohne ausschließlich von den bekanntesten Halbleitertiteln abhängig zu sein.

Auch Energie entwickelt sich zu einem zentralen Engpass im KI-Zeitalter. Asiatische Anbieter von Energieinfrastruktur und Stromversorgung könnten profitieren, da Versorger und Unternehmen ihre Netze und Kapazitäten ausbauen müssen, um den stark steigenden Strombedarf zu decken.

Bewertungen weiter deutlich unter US-Niveau

Ein zweiter wichtiger Pfeiler der Investmentthese für den asiatisch-pazifischen Raum sind die Bewertungen. Nachdem die US-Märkte bereits eine längere Phase der Neubewertung erlebt haben, scheint das Potenzial für weitere Bewertungsanstiege begrenzt. Zukünftige Renditen dürften daher stärker vom Gewinnwachstum abhängen. Asien dagegen bietet weiterhin Potenzial für Gewinnwachstum und eine Bewertungsaufholung. Die wirtschaftliche Aktivität nimmt von einem niedrigen Ausgangsniveau aus zu, und die Gewinnrevisionen im asiatisch-pazifischen Raum drehen ins Positive – unterstützt durch Unternehmensreformen, stärkere Binnennachfrage sowie spätere Zyklusimpulse durch KI, Infrastrukturinvestitionen und steigende Verteidigungsausgaben. Zudem sind die Dividendenrenditen in Asien häufig attraktiver, was Investoren eine zusätzliche Renditequelle eröffnet.

Die langfristige Bewertungslücke zwischen Asien und den USA spiegelt auch Unterschiede in Marktstrukturen und der Wahrnehmung von Aktionärsfreundlichkeit wider. US-Unternehmen wurden für höhere Verschuldung, umfangreiche Aktienrückkäufe und konstant hohe Eigenkapitalrenditen belohnt.

In einigen asiatischen Märkten hingegen haben Defizite bei Corporate Governance und Aktionärsrenditen historisch zu niedrigeren Bewertungen geführt – trotz solider Fundamentaldaten. Dieses Bild verändert sich jedoch zunehmend: Reformen in Japan sowie Initiativen wie „Value Up“ in Korea führen zu einer effizienteren Kapitalallokation, höheren Ausschüttungsquoten und disziplinierteren Bilanzen. Aktienrückkäufe und Dividenden gewinnen an Bedeutung. Mit der weiteren Verbreitung dieser Entwicklungen besteht erhebliches Potenzial, dass sich die Bewertungslücke im Zeitverlauf schließt.

Asien bietet ein breites Spektrum an Chancen

Neben Japan, Taiwan und Korea unterscheiden sich die strukturellen Wachstumstreiber in der Region deutlich. Insbesondere Indien und Südostasien profitieren von günstigen demografischen Trends, steigenden Einkommen und fortschreitender Urbanisierung, was zu einem mehrjährigen Anstieg von Konsum und Dienstleistungsnachfrage führt. Besonders Finanzwerte, Konsumunternehmen und infrastrukturnahe Sektoren profitieren von einer zunehmenden Bankpenetration, erweitertem Zugang zu
Krediten sowie staatlichen Investitionen in Infrastruktur.

Indien befindet sich zudem in einem ausgeprägten Investitionszyklus im Infrastrukturbereich, mit erheblichen Ausgaben für Stromnetze, Elektrifizierung und Modernisierung zur Unterstützung von Industrialisierung und wachsender Rechenzentrumsnachfrage. Diese Entwicklungen schaffen langfristige Wachstumsperspektiven und attraktive Anlagechancen in Banken, Versorgern, Industriewerten und Technologiebereichen.

Innerhalb der ASEAN-Region stehen strukturelle Themen wie finanzielle Inklusion, Urbanisierung und digitale Infrastruktur im Fokus. Banken in Ländern wie Indonesien, den Philippinen und Vietnam profitieren von niedriger Kreditpenetration und der Formalisierung von Finanzsystemen. Gleichzeitig ziehen steigende Einkommen und verstärkte Urbanisierung Nachfrage in den Bereichen Immobilien und Konsum nach sich. Darüber hinaus entwickelt sich die Region zunehmend zu einem Produktions- und
Infrastrukturstandort, da globale Unternehmen ihre Lieferketten diversifizieren. 

„China plus eins“ bleibt ein struktureller Treiber

Trotz geringerer Aufmerksamkeit aufgrund geopolitischer Entwicklungen bleibt die Neuausrichtung der Lieferketten ein entscheidender Rückenwind für die Region. Kapitalzuflüsse verstärken sich in Märkten wie Indonesien, Vietnam, Malaysia und Indien, wo Produktionskapazitäten und Infrastruktur ausgebaut werden. Dieser Investitionszyklus umfasst u. a. industrielle Automatisierung, Halbleiterausrüstung, Transport- und Hafeninfrastruktur sowie Energieprojekte und wirkt als Wachstumstreiber für lokale Volkswirtschaften.

China selbst bleibt zwar ein polarisierender Faktor, verdeutlicht aber die Bedeutung aktiven Managements. Nach einer Phase, in der viele Investoren den Markt seit Covid als wenig investierbar betrachteten, entwickelte sich der MSCI China 2025 wieder positiv. Eine stabilere Stimmung, wachstumsfördernde Maßnahmen sowie robuste Technologiewerte und Fortschritte im Bereich KI haben zu einer differenzierteren Einschätzung beigetragen.

Aktive Strategien im Vorteil

Angesichts der Heterogenität der Region ist aktives Management besonders sinnvoll. Unterschiedliche Entwicklungsstände, Wachstumsraten, Währungen und Branchenstrukturen führen zu einer komplexen Landschaft mit hohem Alpha-Potenzial. Die starke Performance-Streuung zwischen Ländern und der schnelle Wechsel von Marktfavoriten sprechen klar für aktive Ansätze.

Abbildung 1: Die Performanceunterschiede zwischen den Ländern sind erheblich

Quelle: MSCI China, MSCI India, MSCI Japan, MSCI Korea, MSCI Taiwan, MSCI Australia sowie MSCI AC ASEAN Factsheets. Kalenderjahresrenditen in USD.

Solide Positionierung – aber Risiken bleiben

Aktien aus dem asiatisch-pazifischen Raum zeigen gestützt durch KI-getriebenes Gewinnwachstum und attraktive Bewertungen weiterhin Widerstandsfähigkeit – trotz geopolitischer Unsicherheiten und steigender Energiepreise. Allerdings verdeutlicht die jüngste, stark konzentrierte Rally steigende Klumpenrisiken und eine geringere Fehlertoleranz, da höhere Ölpreise breiter auf Nachfrage und Gewinne drücken könnten.

Vor diesem Hintergrund ist Disziplin gefragt: Investoren sollten Gewinnentwicklungen genau beobachten, Konzentrationsrisiken aktiv managen und ihre Alpha-Quellen diversifizieren. 

Aufgrund ihrer strategischen Bedeutung in zentralen Industrien und der strukturellen Wachstumstreiber halten wir eine Allokation in den asiatisch-pazifischen Raum – mit seiner Kombination aus entwickelten und Schwellenländern – für einen zentralen Bestandteil eines global diversifizierten Aktienportfolios. Kurzfristig könnte eine mögliche Lösung des US-Iran-Konflikts nach dem neutral ausgegangenen Trump-Xi-Gipfel im Mai ein weiterer positiver Impuls für die Region sein.

Joshua Crabb

Joshua Crabb ist Lead-Portfoliomanager und Leiter Asia-Pacific Equities bei Robeco. Robeco ist eine internationale Fondsgesellschaft mit einem umfassenden Angebot aktiv verwalteter Strategien im Aktien- und Anleihensegment. Alles was wir tun, basiert auf Research. Dabei gehört unser von Pioniergeist geprägter, aber vorsichtiger Investmentansatz seit unserer Gründung im Jahr 1929 in Rotterdam zu unserer DNA. Wir sind von den Vorteilen des Sustainable Investing, quantitativer Techniken und permanenter Innovation überzeugt. Am 30. September 2024 betrug das verwaltete Vermögen von Robeco 204 Mrd. Euro. Davon entfielen 200 Mrd. EUR auf Anlagen mit ESG-Integration.