Jan Mooren, M.M.Warburg

Aschenbrenner-Absturz: Frage nach dem Platzen der KI-Blase ist falsch

Er galt als das deutsche KI-Wunderkind, nun musste der 25-jährige Investor Leopold Aschenbrenner einen Großteil der Positionen seines zeitweise milliardenschweren KI-Hedgefonds Situational Awareness verkaufen. Warum das Scheitern einer hochkonzentrierten Anlagestrategie nicht als Indikator für die weitere Entwicklung der KI-Revolution taugt und was ein genauerer Blick auf die Bewertungen der KI-Unternehmen verrät, erläutern wir hier.

Jan Mooren, M.M.Warburg

Das deutsche KI-Wunderkind hat sich verzockt: Leopold Aschenbrenner musste einen Großteil der Positionen seines zeitweise milliardenschweren KI-Hedgefonds Situational Awareness verkaufen. Der spektakuläre Einbruch hat in dieser Woche die Debatte über eine mögliche Blase bei Künstlicher Intelligenz neu entfacht. Die Frage nach dem Platzen der KI-Blase ist jedoch die falsche. 

Der spektakuläre Einbruch des KI-Hedgefonds Situational Awareness Ende Juli hat die Debatte über eine mögliche Blase bei Künstlicher Intelligenz neu entfacht. Der Fonds von Leopold Aschenbrenner musste nach Verlusten bei Halbleiteraktien und gehebelten Positionen den Großteil seines börsennotierten Portfolios veräußern. Das Scheitern einer einzelnen, hochkonzentrierten Anlagestrategie ist jedoch kein Beleg dafür, dass die KI-Revolution an der Börse vor ihrem Ende steht. 

KI ist keine bloße Zukunftshoffnung. Unternehmen setzen sie bereits produktiv ein, steigern damit ihre Effizienz und entwickeln neue Geschäftsmodelle. Die Frage, ob Künstliche Intelligenz eine Blase ist, führt daher in die falsche Richtung. Sie unterstellt, dass sich die Antwort auf die gesamte Technologie und jedes Unternehmen, das mit ihr in Verbindung gebracht wird, gleichermaßen anwenden lässt. Entscheidend sind vielmehr zwei präzisere Fragen. Wer bezahlt am Ende für die gewaltigen Investitionen? Und wie viel Zukunft steckt bereits in den heutigen Kursen?

Auftragsbücher für Cloud- und KI-Kapazitäten auf Jahre gefüllt

Die erste Frage lässt sich heute positiver beantworten, als viele Skeptiker vermuten. Microsoft, Nvidia und Alphabet erzielen bereits substanzielle Umsätze und Gewinne mit KI. Die großen Cloud-Anbieter erwirtschaften Rekordgewinne und finanzieren den Großteil ihrer Investitionen weiterhin aus eigener Kraft. Ihre Auftragsbücher für Cloud- und KI-Kapazitäten sind auf Jahre hinaus gefüllt. Auch spezialisierte KI-Anbieter wachsen schnell, und Unternehmen wie Verbraucher geben bereits Geld für entsprechende Dienste aus. Die zahlenden Kunden existieren also. Offen ist nur, wie schnell ihre Ausgaben mit den hohen Infrastrukturkosten Schritt halten. Diese Lücke zwischen Investition und Ertrag verdient genaue Beobachtung, ist aber kein Grund für Panik.

Auch der Blick auf die Bewertungen liefert bislang kein eindeutiges Blasensignal. Im S&P 500 haben rund 86 Prozent der Unternehmen die Gewinnerwartungen übertroffen. Die Gewinne wachsen deutlich, auch wenn einzelne Sondererträge das Bild verzerren. Bereinigt um diese Effekte wird der Index auf Basis der erwarteten Gewinne der kommenden zwölf Monate mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 20 bewertet. Auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase lagen die Bewertungen der US-Technologieaktien bei etwa 50. Die heutigen Kurse setzen damit weiterhin hohes Wachstum voraus, verlangen aber keine Wunder. Das operative Fundament der großen Unternehmen ist real und wächst.

Konsolidierung statt Seifenblase

Der jüngste Rückgang bei Halbleiteraktien ist deshalb eher als Konsolidierung einzuordnen. Höhere Öl- und Energiepreise, hartnäckige Inflation und die an den Zinsmärkten eingepreiste Erwartung eher steigender Zinsen erhöhen den Druck auf langfristig erwartete Gewinne. Hinzu kommen Gewinnmitnahmen nach der starken Rally und ein zunehmender Wettbewerb durch chinesische Chiphersteller. Besonders getroffen wurden jene Aktien, in denen bereits besonders viel Optimismus eingepreist war. Solange die Gewinne weiterwachsen und die Bewertungen nicht deutlich aus dem Rahmen laufen, korrigiert eine solche Phase vor allem das Tempo der Entwicklung, nicht deren Richtung.

Jan Mooren

Jan Mooren ist Kapitalmarkt-Experte bei M.M.Warburg & CO. M.M.Warburg & CO ist eine unabhängige Privatbank mit Hauptsitz in Hamburg und weiteren Standorten in ganz Deutschland. Das im Jahr 1798 gegründete Bankhaus steht für Exzellenz über die gesamte Wertschöpfungskette im Private Banking sowie in ausgewählten Segmenten im Firmenkundenbereich. Zu den Kerngeschäftsfeldern zählen die Bereiche Private- und Corporate Banking sowie das Asset Management.