Aktien-Ausblick: Marktperformance weitet sich aus, Europa und Schwellenländer holen auf
Auch wenn es sich für die meisten Anleger wie eine Achterbahn angefühlt hat: Für globale Aktien war das erste Halbjahr stabil. Auf den Ausverkauf infolge der Eskalation des Iran-Konflikts folgte rasch eine kräftige Erholung, und der MSCI All Country World Index brach wieder neue Rekorde. Doch Vorsicht: Die Rallye war ungewöhnlich einseitig und wurde fast ausschließlich von ein paar großen US-Technologieunternehmen und wenigen Aktien aus den Schwellenländern getragen. Ist diese Outperformance einiger weniger Unternehmen ein Warnsignal? Und wo finden Anleger spannende Investments abseits der Tech-Riesen?
Tech-Aktien: Schwäche ist keine Korrektur
Die Volatilität rund um Künstliche Intelligenz (KI) dürfte hoch bleiben. Auch die Euphorie ist kaum zu übersehen – im Halbleitersektor erinnert sie tatsächlich an die Technologieblase Ende der 1990er Jahre. Ängste vor einer Blase halten wir jedoch für übertrieben: Der Marktrallye fehlt es an Breite, eben weil der Aufschwung von KI getragen wird. Diese folgt einer eigenen Logik und ist weniger stark von den Folgen der geopolitischen Entwicklungen betroffen als etwa Konsumwerte, zyklische Titel oder global ausgerichtete Unternehmen. Diese blieben bisher weitestgehend auf der Strecke.
Gleichzeitig scheint der jüngste Rückgang bei den Mega-Cap-Titeln und Halbleitern im Technologie- und KI-Sektor eher technischer Natur zu sein und ist auf Positionsanpassungen zurückzuführen. Eine Veränderung der Fundamentaldaten ist dagegen nicht erkennbar. Die Unternehmen erzielen weiterhin Gewinne, und die relativen Bewertungen der größten Titel sind so günstig wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Wir gehen davon aus, dass Anleger jeden weiteren Kursrückgang für Zukäufe nutzen werden.
Marktperformance weitet sich aus
Zwar bleibt unklar, ob und wann sich die Kriegsparteien im Iran-Konflikt einigen werden. Fakt jedoch auch, dass sich beide Seiten eine offene Straße von Hormus wünschen – und angesichts der Zwischenwahlen wäre eine steigende Inflation der Trump-Regierung ein Dorn im Auge. Daher rechnen wir mit einer Deeskalation, was den Ölpreis weiterhin um die 75 Dollar halten sollte. Dann wären die Voraussetzungen gegeben, dass sich die breite Markterholung in der zweiten Jahreshälfte fortsetzt und auch deutlich mehr Sektoren zu den Marktgewinnen beitragen werden. Dann wird der Markt künftig weniger stark von Gewinnen im Technologiesektor abhängig sein.
Europa und Schwellenländer holen auf
Angesichts dieser Entwicklung rechnen wir damit, dass Europa und die Schwellenländer einen Teil ihres Rückstands aufholen werden. Nach mehreren Jahren der Stagnation zieht das Gewinnwachstum in der Eurozone wieder an. Das liegt nicht nur an Basiseffekten, sondern auch an einer spürbaren Erholung der Konjunkturindikatoren. Seit Beginn des Nahost-Konflikts wurden die Gewinnschätzungen eher nach oben als nach unten angepasst. Bei einem Bewertungsniveau von dem rund 15-fachen der Gewinne und stabilen Inflationserwartungen sehen wir allerdings Spielraum für moderate Kursgewinne als für eine nennenswerte Neubewertung.
Die Anleger sind immer noch nicht in die Schwellenländer zurückgekehrt. Dabei sind sie günstig bewertet und dürften zu den Gewinnern zählen, sollte der US-Dollar nachgeben und sich die Konjunktur in China stabilisieren. Die USA gewichten wir neutral zum Referenzindex: Die Fundamentaldaten sind solide, doch der Markt wirkt bereits überlaufen und die Bewertungen lassen wenig Spielraum. Japan und Großbritannien sehen wir insgesamt neutral: Japan-Aktien werden nach einer starken Kursentwicklung weiterhin durch Reformen und Aktienrückkäufe gestützt. Großbritannien bleibt strukturell günstig bewertet, es fehlen jedoch kurzfristige Kurstreiber. Hinzu kommen außerdem politische Unsicherheiten.
Zyklisch schlägt Defensiv
Auf Sektorebene spricht das dafür, zyklischen Werten den Vorzug vor defensiven Titeln zu geben – zumindest sofern sich die erwartete Erholung der Einkaufsmanagerindizes (PMIs) tatsächlich einstellt. Wir bevorzugen Unternehmen aus den Bereichen Industrieausrüstung und Halbleiter, die vom Investitionszyklus profitieren. Daneben sehen wir auch Chancen im Bergbausektor, wo ein knappes Angebot und die strukturelle Nachfrage seitens der Rechenzentren die Preise stützen. Banken sollten sich dank eines stärkeren Kreditwachstums und höherer Kreditmargen gut entwickeln. Konsumwerte sind als einzige zyklische Gruppe bislang zurückgeblieben – und könnten nun aufholen.
Vorsicht ist dagegen bei Energieaktien sowie im Software- und Mediensektor geboten. Der Energiesektor ist der offensichtlichste Verlierer des gesunkenen Ölpreises, und die Bewertungen bieten hier kaum noch Puffer. Aufpassen sollten Anleger außerdem bei den Bereichen der Software- und Medienbranche, die stärker gegenüber der KI exponiert sind. Nach der außergewöhnlichen Kursrallye im Verteidigungssektor halten wir es zudem für sinnvoll, Gewinne mitzunehmen und unsere Positionen weiter abzubauen.
Schluss mit „einfachen“ Gewinnen
Auch wenn der Ausblick positiv ist, sollten Anleger Risiken nicht außer Acht lassen:
- Die Bewertungen sind hoch: Globale Aktienmärkte sind im historischen Vergleich hoch bewertet. Jede Enttäuschung bei den Gewinnen oder eine erneute Eskalation im Nahen Osten würde daher auf wenig Puffer treffen.
- Geldpolitik könnte enttäuschen: Die Märkte rechnen immer weniger mit Zinssenkungen und haben zeitweise sogar wieder Zinserhöhungen eingepreist – besonders deutlich am kurzen Ende der US-Zinskurve. Diese Entwicklung könnte länger anhalten als erwartet. Zentralbanken könnten aus Sorge vor Zweitrundeneffekten bei der Inflation weiterhin vorsichtig bleiben und von Lockerungen absehen – und das könnte Aktienbewertungen belasten. Die Furcht vor einer steigenden Inflation wird aktuell durch das Ende der Waffenruhe zwischen dem Iran und den USA bestärkt. Derzeit ist das Hauptanliegen der Finanzmärkte die Wiedereröffnung der Handelswege. Das kann sich aber gut und gerne auch noch verzögern. Wir gehen allerdings davon aus, dass sich die Lage bald entspannen wird.
- Wirtschaftsrisiko El Niño: Ein starker, möglicherweise rekordverdächtiger El Niño gilt bis Anfang 2027 als Basisszenario. Für Anleger ist dieses Risiko noch kaum präsent. Zwar dürften die direkten Auswirkungen des Wetterphänomens für die Industrieländer begrenzt bleiben. Doch El Niño könnte Lebensmittelversorgung, Wasserkraft und agrarisch geprägte Volkswirtschaften unter Druck setzen. Damit droht ein Angebotsrisiko, dass die Gesamtinflation hartnäckig hochhalten und den erhofften Rückgang der Teuerung erschweren könnte – genau jenen Disinflationstrend, auf den sich die Aktienmärkte derzeit stützen.
- Ansteckungsgefahr durch Private Credit: Auch den Markt für Private Credit sollten Anleger im Auge behalten. Wenn die geopolitischen Risiken in den Hintergrund treten, könnten die wachsenden Spannungen im Private-Credit-Markt stärker sichtbar werden. Das könnte auch die Aktienkurse jener Unternehmen in Mitleidenschaft ziehen, die besonders auf diese Art der Finanzierung angewiesen sind – vor allem in Teilen des Softwaresektors und beim Ausbau von Rechenzentren. Ein systemisches Risiko ist das wohl nicht, wohl aber eine mögliche Quelle zusätzlicher Volatilität.
Insgesamt bleiben wir für die zweite Jahreshälfte bei globalen Aktien zuversichtlich. Die Zeiten einfacher Gewinne liegen jedoch hinter uns – während sich die Risiken allmählich häufen. Die besseren Anlagechancen sehen wir weniger bei den überlaufenen Marktführern, sondern vielmehr in den Teilen des Marktes, die bisher noch nicht an der Rallye teilgenommen haben.