AI = Alles im Jahr 2026?
Wenn wir uns die aktuelle Marktlage ansehen, können wir diese Tatsache nicht leugnen. Derzeit sind alle zehn Aktien mit der höchsten Marktkapitalisierung im MSCI All Country World Index in irgendeiner Form mit KI verbunden. Dazu gehören Chip-Hersteller wie Nvidia und Broadcom, die die Revolution vorantreiben, sowie bekannte Namen wie Amazon, Apple und Microsoft, die KI zur Förderung von Innovation und Produktivität nutzen.
Kurz gesagt: Wenn sich KI weiterhin gut entwickelt, wird sich auch der Aktienmarkt gut entwickeln. Wenn die KI hält, was sie verspricht, werden US-Aktien wahrscheinlich besser abschneiden als europäische. Wenn sich rund um KI jedoch Enttäuschung einstellen sollte, könnte dies im Laufe des nächsten Jahres zu einem erheblichen Problem führen.
Künstlich aufgebläht?
Das rasante Wachstum der KI könnte sich durchaus verlangsamen. Seit der Vorstellung der GPT-Modelle von OpenAI im November 2022 hat sich KI mit phänomenaler Geschwindigkeit verbreitet. Allein OpenAI hat in weniger als zwei Jahren 800 Millionen Nutzer erreicht – ein Tempo, das das frühe Wachstum des Internets und anderer transformativer Technologien weit in den Schatten stellt. Diese rasante Einführung wurde durch die vorhandene Infrastruktur ermöglicht. Zu dieser gehören Smartphones, Cloud-Plattformen und globale Konnektivität. Ironischerweise ist ein Großteil dieser Infrastruktur das Ergebnis der enormen Ausgaben, die Investoren in den letzten 30 Jahren in Technologie getätigt haben. Allerdings könnten wir wie beim ursprünglichen Technologieboom Ende der 90er Jahre auch einen Einbruch ähnlichen Ausmaßes erleben.
Um diese Frage zu beantworten, lohnt es sich, über die „Magnificent Seven“-Aktien hinauszuschauen und zu beurteilen, welche Auswirkungen KI auf die anderen 493 Mitglieder des S&P 500 haben wird. Branchen wie Industrie, Gesundheitswesen, Einzelhandel und Finanzwesen integrieren KI rasch in ihre Abläufe, um ihre Produktivität zu steigern, Kosten zu senken und neue Wachstumschancen zu erschließen. Morgan Stanley schätzt, dass die Einführung von KI den Unternehmen des S&P 500 einen jährlichen Nettonutzen von 920 Milliarden US-Dollar bringen könnte. Das entspräche etwa 28 Prozent des für 2026 erwarteten Vorsteuergewinns. Laut dem Stanford AI Index geben zudem mittlerweile 78 Prozent der Unternehmen weltweit an, KI in mindestens einem Geschäftsbereich einzusetzen, gegenüber 55 Prozent im Jahr 2023.
Silicon Stimulus
Schätzungen zufolge wird das BIP-Wachstum der USA in der ersten Hälfte des Jahres 2025 fast vollständig durch den Bau von Rechenzentren in der KI-Branche getragen werden.(3) Erfreulicherweise werden sich die längerfristigen Vorteile für die gesamte Wirtschaft als deflationär erweisen. Da Unternehmen ihre Kosten senken und mit weniger Aufwand mehr erreichen, dürften sich die Produktivitätsvorteile aus dem wirtschaftlichen Aufschwung, der vom KI-Sektor ausgeht, noch verstärken.
KI erleichtert unser tägliches Leben. Sie steigert die Unternehmensgewinne. Außerdem stützt sie die Märkte. Und sie kurbelt das globale Wirtschaftswachstum an. Also ist diesmal wirklich alles anders?
Selbstverständlich gibt es im wahren Leben immer Gründe zur Skepsis. Wir sehen bereits jetzt, dass es Gewinner und Verlierer des KI-Booms geben wird. Schließlich entsprechen die Kosteneinsparungen eines Unternehmens oft den Umsatzverlusten eines anderen. KI-Tools können heute Aufgaben, für die früher hohe Gebühren anfielen, zu einem Bruchteil der Kosten ausführen. Derzeit ist der Preisverfall bei bestimmten wissensbasierten Dienstleistungen am stärksten. Ein Finanzdirektor hat es auf den Punkt gebracht: „Was früher 1.000.000 Dollar gekostet hat, kostet bei Accenture jetzt 200.000 Dollar – und ChatGPT kann es wahrscheinlich für 10.000 Dollar erledigen.“ Im vergangenen Jahr haben wir gesehen, dass die Aktienkurse verschiedener Beratungsunternehmen und Softwareanbieter anfällig waren. Dieser Trend dürfte sich im kommenden Jahr auf weitere Branchen ausweiten.
Auf Wiedersehen, Freeware?
Die wichtigste Frage für die Investoren lautet: „Wie schnell werden wir eine Rendite sehen?“ Die größte Unsicherheit besteht jedoch darin, wie sich KI monetarisieren lässt. Während Nvidia und Broadcom profitable Nischen im Hardwarebereich gefunden haben, sind die meisten KI-Anwendungen und -dienste nach wie vor verlustreich und haben unklare Erlösmodelle. Das Aufkommen chinesischer Modelle wie DeepSeek, die fortschrittliche Funktionen zu geringeren Kosten bieten und oft kostenlos zur Verfügung gestellt werden, hat die Aussichten zusätzlich verkompliziert. Jemand muss irgendwann für all diese Investitionen aufkommen, aber wer das sein wird und wie das geschehen wird, ist noch unklar.
Außerhalb der KI-Branche wächst die Skepsis gegenüber der Fähigkeit von Führungskräften, die Auswirkungen von KI auf ihre Geschäftstätigkeit vorherzusehen und das Kapital der Investoren entsprechend zu lenken. In Großbritannien wurde die Immobilienagentur Rightmove abgestraft, als sie eine massive Erhöhung ihrer KI-Ausgaben ankündigte. Ihre Aktien verloren ein Viertel ihres Wertes, da es Zweifel gab, ob KI das Erlebnis der Hauskäufer so weit verbessern würde, dass die vom Management prognostizierten Renditen erzielt werden könnten.
Aus wirtschaftlicher Sicht treibt der Energieverbrauch für den Betrieb von Rechenzentren die Strompreise in die Höhe. In den USA verbrauchen diese Rechenzentren mittlerweile etwa 4 Prozent der gesamten Stromerzeugung. Bis 2028 wird diese Zahl voraussichtlich stark ansteigen. Die Arbeitskosten steigen ebenfalls, da für den Bau und die Wartung von Rechenzentren schwer zu findende qualifizierte Arbeitskräfte benötigt werden.
Im Jahr 2026 müssen Anleger die optimistischen Aussichten – Produktivitätssteigerungen, neue Produkte und Wertschöpfung – gegen die Herausforderungen der Monetarisierung, des Inflationsdrucks und der sektoralen Disruption abwägen. Überwiegen die positiven Aspekte, könnten die „Magnificent Seven“ den Rest des Marktes erneut hinter sich lassen.
Wahrscheinlicher ist jedoch, dass es sowohl unter den KI-Unternehmen als auch in der Gesamtwirtschaft zu einer Marktbereinigung kommen wird, wenn sich die Gewinner und Verlierer im KI-Bereich deutlicher abzeichnen. In dieser Zeit müssen Anleger ihre Portfolios entsprechend positionieren, wobei die Auswahl einzelner Aktien wahrscheinlich an Bedeutung gewinnen wird. Unternehmen, die am besten positioniert sind, um das Potenzial der KI zu nutzen oder sich an ihre disruptiven Auswirkungen anzupassen, werden deutlicher erkennbar werden. Ebenso wichtig wie die Suche nach den Gewinnern wird jedoch die Vermeidung bestimmter Bereiche sein.
Ich fürchte, das Einzige, was sicher ist, ist, dass Sie im kommenden Jahr mindestens genauso viel über KI lesen werden wie bisher.