Age of Empires statt Monopoly
Die Aktienmärkte zeigen sich trotz der erhöhten geopolitischen Unsicherheit und eines erneuten Energiepreisschocks weiterhin robust. Auch die Anleihemärkte haben sich wieder normalisiert. Ist die Gelassenheit der Märkte trügerisch?
Aktien: Geopolitik stört nur kurzfristig
Zu Beginn des Iran-Konflikts war es nur natürlich, nach einem definierten Endpunkt zu suchen. An den Kapitalmärkten ist eine eindeutige Lösung jedoch nicht zwingend eine Voraussetzung für eine Neubewertung. Stattdessen wird der wahrscheinliche Verlauf der Ereignisse kontinuierlich neu eingeordnet. Hier zählt nicht nur das Ausmaß des Schocks, sondern auch dessen Dauer und Richtung. Bei einer kurzlebigen Störung, selbst wenn sie schwerwiegend ist, bleiben die langfristigen Auswirkungen oftmals begrenzt – vorausgesetzt, die Anleger sind davon überzeugt, dass sich die Bedingungen wieder verbessern.
Dieses Verhalten konnten wir bei den Marktstörungen bereits beobachten. Jedes Mal – bei der Covid-Pandemie, dem Ukraine-Konflikt, den Zöllen von Donald Trump und jetzt dem Iran-Konflikt – stürzte der S&P 500 ab, setzte seinen Aufwärtstrend jedoch rasch wieder fort. Anders bei einem anhaltenden Schock ohne klaren Weg zur Lösung: Seine Auswirkungen auf Wachstum, Inflation und Vermögenspreise können deutlich dramatischer sein.
Eine wichtige stabilisierende Kraft für die Aktienmärkte sind die Fundamentaldaten der Unternehmen. Diese verzeichnen sowohl in den USA als auch in Asien ein robustes Gewinnwachstum. In den USA übernehmen Technologieunternehmen weiterhin die Führung, gestützt durch anhaltende Investitionen in künstliche Intelligenz (KI) und digitale Infrastruktur. In Asien gewinnen insbesondere Halbleiterhersteller, moderne Fertigungsunternehmen sowie Firmen mit Bezug zur KI, die in die globale Technologie-Lieferkette eingebunden sind, an Fahrt.
Anleihen: Spreads sinken
Die Anleihenmärkte spiegeln ein ähnliches Gleichgewicht wider. Angesichts der wachsenden Unsicherheit weiteten sich die Spreads aus, haben sich jedoch inzwischen weitgehend wieder normalisiert. Allerdings müssen Anleger nun stärker differenzieren. Anleihen qualitativ schwächerer Emittenten, die empfindlich auf die Konsumentenstimmung reagieren, sind besonders anfällig für anhaltend hohe Energiekosten, da diese die Kaufkraft schleichend erodieren. Deswegen entscheidet auch hier wieder Durchhaltevermögen.
Öl: Preise fallen wieder, doch Risikoprämie bleibt
Anleger sind mit der Erwartung in das Jahr gestartet, dass sich der Ölpreis im Bereich von 60 US-Dollar pro Barrel bewegen wird. Ein Überangebot hätte die Preise dabei nach unten drücken sollen. Der Konflikt zwischen den USA und dem Iran hat diese Einschätzung jedoch zunichte gemacht: Die mehr als dreimonatige Sperrung der Straße von Hormus hat die Ölpreise deutlich in die Höhe getrieben – auf ein Niveau, das das globale Wachstum bisher gedrosselt hat.
Trotz der anhaltenden Sperrung der Meerenge herrschte weiterhin die Ansicht vor, dass es sich um eine relativ kurzlebige Episode handelt. Die Nutzung von Lagerbeständen sowie alternativen Transportwegen hat dazu beigetragen, die Auswirkungen des Energieschocks abzumildern. Hätte der Konflikt jedoch bis weit ins dritte Quartal hinein angedauert, wären die Versorgungsängste deutlicher zutage getreten.
Glücklicherweise scheint das Schlimmste nun hinter uns zu liegen. Die USA und der Iran stehen kurz vor der Unterzeichnung eines Abkommens, das einen dauerhaften Waffenstillstand sowie die Wiederöffnung der Straße von Hormus vorsieht. Zwar wird es einige Zeit dauern, bis die Produktion in der Golfregion wiederhergestellt ist und der Schiffsverkehr sich normalisiert hat, doch die Märkte haben diese Entspannung bereits im Öl-Terminmarkt eingepreist. Eine „Risikoprämie“ wird wahrscheinlich jedoch verhindern, dass der Preis wieder das Niveau erreicht, mit dem Marktteilnehmer zu Jahresbeginn gerechnet hatten. Selbst mit dieser Risikoprämie stellt ein Ölpreis von 70 bis 80 US-Dollar für die Weltwirtschaft jedoch einen weitaus geringeren Gegenwind dar als befürchtet. Im Falle eines anhaltenden Konflikts würden die Preise auf deutlich über 100 US-Dollar pro Barrel steigen, was Ängste hinsichtlich der Versorgung mit Raffinerieprodukten sowie Petrochemikalien und auch im gesamten
Rohstoffkomplex schüren würde.
Ein Abkommen zwischen den USA und dem Iran bringt wohl keine langfristige Sicherheit. Eine Lösung für die Lage in der Straße von Hormus würde jedoch das Vertrauen in die Finanzmärkte wiederherstellen und einen günstigeren Ausblick auf die künftige Entwicklung von Inflation, Zinssätzen und Wirtschaftswachstum ermöglichen als bisher erwartet. Das gilt insbesondere für Regionen wie Europa und Asien, die stark von Öl- und Gasimporten abhängig sind.
Zentralbanken in der Zwickmühle
Zunächst lautete die Annahme, dass sich die höheren Ölpreise geradlinig in einer höheren Inflation niederschlagen – und damit auch in höheren Zinsen. Die Realität ist jedoch differenzierter: Kurzfristig treiben höhere Energiepreise die Inflation tatsächlich in die Höhe. Auf Dauer wirken sich erhöhte Ölpreise jedoch eher wie eine Steuer für Verbraucher und Unternehmen aus, die die Nachfrage belastet und die Wirtschaftstätigkeit dämpft. Diese Dynamik kann einen Teil des anfänglichen Inflationsdrucks ausgleichen. Allerdings erhöht sich so das Risiko eines „stagflationären“ Umfelds, das durch höhere Preise und langsameres Wachstum gekennzeichnet ist. Die Währungshüter sind sich der Risiken einer unflexiblen Reaktion auf angebotsgetriebene Inflation sehr bewusst, insbesondere wenn das Wachstum ohnehin schon fragil ist. Die Zinserhöhung der europäischen Zentralbank auf 2,25 Prozent zielt wohl darauf ab, die Glaubwürdigkeit der Bank zu wahren und gleichzeitig einen stärkeren Straffungszyklus zu vermeiden.
In den USA kommt eine weitere Komponente hinzu: Der Inflationsdruck hat zugenommen, doch die Dynamik am Arbeitsmarkt lässt allmählich nach. In Europa und Großbritannien ist das Bild noch komplexer, denn hier ist das Wachstum schwächer und die Abhängigkeit von Energieimporten größer. Die Markterwartungen hinsichtlich Zinserhöhungen, vor allem im Vereinigten Königreich und in Europa, sind jedoch möglicherweise zu pessimistisch. Zudem dürften die positiven Neuigkeiten zum Iran-Konflikt es den Zentralbanken ermöglichen, die Zinsen niedriger zu halten, da der Inflationsdruck nachlässt.
Von Monopoly zu Age of Empires
Der unmittelbare Fokus liegt auf dem Iran-Konflikt. Doch Anleger dürfen den breiteren strukturellen Hintergrund nicht außer Acht lassen. Viele Jahre lang war das globale Wirtschaftssystem auf Effizienz ausgerichtet: Wachstum wurde stark durch günstige Finanzierung und globale Kapitalmärkte getragen, während Lieferketten auf möglichst niedrige Kosten optimiert waren. Das reibungslose Funktionieren der Weltwirtschaft wurde weitgehend als selbstverständlich angesehen. Die Regeln sind nun jedoch im Begriff, sich zu ändern.
Die Welt hat aufgehört, Monopoly zu spielen, und Age of Empires gestartet. Die Fähigkeit, die eigenen Rohstoffe zu sichern, damit die eigene Industrie zu versorgen und selbst zu produzieren, entscheidet darüber, wer gewinnt. Ein Blick in die Nachrichten beweist, dass die alten Spielregeln – komparative Vorteile, freier Kapitalverkehr, die regelbasierte Ordnung – nicht mehr gelten, wenn Tanker umgeleitet, Lieferketten neu gezeichnet werden und jede zweite Werbung im Kino für die Streitkräfte ist.
Wir beobachten eine Verlagerung weg von einem „Just-in-time“-Liefermodell hin zu einem Modell, bei dem die „Versorgungssicherheit“ im Vordergrund steht. Regierungen, die einst im Rahmen eines für alle Seiten vorteilhaften Systems kooperierten, sind nunmehr darauf bedacht, individuelle Vorteile zu sichern. Zölle, Reshoring-Vorgaben, Exportkontrollen für Halbleiter – all das zeigt, dass sich die globalen Mächte auf eine neue Realität einstellen. Dies mag zwar die Widerstandsfähigkeit stärken, ist jedoch von Natur aus weniger effizient und dürfte im Laufe der Zeit die Produktivität und Rentabilität belasten – mit erheblichen Auswirkungen auf Wachstum, Inflation und Bewertungen.
Gleichzeitig vollzieht sich dieser Wandel in einer Phase bedeutender technologischer Veränderungen, insbesondere im Bereich der KI. Das Zusammenspiel von politischer Fragmentierung und technologischem Fortschritt könnte in den kommenden Monaten und Jahren zu einem prägenden Merkmal der Investitionslandschaft werden.
Aktives Management gewährleistet Anpassungsfähigkeit
Noch sehen die Marktteilnehmer über die Turbulenzen hinweg. Sollten sich Anzeichen für eine Stabilisierung im Nahen Osten und ein glaubwürdiger Weg zur Lösung des Konflikts abzeichnen, könnte die Widerstandsfähigkeit anhalten – selbst angesichts hoher Preise und wachsender Unsicherheit im Allgemeinen. Sollte sich der Konflikt jedoch ohne Fortschritte hinziehen oder sich Versorgungsengpässe zu regelrechten Engpässen entwickeln, dürfte sich die Stimmung deutlich verschlechtern.
Unterdessen findet ein umfassenderer struktureller Umbruch statt. Die Grundlagen des globalen Wirtschaftsmodells, das Jahrzehnte lang auf Effizienz und Integration aufgebaut war, werden durch politische und technologische Veränderungen neu gestaltet. In einer Welt, die sowohl von konjunktureller Unsicherheit als auch von strukturellen Umwälzungen geprägt ist, werden Anpassungsfähigkeit und diszipliniertes aktives Management von entscheidender Bedeutung sein.