Darius Moukhtarzade, 21Shares

Aave und die Frage nach dem Eigentum: Das Modell DAO auf dem Prüfstand

Dezentrale Finanzprotokolle des Krypto-Universums gelten als Experimentierfeld für eine neue Form wirtschaftlicher Organisation. Doch was passiert, wenn das Versprechen „der Community gehört das Protokoll“ auf reale Cashflows, Markenrechte und operative Kontrolle trifft? Genau an diesem Punkt steht derzeit Aave.

Darius Moukhtarzade, 21Shares

Was ist Aave – und was ist eine DAO?

Aave zählt zu den etablierten Protokollen im Bereich Decentralized Finance (DeFi). Nutzer können dort Krypto-Assets verleihen oder besichern, um Kredite aufzunehmen – ohne klassische Bank, sondern über Smart Contracts auf einer Blockchain. Die Regeln des Systems sind transparent im Code hinterlegt, Zinsen werden algorithmisch durch Angebot und Nachfrage berechnet und ausbezahlt.

Gesteuert wird das Protokoll formal von der Aave DAO – einer sogenannten Decentralized Autonomous Organization (DAO). Eine solche ist vereinfacht gesagt eine digitale Organisationsform, bei der Token-Inhaber über Vorschläge abstimmen. Governance-Prozesse laufen „onchain“, also über die Blockchain. Token dienen dabei als Stimmrechte, Budgetentscheidungen oder Protokoll-Updates werden per Mehrheitsbeschluss freigegeben. Für eine Finanz- und Wirtschaftsperspektive ist das bemerkenswert: Hier entsteht ein Modell, in dem Kapitalgeber (Tokenholder) nicht nur ökonomische Ansprüche, sondern auch direkte Entscheidungsrechte haben – ohne klassische Aktiengesellschaft, Vorstand oder Aufsichtsrat.

Doch DAOs haben einen strukturellen Haken: Sie sind in der Regel keine juristischen Personen. Sie können nicht ohne Weiteres Verträge abschließen, Markenrechte halten oder Mitarbeiter beschäftigen. Genau hier kommt meist ein operativer Kern ins Spiel – im Fall von Aave ist das Aave Labs, ein privat organisiertes Entwicklerteam.

Und genau zwischen DAO und dem operativem Betreiber Aave Labs ist nun eine Machtfrage offen zutage getreten.

Der Kern des Konflikts: Wem gehört der wirtschaftliche Wert?

Diese sogenannte „Governance Crisis“ von Aave entzündete sich Ende 2025 an einer zunächst technischen Frage rund um die Monetarisierung von Interface-Integrationen. Doch rasch wurde klar, dass es um mehr geht: Wenn Governance onchain stattfindet, die Marke, das Frontend und Teile der Wertschöpfung aber von einem privaten Operator kontrolliert werden – wer kontrolliert dann tatsächlich die ökonomische Substanz?

Sechs Wochen nach dem ersten öffentlichen Streit legte Aave Labs im Februar 2026 ein umfassendes Rahmenkonzept vor – ein Vorschlag, der als „Grand Bargain“ gelesen werden kann.

Der Vorschlag: 100 Prozent der Einnahmen an die DAO

Der sogenannte „Temp Check“ – der erste formale Schritt im Governance-Prozess – wurde am 12. Februar bei Aave eingereicht. Er enthält vier Kernelemente. 

  • 100 Prozent der Einnahmen aus Aave-gebrandeten Produkten sollen an die DAO-Treasury fließen.
  • Aave V4 wird als zukünftige Architektur ratifiziert.
  • Eine Aave Foundation soll künftig die Markenrechte verwalten.
  • Die DAO finanziert im Gegenzug die operative Arbeit von Aave Labs.

Vereinfacht: Die Tokenholder erhalten die Produktumsätze – und finanzieren den Betreiber.

Das ist ein struktureller Shift. Doch entscheidend ist die Definition dessen, was als „Einnahme“ gilt. Der Vorschlag sieht vor, dass von den Bruttozuflüssen verschiedene Posten abgezogen werden können – etwa Partneranteile, Rabatte oder Incentives. Zudem behält sich Aave Labs gewisse Spielräume bei der Mittelverwendung vor.

Wie setzt sich der Umsatz auf Aave zusammen?

Der Vorschlag definiert Einnahmen als Bruttozuflüsse minus verschiedener Abzüge, darunter Partnerbeteiligungen, Rabatte, Subventionen oder zusätzliche Nutzeranreize. Zudem behält sich Aave Labs vor, bestimmte Mittel flexibel als Incentives umzuleiten – mit zeitverzögerter Offenlegung.

Damit verschiebt sich die Debatte von der Grundsatzfrage („Soll die DAO profitieren?“) zur operativen Frage:

Wer definiert, prüft und kontrolliert die Zahl, die am Ende als „Umsatz“ ausgewiesen wird?

Für Investoren ist das kein semantisches Detail. Es geht um Auditierbarkeit, Transparenz und letztlich um einklagbare Ansprüche. Token-Ownership als Prinzip unterscheidet sich fundamental von Token-Ownership als durchsetzbares wirtschaftliches Recht.

Wie geht es nach dem „Temp Check“ weiter?

Der aktuelle Vorschlag befindet sich formal noch auf der niedrigsten Eskalationsstufe des Governance-Prozesses. Ein sogenannter Temp Check ist in der Aave DAO eine unverbindliche Stimmungsabfrage – meist offchain durchgeführt –, die klären soll, ob ein Konzept grundsätzlich politische Mehrheiten findet. Die aktuelle Abstimmung hat bereits begonnen und läuft noch bis zum 1. März.

Er ersetzt keine formale Abstimmung und entfaltet keine direkte Rechtswirkung. Vielmehr dient er als Signal: Gibt es ausreichend Unterstützung, um den Vorschlag in eine bindende Onchain-Abstimmung zu überführen?

Erst nach einem positiven Temp Check folgt typischerweise eine präzisierte Fassung (Request for Comment), bevor schließlich ein sogenanntes AIP (Aave Improvement Proposal) onchain zur finalen Abstimmung gestellt wird. Erst dieses AIP wäre technisch und organisatorisch durchsetzbar.

Entscheidend ist daher weniger, ob der Temp Check „gewinnt“, sondern unter welchen Bedingungen er in die nächste Phase geht. In der aktuellen Debatte deutet vieles darauf hin, dass das Grundprinzip – Einnahmen-Alignment zugunsten der DAO – politisch mehrheitsfähig ist. Die offenen Punkte betreffen nicht das Ziel, sondern die Ausgestaltung: Definition von Umsatz, Kontrollrechte, Budgethöhe und die Frage, ob die vier Elemente des Pakets getrennt abgestimmt werden sollten.

Ein positives Signal im Temp Check würde daher nicht das Ende der Governance-Krise markieren, sondern den Beginn der eigentlichen Verhandlungen. Scheitert er hingegen, wäre das kein finaler Bruch, sondern ein Hinweis, dass das Paket in seiner jetzigen

Form keine ausreichende institutionelle Absicherung bietet

Damit verschiebt sich der Fokus vom narrativen Schlagwort „DAO gewinnt“ hin zur nüchternen Frage: Wird aus politischem Alignment eine rechtlich und operativ belastbare Struktur?

Abstimmungen in der ganzen Community über das weitere Vorgehen: Aave gilt als Vorreiter des DAO-Prinzips. (Bildcredit: 21shares)

Warum das über Aave hinaus relevant ist

Aave ist kein Randprojekt, sondern ein Blue-Chip im DeFi-Sektor. Wenn hier öffentlich verhandelt wird, wem wirtschaftlicher Wert zusteht und wie Governance durchsetzbar gestaltet werden kann, hat das Signalwirkung.
Das eigentliche Experiment lautet also: Kann eine DAO von „Governance als soziale Norm“ zu „Governance als glaubwürdiges Eigentumsregime“ werden – ohne die operative Schlagkraft des Entwicklerteams zu zerstören?
Sollte Aave eine durchsetzbare, auditierbare und institutionell saubere Struktur etablieren, könnte das Modellcharakter für andere Protokolle haben. Scheitert es an Definitionen, Interessenkonflikten oder unklarer Kontrolle, dürfte der Governance-Abschlag auf DeFi-Tokens bestehen bleiben. Die aktuelle Abstimmung ist daher weniger ein isoliertes Ereignis stellt einen Stresstest für eine neue Organisationsform DAO dar und kann uns daher durchaus Aussagen über deren Zukunft geben. 
Weitere Informationen zu den aktuellen Krypto-Entwicklungen finden Sie in den aktuellen Research Insights von 21shares. 

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Darius Moukhtarzadeh

Darius Moukhtarzadeh ist bei 21Shares Teil des globalen Research-Teams. In dieser Rolle analysiert er die neuesten Entwicklungen und Projekte im Kryptomarkt mit einem besonderen Fokus auf Bitcoin, Smart Contract Plattformen wie Ethereum und Solana und Web3 Applikationen. Er absolvierte sein Masterstudium an der Universität St.Gallen (HSG) und der UC Berkeley in Business Innovation. Er ist seit 2016 im Blockchain-Sektor tätig als Investor, Gründer, Autor und Berater. Vor 21Shares arbeitete er bei der Sygnum Bank, der ersten Krypto-Bank der Welt, Ernst & Young Blockchain und bei mehreren Startups im Schweizer Crypto Valley. 

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