Ulrich Kirstein, Börse München

2 + 2 = 5 – 1!

Nachdem der Dax lange Zeit um die 25.000-Punkte-Marke kreiste, brach er am Donnerstag aus und kletterte auf ein neues Allzeithoch. Das geht am heutigen Freitag munter weiter – resultiert dieser neue Schwung etwa aus den Reformvorschlägen der Regierung?

Ulrich Kirstein, Börse München

Big Bang zum Abschied

Deutschland trägt Trauerflor, die WM in USA/Kanada/Mexiko ist für unsere Mannschaft vorbei. Überraschend für die einen, konsequent für die anderen, bittere Realität für alle Fans. Gut, dass wir uns an Wirtschaftsnachrichten halten und so schließen wir das Thema mit dem gern gesungenen Schlager aus den 1930er Jahren: „Sag zum Abschied leise Servus“. „Zehn Milliarden Euro Entlastung“, freut sich die Süddeutsche Zeitung über die möglichen Auswirkungen des von der Bundesregierung verkündeten Reformpakets. Warten wir ab. „Big Bang fürs Wirtschaftswachstum“, unkt das Handelsblatt. Zum Ausgleich sollen wir Arbeitenden bereits ab dem ersten Krankheitstag zum Arzt, um uns dort ein Attest und weitere Krankheitskeime zu besorgen. So sieht Entbürokratisierung in Deutschland aus. Dazu die Süddeutsche Zeitung in einem Kommentar: „Kranke unter Generalverdacht“. Und weil in einigen Bundesländern die Urlaubs- und Reisezeit vor der Türe steht, endet der „Tankrabatt“. Weshalb die tz fragt: „Jetzt noch schnell tanken?“ Kommt darauf an, wie viel noch im Tank ist. Kühler ist es auch geworden, die „Hammerhitze“ und das „Glut-Wochenende“ (Abendzeitung) sind vorbei. Höchste Zeit also, in den Süden zu reisen, zu Hammerhitze und Glut… Aber immerhin: „Die Politik will aus der Rekordhitze lernen“, schreibt Die Welt. Da sind wir gespannt, was die Hitze ihnen beigebracht hat.

Verpasst der Astronaut die Chiprally?

Eindeutig optimistisch blicken die Finanzmagazine in die Zukunft mit Headlines wie „Galaktisch“, „900 Prozent“ und „Weiter, immer weiter“. Doch langsam: Einem Astronauten auf dem Mond oder Mars – wer weiß das schon – setzt Der Aktionär Hörner an den Helm, Bullenhörner, wie  wir annehmen. Im seinem Visier spiegeln sich eine SpaceX- und eine Kurs-Rakete. „So hebt Ihr Depot ab: 20 Space-Aktien mit großem Potenzial“, so die Erläuterung. Einen überdimensionalen Schriftzug „900 Prozent“ in Rot stellt Focus Money vor einen winzigen Anzugträger, der ehrfürchtig nach oben blickt: „Chip-Rally verpasst? Das sind die nächsten Tenbagger“, heißt es dazu und darunter: „20 Aktien, die sich verzehnfachen können“. Wir haben Probleme mit der Rechnung 20 x 10 = 900, aber schon Kostolany wusste, an der Börse lautet die Rechnung: 2 + 2 = 5 - 1! Einen mit der „Unendlich-Acht“ verschlungenen, transparenten Pfeil voller Charts präsentiert Börse Online zum „Weiter, immer weiter“. Das Magazin lockt Leser mit „6 Aktien, 10 Jahre, bis zu 690 Prozent“.  Bei drei Optimisten lässt der Pessimist nicht lange auf sich warten: „Bald krachts!“, warnt Euro am Sonntag, und dass damit kein neues Gewitter gemeint ist, demonstriert ein nach unten zeigender Pfeil (kein Blitz): „Allianz und Zentralbanken warnen vor Crash. Wie Anleger sich schützen“. 

Ein Sommermärchen für den Finanzminister

Es gibt für den Finanzminister sicherlich viele unangenehme Termine zu bewältigen. Die ständige Suche nach ausreichend Kapital, um stets von neuem aufklaffende Haushaltslöcher zu stopfen, ist sicher nicht immer vergnügungssteuerpflichtig. Viel mehr Freude macht es da für den vielbeschäftigten Minister, sich mit Themen wie Udo Lindenberg, Shaun das Schaf, Luise von Preußen, Familie Feuerstein, Star Trek oder – mutmaßlich – Spitzenklöppeln zu befassen. All dies wird auf den Sonderbriefmarken des Jahres 2026 dargestellt, wie es ein ansprechender pdf-Flyer auf der Website des Finanzministeriums aufführt. Aktuell wird die Briefmarke mit dem Sommermärchen 2006 von Finanzminister Lars Klingbeil, Ex-Nationalspieler Gerald Asamoah und Grafiker Armin Lindauer vorgestellt. Diesen Termin hat Die Welt zum Anlass genommen, sich näher mit dem Philatelisten-Ministerium zu befassen: „Riesengroßer Aufwand für ein paar Sonderbriefmarken“, die Headline weist bereits auf mangelnde Begeisterung für diesen wichtigen Tätigkeitsbereich hin. So listet das Blatt nüchtern den für die Herausgabe der Briefmarken notwendigen Personalaufwand auf: Acht Beamte, davon drei im höheren Dienst, außerdem ist ein 14köpfiger „Beirat zur Auswahl von Themen für die Sonderpostwertzeichen ohne Zuschlag“ im Einsatz. Er setzt sich aus Mitarbeitern aus dem Ministerium, der Post und dem Briefmarkenhandel zusammen. Dann werden acht Grafiker aus einem Pool von 100 Künstlern um Entwürfe gebeten, die wiederum von einem elfköpfigen Gremium begutachtet werden… Wir wollen hier nicht die Kosten dem Nutzen gegenüberstellen, bieten aber gerne unsere Mithilfe bei der Auswahl der Grafiken an. Im Übrigen enthalten nur die Marken aus dem Finanzministerium das Wort „Deutschland“ – schließlich gibt es noch die Sonderbriefmarken direkt von der Post. (Die gibt im Juni beispielsweise eine Sondermarke zu Georg Danzer und Austropop sowie zum 100. Geburtstag von Peter Alexander heraus). Bleibt die Frage zu klären, was auf der Sommermärchen-Marke eigentlich abgebildet ist. Viel grün, ein etwas unförmiger weißer Kreis (Ball), ein skizzenhaftes weißes Quadrat (Tor), nach dem bekannten Spruch: „Das Runde muss ins Eckige“. Der wurde jedoch keinesfalls während des Sommermärchens kreiert, sondern von Bundestrainer Sepp Herberger, unter dem Deutschland bekanntlich noch Weltmeister werden konnte – 1954. „Traurig aber wahr“, könnten wir hier mit Georg Danzer schließen…

Ulrich Kirstein

Ulrich Kirstein ist Pressesprecher und Leiter Öffentlichkeitsarbeit der Börse München. Er ist seit 2010 bei der Börse beschäftigt, zuvor war der studierte Betriebswirt und Kunsthistoriker u.a. Redakteur und Chef vom Dienst einer überregionalen Wirtschaftszeitung sowie Ausstellungskurator in München. Er ist außerdem Co-Autor von Börse für Dummies, Aktien für Dummies und Börsenpsychologie simplified.