Autofreier Sonntag vor 50 Jahren: Lehren aus der Energiekrise von 1973

Branchenkommentar von DJE
Bild: BP
Am 25. November 1973 erlebte Deutschland den ersten von vier autofreien Sonntagen des Jahres als eine direkte Folge der Ölkrise, die durch den Jom-Kippur-Krieg ausgelöst wurde. Das Öl-Embargo hatte für die westlichen Staaten weitreichende Auswirkungen: Binnen weniger Monate vervierfachte sich der Ölpreis und die Aktienmärkte – gemessen am S&P 500 in Punkten – erlebten zwischen Oktober 1973 und Oktober 1974 einen Crash von etwa 40 Prozent. Erst nach etwa sechs Jahren hatte der Index wieder den Stand vor Kriegsbeginn erreicht. Gleichzeitig verschärfte der hohe Ölpreis die Inflation, so dass die Wirtschaft in eine Stagflation schlitterte: ein Konjunkturzustand, in dem die Preise steigen, obwohl die Wirtschaft stagniert. Heute scheint es fast so, als erleben wir ein Dejà-vu angesichts des Krieges in Nahost. Allerdings sind im Vergleich zu damals die gegenwärtigen Auswirkungen auf den Ölpreis, die Weltwirtschaft und die Aktienmärkte anders einzuordnen.

Am 6. Oktober 1973 starteten ägyptische und syrische Streitkräfte an Jom Kippur, dem heiligsten Tag im jüdischen Kalender, einen großangelegten Angriff auf Israel. Trotz der anfänglichen Überraschung rückte Israel binnen drei Wochen bis auf 100 Kilometer an Kairo und 60 Kilometer an Damaskus heran. In dieser Zeit setzten die arabischen Staaten Öl als strategisches Druckmittel ein. Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) beschloss, die Ölförderung so lange zu drosseln, bis die von Israel besetzten Gebiete freigegeben würden. Diese Entscheidung führte zu einem sofortigen Anstieg des Ölpreises um 70 Prozent auf fünf US-Dollar pro Barrel. Versorgungsengpässe waren die Folge, woraufhin sich unter anderem die deutsche Bundesregierung dazu entschied, einen autofreien Sonntag zu veranlassen. Das sorgte für spektakuläre Bilder, als bundesweit keine Autos mehr über die Autobahnen fuhren, sondern stattdessen Eltern mit ihren Kindern dort spazieren gingen.

Weiterhin große Bedeutung von Öl

Solche Bilder sind aus heutiger Sicht kaum noch vorstellbar, da die Abhängigkeit vom Rohöl speziell im Bereich der Mobilität durch die zunehmende Elektrifizierung der letzten Jahre deutlich zurückgegangen ist. Außerdem hat sich die Versorgungssituation im Vergleich zu damals grundlegend verändert. Doch auch wenn sich die Bilder von 1973 nicht wiederholen dürften, heißt dies nicht, dass die Bedeutung des „schwarzen Goldes“ für die westlichen Volkswirtschaften und die Kapitalmärkte zurückgegangen wäre.

Entgegen den allgemeinen Diskussionen über Nachhaltigkeit und das Streben nach Netto-Null-Emissionen zeigt sich, dass der weltweite Ölverbrauch sogar weiter zunimmt. Im Jahr 2023 erreichte der tägliche Ölbedarf mit 102,3 Millionen Barrel bislang einen neuen Höhepunkt. Es wird erwartet, dass dieser Trend bis mindestens ins Jahr 2028 anhält. Obwohl im Bereich der Mobilität, insbesondere bei Benzin, aufgrund der zunehmenden Elektrifizierung im Privatsektor ein leichter Rückgang zu beobachten ist, bleiben andere Sektoren wie die Luftfahrt, die auf Flugzeugkerosin angewiesen ist, weit hinter dieser Entwicklung zurück. Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch in der Schifffahrt feststellen. Trotz der globalen Bemühungen um nachhaltigere Energiequellen wie etwa Wasserstoff wird bei Rohöl ein jährlicher Anstieg von 5,9 Mio. Barrel pro Tag bzw. ein Prozent im Gesamtverbrauch erwartet. Die Menschheit nutzt demnach nicht weniger, sondern zunehmend mehr Öl (Quelle: IEA, JWN Energy. Stand: 30.06.2023).

Anleger setzen auf Öl-Aktien

Das zeigte sich auch an den Aktienmärkten: Ölaktien und Versorgertitel gehörten im dritten Quartal zu den sich am besten entwickelnden Aktien und performten auch besser als alternative Energieaktien. Alternative Energieaktien litten unter der vorangegangenen Überinvestierung und Überbewertung, während Ölaktien von ihrer im historischen Vergleich niedrigen Gewinnbewertung sowie hohen Dividendenrenditen profitierten. Diese Titel dürften auch längerfristig gut abschneiden, da die sehr niedrigen Investitionsquoten dieser Unternehmen in den letzten Jahren zu niedrigen Abschreibungen und damit hohen Gewinnausweisen geführt haben.

Allerdings gibt es derzeit, im Gegensatz zu den 1970er Jahren, kein Bestreben der OPEC, Öl als Druckmittel gegen den Westen einzusetzen und ein Öl-Embargo auszusprechen. Die erdölexportierenden Staaten haben offenbar kein Interesse daran, westlichen Staaten weitere Anreize für eine schnelle Abkehr von fossilen Brennstoffen zu liefern. Zwar reagierte der Ölpreis auf den Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 zunächst mit einem leichten Anstieg auf 90 US-Dollar pro Barrel (Brent), fiel danach aber schnell wieder auf das Niveau vor dem Angriff zurück.

Die Straße von Hormus als Nadelöhr für Öl und Gas

Dennoch: Der Ölmarkt ist global, und auch wenn der Gazastreifen für die Ölproduktion wenig Bedeutung hat, ist die Region – insbesondere Saudi-Arabien, der Iran, Irak und Kuwait – für den globalen Ölpreis entscheidend.

Eine große Rolle spielt dabei die Straße von Hormus. Der Iran, der sowohl die Hamas als auch die Hisbollah-Miliz im Libanon unterstützt, könnte die Durchfahrt von Tankern durch die Meerenge behindern oder sogar verhindern, sollte der Konflikt eskalieren. Da durch die Straße von Hormus ein Großteil des weltweiten Rohöls transportiert wird, könnte durch eine Behinderung des Schiffsverkehrs der Ölpreis deutlich steigen. Eine Sperrung hätte aber auch große Auswirkungen auf Flüssiggaslieferungen, da Katar dieselbe Route für den Transport nutzt.

Doch der vielleicht wichtigste Einfluss der Ölpreise auf die Kapitalmärkte dürfte vom inflationstreibenden Effekt fossiler Energieträger in Folge von Preissteigerungen ausgehen. Zuletzt ging die Inflation im Euroraum zwar von 4,3 Prozent im September auf 2,9 Prozent im Oktober zurück, und auch in den USA lag sie im Oktober bei 3,2 Prozent. Sollte die Inflation jedoch beispielsweise durch Energiepreissteigerungen wieder anziehen, könnte dies die Notenbanken dazu bewegen, die Leitzinsen noch weiter zu erhöhen, was die Aktienmärkte und die Wirtschaft als Ganzes belasten dürfte.
Die DJE Kapital AG gehört zur DJE-Gruppe und ist seit 1974 als unabhängige Vermögensverwaltung am Kapitalmarkt aktiv. Das Unternehmen aus Pullach bei München verwaltet mit rund 200 Mitarbeitern (davon rund 25 Fondsmanager und Analysten) aktuell über 15,5 Milliarden Euro (Stand: 30.09.2023) in den Bereichen individuelle Vermögensverwaltung, institutionelles Asset Management sowie Publikumsfonds. Zudem bietet DJE seit 2017 mit Solidvest eine einzeltitelbasierte Online-Vermögensverwaltung an – als digitale Lösung im Rahmen aktiv gemanagter Depots.

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