Investoren haben die rosarote Brille aufgesetzt

Michael Winkler, St.Galler Kantonalbank Deutschland AG
Michael Winkler / Bild: St.Galler Kantonalbank Deutschland AG
Die kräftigen Kursgewinne an den Aktienmärkten seit Oktober 2022 scheinen ein starkes Zeichen dafür zu sein, dass die Marktrisiken den Anlegern wieder beherrschbar erscheinen. Der DAX beispielsweise hat in diesem kurzen Zeitraum um rund 20 Prozent zugelegt. Nicht nur die Aktienkurse sind gestiegen, auch der als „Angstbarometer“ bekannte VDAX ist gesunken, die Volatilität an den Märkten hat stark abgenommen. Nahezu jede Nachricht wird mittlerweile positiv interpretiert, es macht sich beinahe eine „Partystimmung“ breit. Da die Gasspeicher in Deutschland gut gefüllt sind, scheint die Energiekrise keine Rolle mehr zu spielen. Die leicht abnehmenden Inflationsraten in den USA werden als Indiz dafür genommen, dass die US-Notenbank Fed die Zinszügel bald weniger straff anziehen könnte. Die jüngst etwas positiveren Geschäftserwartungen des ifo-Index werden als Bestätigung verstanden, dass nur noch eine „milde Rezession“ bevorstehe. Schon dieser eigenartige Ausdruck zeigt, dass an den Märkten viel Wunschdenken gehandelt wird – es ist längst nicht sicher, dass es auch wirklich zu einer milden Rezession kommen wird.

Risiken werden ausgeblendet

Es drängt sich der Eindruck auf, dass viele Investoren eine rosarote Brille aufgesetzt haben. Sehr konkrete Risiken für die Kapitalmärkte werden derzeit von vielen ausgeblendet: Die Fed entzieht den Märkten monatlich 95 Milliarden US-Dollar an Liquidität, durch die massive Ausweitung der Notenbank-Bilanz wird sich diese Entwicklung noch bis weit in das Jahr 2023 fortsetzen müssen. Liquiditätsentzug war noch nie gut für Aktienmärkte! Ebenfalls ein starkes Warnsignal ist die Inversion der Zinskurven. Kurzfristige Zinsen sind deutlich höher als langfristige Zinsen. Normalerweise ist es genau andersherum, weil Investoren eine Risikoprämie für langfristige Kreditvergabe verlangen. Eine solche Inversion hat historisch immer zu einer Rezession geführt!

Vorweggenommene Jahresendrallye

So erfreulich die Kursgewinne an den Aktienmärkten in den vergangenen Wochen aus Anlegersicht waren – es spricht viel dafür, dass die Kurse kurzfristig schon ein Stück zu weit gelaufen sind und eine Jahresendrallye vorweggenommen wurde. Die Charttechnik zeigt für einige Märkte eine deutliche Überhitzung und Widerstandsmarken an. Anleger sollten sich nicht von der aktuell positiven Stimmung treiben lassen und stattdessen die Risiken im Blick behalten.
Michael Winkler ist Leiter Anlagestrategie bei der St. Galler Kantonalbank Deutschland AG
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