Mein Ego ist mir heilig

Norbert Betz, Psychofallen an der Börse (6)
Bild: BBAG/Kursplus
Auch ein blindes Huhn findet einmal ein Korn – dieser beliebte Spruch trifft auch bei der Kapitalanlage zu. Und Sie kennen das sicher auch, gerade wenn man etwas neu anfängt oder zum ersten Mal unternimmt, kommt oftmals das Glück dazu. Sie spielen zum ersten Mal Schafkopf (oder, im Norden, Skat, und im Wilden Westen Poker) und haben gleich das beste Blatt für ein schmissiges Solo. Das heißt, auf die Kapitalanlage übersetzt, ein frischgebackener Anleger kauft sich in sein Depot voller Begeisterung seine ersten Aktien in einer Phase, in der von allen Seiten Kaufsignale zu hören und sehen sind, sich die Kurse in einem längeren Aufwärtstrend befinden. Kein Wunder, dass da die Aktien erst einmal steigen und steigen und steigen. Der Newcomer fühlt sich bestätigt und ist begeistert, vom Markt, den Aktien und vor allem von sich. So einfach kann Börse sein, so simpel ist der Weg zu schnellem Reichtum.

Selbstüberschätzung als Wahrnehmungsverzerrung

Psychologisch gesehen kann diese Art der rasch eintretenden Selbstüberschätzung als Wahrnehmungsverzerrung, genauer als Attributionsfehler definiert werden. Wir schreiben Erfolge gerne unseren eigenen Fähigkeiten zu, für Misserfolge sind entweder andere zuständig oder, soweit nicht vorhanden, missliche äußere Umstände. Einfach ausgedrückt: Erfolge sind Können, Misserfolge Pech. Eine Haltung, die wir alle selbstverständlich nicht nur bei der Kapitalanlage einnehmen – auch nach Fußballspielen beispielsweise wird gerne so argumentiert. Im Zweifel waren der Schiedsrichter oder der Rasen schuld an der Niederlage.

Wir sind die besten Bundestrainer

Diese Selbstüberschätzung – im wissenschaftlichen Terminus hört sie sich als „Overconfidence Bias“ etwas moderater an – führt dazu, dass Menschen ihre eigenen Einflussmöglichkeiten und Fähigkeiten überschätzen. Wir selbst sind die besseren Autolenker, die umsichtigeren Skifahrer, die eloquenteren Showmaster und die kompetenteren Bundestrainer.

Selbstüberschätzung führt zu erhöhtem Risiko

Bei der Kapitalanlage führt die Selbstüberschätzung zur Bereitschaft, ein höheres Risiko einzugehen, zum Beispiel durch höhere Einsätze – gerne auch noch mit geliehenem Kapital. Doch je höher der Anteil unseres Einkommens wird, den wir in riskante Geschäfte stecken, desto höher fällt unser emotionales Empfinden bei Gewinnen und Verlusten aus. Anders ausgedrückt: desto weniger rational entscheiden wir. Selbstüberschätzung verleitet dazu, dass wir in immer riskantere Produkte investieren, die mit hohen Gewinnen durch Hebelwirkungen werben – aber leider auch schnell zum Totalverlust führen können. Wir jonglieren mit Wahrscheinlichkeiten, die wir gar nicht mehr überblicken. Denn zur normalen Kursbewegung kommt bei diesen Instrumenten noch die Zeitdimension hinzu – und die Zeit spielt in der Regel gegen den (Privat)Anleger.

Von Handeln zum Traden

Eine weitere typische Folge der Selbstüberschätzung ist auch der Wunsch, immer öfter zu handeln, die Intervalle zwischen Ein- und Ausstieg zu minimieren, denn man hat den Markt ja im Griff, weiß die Volatilität für sich zu nutzen. Das freut in erster Linie die Bank – in zweiter die Börse, gebe ich gerne zu. Das Depot selbst allerdings spiegelt diese Freude oft nicht wider. Daytrading und Anlegen unterscheiden sich ganz grundsätzlich. Kurzfristiges Traden erfordert völlig andere Handlungen, ein anderes Wissen, ein anderes Anforderungsprofil und einen sehr reichhaltigen Erfahrungsschatz, damit die Kosten des Tradings überhaupt verdient werden können. Nicht zuletzt auch eine andere Ausrüstung und ein hohes Zeitbudget, das Normalverdiener gewöhnlich gar nicht zur Verfügung haben. In diesem Sinne passt hier vielleicht das sehr alte – und wenig verbreitete – Sprichwort: Demut, diese schöne Tugend, ehrt das Alter und die Jugend!
Jedes Jahr veröffentlich die Börse München ein Booklet zu interessanten Themen rund um die Börse als kleine Handreichung für Anleger und statt eines Hochglanzmagazins für Kunden. Wir bringen diese Booklets kapitelweise auf Südseiten, mit praktischer Verlinkung zu den genannten Wertpapieren. Wir beginnen mit Norbert Betz: Psychofallen an der Börse. Wie wir sie erkennen und vermeiden. "Ein anschauliches und angenehm unaufgeregtes Büchlein", wie es der Smart Investor in seiner Besprechung vorstellte