Finanzierungsstandort Deutschland stärken

Dr. Norbert Kuhn, Deutsches Aktieninstitut
Dr. Norbert Kuhn / Bild: Deutsches Aktieninstitut
Warum gehen Impfstoffhersteller wie BioNTech oder CureVac in den USA an die Börse, obwohl sie hierzulande mit deutschen Steuergeldern mitfinanziert wurden? Welche Rolle spielt der Listing-Standort eines Unternehmens für seine Entwicklung? Und was sollte die deutsche Politik tun, um die Unternehmensfinanzierung in Deutschland zu verbessern?
Unternehmen müssen Kapital mobilisieren, wenn sie den nächsten Wachstumsschritt vollziehen wollen. Deswegen gehen sie dorthin, wo sie die besten Rahmenbedingungen vorfinden. Die Wahl der US-Börse ist also keine Frage des Nationalstolzes, sondern eine rationale Finanzierungsentscheidung, die gleichzeitig dem Finanzierungsstandort Deutschland ein Armutszeugnis ausstellt. Die Gefahr, dass mit dem Listing der Biotechnologie und anderen Zukunftstechnologien in den USA auch Geschäftsbereiche dorthin abwandern und Arbeitsplätze auf der anderen Seite des Atlantiks entstehen, sollte die deutsche Politik auf den Plan rufen.

Mehr Kapital durch eine aktienbasierte Altersvorsorge mobilisieren

Der unzureichenden Bereitstellung von Wachstumskapital in Deutschland liegt, wie unsere Studie Auslandslistings von BioNTech, CureVac & Co. zeigt, ein strukturelles Problem zugrunde. Es gibt nicht genügend heimische Investoren, die Wachstumsunternehmen das Kapital zur Verfügung stellen, das sie für Forschung und Entwicklung brauchen. Bereits in den letzten Finanzierungsrunden vor einem Börsengang dominieren ausländische Investoren. Für den Börsengang müssen diese Unternehmen dann meist in die USA gehen.
 
Es besteht also Handlungsbedarf, damit in Deutschland nicht nur großartige Ideen entwickelt, sondern diese auch finanziert werden. Dafür braucht es ein leistungsfähiges Ökosystem Kapitalmarkt, das die Finanzierung von Wachstumsunternehmen sicherstellen kann. Entscheidend dafür sind finanzstarke spezialisierte Investoren, die die Ertragsaussichten komplexer Geschäftsmodelle einschätzen können, wie sie für die Biotechnologie und andere kapital- sowie forschungsintensive Wachstumsbranchen typisch sind. In den USA sind es klassischerweise die Pensionsfonds, die aufgrund ihrer großen Finanzkraft, Wachstumsunternehmen Kapital entweder direkt oder indirekt über andere Investoren zur Verfügung stellen.
 
Genau hier muss die Politik in Deutschland ansetzen und die Altersvorsorge um ein Ansparverfahren mit Aktien ergänzen. So lassen sich auch die Probleme der umlagefinanzierten Altersvorsorge lösen, die aufgrund der schwindenden Zahl von Beitragszahlern vor großen Herausforderungen steht. Mit einer aktienbasierten Altersvorsorge entstehen bei uns große Pensionsfonds, die das Geld am Kapitalmarkt, aber auch vorbörslich in vielversprechende Unternehmen anlegen. Steht viel Anlagevermögen zur Verfügung, bilden sich bei diesen Fonds Spezialisten heraus. Diese können dann die notwendige Expertise für die Geschäftsmodelle von Wachstumsunternehmen aufbauen und diversifiziert in diese Unternehmen investieren.

Das zu enge Korsett des Aktienrechts lockern

Auch mit Blick auf das deutsche Aktienrecht gibt es klaren Verbesserungsbedarf. Dieses schnürt gerade Wachstumsunternehmen auf dem Weg zur Finanzierung in ein zu enges Korsett. Viele Unternehmen, die für das Listing an eine ausländische Börse gehen, entscheiden sich daher für eine niederländische Aktiengesellschaft (N.V.) als Rechtsform. In den Niederlanden ist vor allem der Ausschluss des Bezugsrechts bei Kapitalerhöhungen deutlich leichter als in Deutschland. Dies ermöglicht eine rasche Finanzierung von sich auftuenden Geschäftsopportunitäten, während hierzulande der zweiwöchige Handel der Bezugsrechte die Kapitalerhöhung verzögert.
 
Auch die Höhe des genehmigten Kapitals, die das Aktienrecht zulässt, ist in Deutschland mit der Hälfte des Grundkapitals zu gering. In den Niederlanden ist das Drei- oder Vierfache des Grundkapitals üblich. Ebenfalls ist es in Ländern wie den USA üblich und weit verbreitet, dass Aufsichtsräte für ihre Tätigkeit Aktienoptionen erhalten, um sie am Wachstumspotenzial des Unternehmens zu beteiligen. In Deutschland ist diese Vergütungspraxis aufgrund der aktuellen Rechtsprechung ausgeschlossen. Darüber hinaus sind in Deutschland Mehrstimmrechte verboten, die dem Gründer weitergehende Mitspracherechte bei der strategischen Ausrichtung des Unternehmens einräumen und in Wachstumsunternehmen anderer Länder intensiv genutzt werden. All diese Limitierungen des deutschen Aktienrechts machen die deutsche Aktiengesellschaft als Rechtsform für Wachstumsunternehmen unattraktiver.

Fazit

Mehr Kapital über die Altersvorsorge und mehr Flexibilität im Aktienrecht – das sind die Hebel, die die nächste Bundesregierung umlegen muss, damit Ideen in Deutschland auch finanziert werden können. Gelingt dies, wandern innovative Geschäftsmodelle nicht ins Ausland ab, Arbeitsplätze werden gesichert und Wachstum und Wohlstand in Deutschland steigen.
Dr. Norbert Kuhn ist Leiter Unternehmensfinanzierung und stellvertretender Leiter Fachbereich Kapitalmärkte im Deutschen Aktieninstitut. Er befasst sich unter anderem mit dem Börsengang und mit Aktien in der Mitarbeiterkapitalbeteiligung, der Altersvorsorge und der Bankberatung, oder den steuerlichen Rahmenbedingungen, die den Aktienbesitz fördern.

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