Steigende Volatilität – Was Anleger nun wissen müssen

Matthew Benkendorf, Vontobel
Matthew Benkendorf / Bild: Vontobel
  • Trotz der Inflationsängste und der Aussicht auf eine straffere Geldpolitik rechnen die Märkte weiter mit einem Umfeld, das langfristig niedrige Zinsen verspricht
  • Für dieses Jahr ist weiterhin mit leichter Volatilität an den Aktienmärkten infolge den sich von Quartal zu Quartal ändernden Wirtschaftsdaten zu rechnen
Zwar liegt das Hauptaugenmerk vieler Anleger auf der steigenden Inflation, doch überwogen letztendlich das Vertrauen in den weltweiten Impffortschritt und die globale Erholung neben der Erwartung einer lockeren Geldpolitik. Auch in den USA zog die wirtschaftliche Erholung an. Eine Rekordanzahl von Unternehmen veröffentlichte positive Prognosen für das zweite Quartal. Der Markt hatte nach einem Anstieg der Inflation und der Ankündigung einer allmählichen Zinsanhebung seitens der US-Notenbank Fed kurzzeitig nachgegeben, stabilisierte sich jedoch, nachdem der Fed-Vorsitzende Jerome Powell einen gemäßigten Ansatz bei der geldpolitischen Straffung in Aussicht stellte. Da die Zinsen nach wie vor niedrig sind, lässt sich an den Aktienmärkten weiterhin ein Aufwärtstrend verzeichnen. Trotz der Inflationsängste und der Aussicht auf eine schrittweise Straffung der Geldpolitik rechnen die Märkte erkennbar wieder mit einem Umfeld, das langfristig niedrige Zinsen verspricht. Offenbar ist man der Ansicht, dass eine deutliche geldpolitische Straffung noch zu weit in der Zukunft liegt. Gewinne sind weiterhin möglich, solange das Ertragswachstum anhält. Der KGV-Anstieg bei Aktien dürfte mittlerweile überwiegend der Vergangenheit angehören. Für die Renditen wird es daher eine größere Rolle spielen, wie hoch künftig das Ertragswachstum ausfällt.

Anleger fürchten Inflation

Aus politischer Sicht hat die US-Regierung unter Joe Biden die in sie gesetzten Erwartungen im Allgemeinen erfüllt. Dank des Impfprogramms, der Transferleistungen an Verbraucher, der laufenden Infrastrukturpläne, der Neuausrichtung der US-Außenpolitik und der strengeren regulatorischen Überprüfungen in bestimmten Bereichen hat das Vertrauen an den Märkten zugenommen. Wir rechnen mit einer Zunahme der Volatilität im Laufe des Übergangs zum Jahr 2022. Das politische Klima wird im Vorfeld der wichtigen US-Zwischenwahlen, einem ersten Stimmungstest für die Regierung Biden, naturgemäß rauer werden.
 
Wir gehen davon aus, dass die steigende Inflation uns in der zweiten Jahreshälfte weiter beschäftigen wird. Während sich der Preisanstieg bei einigen Gütern wie Holz und Gebrauchtwagen abschwächt, bleiben die Preise in anderen Bereichen hoch. Wir rechnen mit einer weiteren Inflationsabschwächung im Verlauf des kommenden Jahres, wenn Arbeitslosengelder auslaufen und sich der Lohndruck normalisiert. Anleger fürchten die Inflation, obwohl sie in der Regel auf eine gesündere wirtschaftliche Entwicklung hindeutet. Anleger sollten das anstehende Jackson Hole Economic Symposium am 28. August im Blick behalten, auch dahingehend, ob Jerome Powell eine Reduzierung der massiven Anleihenkäufe in Aussicht stellt. Dies könnte sich unmittelbar auf Stimmung und Ausgabeverhalten auswirken.

Inflationsabsicherung durch Qualitätstitel

Unternehmen mit dem richtigen Geschäftsmodell können dem Inflationsdruck standhalten. So verfügen bestimmte Konsumgüterhersteller wie Nike über starke Marken, die höhere Preise verlangen können, und über hohe Margen. Eine solide Preissetzungsmacht kann in einem inflationären Umfeld Wachstum überlegen sein. Die Preissetzungsmacht kommt auch bei Unternehmen in den weniger konjunkturempfindlichen Bereichen wie Wartung, Dienstleistungen und Abonnements zum Tragen oder in Bereichen, in denen eine wiederkehrende Nachfrage nach Produkten besteht, die Konsumenten benötigen, begehren oder aufgrund staatlicher Vorgaben erwerben müssen.
 
Anleger wenden sich zur Inflationsabsicherung oftmals Rohstoffen zu, wie z. B. Energieunternehmen. Zwar profitieren Energieunternehmen unter Umständen kurzfristig von dem mit der Inflation einhergehenden Anstieg der Ölpreise, doch der Kapitalbedarf in der Energiebranche darf nicht unterschätzt werden. Ab einem gewissen Punkt müssen die Unternehmen allein zur Aufrechterhaltung der Produktion schon neue Investitionen tätigen. Als Folge nehmen Abschreibungen zu und die Margen normalisieren sich.
 
Wir sollten für dieses Jahr weiter mit leichter Volatilität an den Aktienmärkten infolge der sich von Quartal zu Quartal ändernden Wirtschaftsdaten rechnen. Da die relativ lockere Zinspolitik über die nächsten 18 Monate Bestand haben dürfte und die Bedrohung durch die Corona-Pandemie allmählich abklingt, ergeben sich unseres Erachtens jedoch attraktive Chancen für aktive Stockpicker. Wie das Leben selbst bestehen auch die Märkte aus zu vielen unbekannten Variablen, um einen Zyklus aus zeitlicher Perspektive verlässlich bestimmen zu können. Eine verbreitete Fehlannahme unter Anlegern ist, dass man Schocks für den Markt, wie die Pandemie oder die letzte Finanz- oder Immobilienkrise voraussehen können muss. Anleger sollten sich stattdessen darauf konzentrieren, attraktive Anlagechancen, d. h. das Unternehmen und die betriebswirtschaftlichen Zusammenhänge, richtig einzuschätzen. Im Idealfall erweisen sich diese Unternehmen gegenüber dem Zyklus als resistent oder als davon unabhängig.

Dem Gesang der Sirenen widerstehen

Auf den heutigen Märkten ist ein Qualitätsfokus nach wie vor wichtig. Anleger, die nach Unternehmen suchen, die sich durch konsistentes und nachhaltiges Ertragswachstum auszeichnen, können überzeugt sein, dass diese Unternehmen aus der unausweichlichen Marktvolatilität gestärkt hervorgehen werden. Für einige Anleger ablenkend wirken kann der Boom von thematischen Anlagen. Grundsätzlich kann ein thematischer Ansatz sie zum Kauf von Aktien verleiten, die sich bereits bei anderen Anlegern großer Beliebtheit erfreuen. Durch eine thematische Ausrichtung laufen sie Gefahr, zwar in einem guten Bereich und vielleicht auch in ein gutes Unternehmen zu investieren, jedoch im Rahmen einer schlechten Anlage, bei der die Bewertung oder zu viel Optimismus in das künftige Wachstum eingepreist ist. Unserer Auffassung nach sollten Anleger immer zunächst ein etabliertes Unternehmen mit starken Wirtschaftsdaten wählen, dessen künftige Entwicklung positiv und berechenbar und das attraktiv bewertet ist – unabhängig davon, ob es in eine übergeordnete, attraktive Story oder ein bestimmtes Thema passt. Manchmal scheinen sich diese Bottom-up-Anlagen in weiter gefassten Themenbereichen wiederzufinden. Wir halten es aber für besser, sie aus der anderen Richtung in Angriff zu nehmen.
Matthew Benkendorf ist Chief Investment Officer bei Vontobel Quality Growth.

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