Die Finanzmärkte unterschätzen die Gefahr des Handelskrieges

Léon Cornelissen, Robeco Investment Solutions
Léon Cornelissen / Bild: Robeco Investment Solutions
US-Präsident Donald Trump hat seine Äußerungen über eine Verhängung von Strafzöllen auf chinesische Importe im Wert von vielen Milliarden US-Dollar verschärft – und China hat entsprechend darauf geantwortet. Die Anleger zeigen bisher eine verhaltene Reaktion. Möglicherweise unterschätzen sie damit das tatsächliche Risiko: Der globale Handelskrieg könnte deutlich weiter eskalieren und lange andauern.

In jüngsten Umfragen haben Anleger beständig – man könnte sagen routinemäßig – Handelskriege als das größte Risiko für die Finanzmärkte bezeichnet. Die Anleger teilen anscheinend nicht die Auffassung des US-Präsidenten, dass ‚Handelskriege gut und leicht zu gewinnen sind’. Doch jetzt, da Trump die Hälfte von Chinas Exporten in die USA mit höheren Zöllen ins Visier genommen hat, scheinen sich die Märkte nicht sonderlich daran zu stören. Wie lässt sich das erklären?

 
Grafik: Zölle auf chinesische Exporte in die USA

Handelskriege schaden tatsächlich

Die vorsichtige Haltung der Anleger ist verständlich. Die Welt hat die Lehren aus der Großen Depression nicht vergessen. Damals war der allmählich zunehmende Protektionismus eine wesentliche Ursache für die lange Dauer und Heftigkeit des Konjunktureinbruchs. Das ist der Grund, warum sich die G20-Staaten nach der Lehman-Pleite darauf geeinigt haben, auf protektionistische Maßnahmen zu verzichten – wie sich gezeigt hat mit Erfolg.
 
Vor kurzem von der Europäischen Zentralbank (EZB) mit Modellen durchgeführte Simulationen weisen darauf hin, dass Handelskriege tatsächlich schaden. Die EZB betrachtete dabei ein hypothetisches Szenario, in dem die USA die Zölle auf sämtliche Einfuhren um 10 Prozentpunkte erhöhen und die Handelspartner mit einer Zollerhöhung im selben Umfang auf ihre Importe aus den USA reagieren. Die EZB versucht, indirekte Vertrauenseffekte zu erfassen: Bei den Anleihekursen wird ein Anstieg um 50 Basispunkte und an den Aktienmärkten ein Rückgang um zwei Standardabweichungen in allen Ländern angenommen. Für die USA ergibt dies einen Rückgang der Aktienkurse um 16 Prozent.
 
Für die USA und China sind die Konfidenzeffekte geringer als die direkten Handelseffekte, was eine Unterschätzung sein könnte. Das Ergebnis ist, dass die reale Wirtschaftsleistung der USA bereits im ersten Jahr um 2 Prozent niedriger ausfällt als im Basisszenario (siehe unten stehende Grafik). Dagegen verbessert China seine Position etwas, weil geringere Exporte in die USA durch eine Umlenkung von Handelsströmen in andere Länder kompensiert werden, in denen chinesische Exporteure auf Kosten der USA Marktanteile hinzugewinnen können.
Grafik: Geschätzte Auswirkungen eines Handelskriegs im ersten Jahr

Der Welthandel wird nachweislich beeinträchtigt

Die Ergebnisse der EZB gehen in eine ähnliche Richtung wie die vorangegangener Simulationen der britischen Notenbank. Diese deuten darauf hin, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der USA und der Welt in einem ähnlichen Szenario allein aufgrund von Handelseffekten um 2,5 Prozent bzw. 1 Prozent zurückgehen könnte. Die britische Notenbank verweist darauf, dass das weltweite BIP wesentlich stärker reduziert würde, wenn alle Länder die Zölle gegen alle übrigen Länder erhöhten.

Trumps Handelskrieg ist zudem nicht auf China beschränkt. Er hat auch der EU gedroht und sich unter anderem über die vielen Autos deutscher Hersteller auf US-amerikanischen Straßen beschwert. Trotz eines anscheinend erfolgreichen Besuchs von EU-Kommissionspräsident Juncker in den USA mit dem Ziel, Spannungen im Handel abzubauen, sagte Trump Ende August auf einer Kundgebung in West Virginia: „Wir werden auf jedes Auto, das aus der Europäischen Union in die USA eingeführt wird, eine Steuer von 25 Prozent erheben.

Bislang kein Vertrauensverlust trotz schwindelerregender Zahlen

In der letzten Runde haben die USA Strafzölle von 10 Prozent auf chinesische Waren im Wert von 200 Milliarden US-Dollar beschlossen. Diese sind im September in Kraft getreten – zusätzlich zu den bereits im August auf Waren im Wert von 50 Milliarden US-Dollar verhängten Zöllen. Trotz der schwindelerregenden Zahlen machen die betroffenen Produkte bisher nur einen geringen Teil des Welthandels aus. Es ist deshalb verständlich, dass die Zölle das Erzeuger- und Verbrauchervertrauen bislang nicht nennenswert erschüttert haben. Und dies erklärt zu einem großen Teil die bisher verhaltene Reaktion der Finanzmärkte.

Es kann jedoch zu einer weiteren Eskalation kommen. Die USA drohen, die auf Waren im Wert von 200 Milliarden US-Dollar erhobenen Zölle von 10 Prozent Anfang nächsten Jahres auf 25 Prozent zu erhöhen, falls China ‚sein Verhalten nicht ändert’ – auch wenn immer noch nicht klar ist, welches Ziel die USA in Verhandlungen mit China verfolgen.

Kongresswahlen werden Trumps China-Politik nicht ändern

Trump könnte durch die Zwischenwahlen zum US-Kongress am 6. November politisch geschwächt werden. Dies hätte aber vermutlich wenig Einfluss auf seine Politik gegenüber China, weil eine harte Haltung gegen dieses Land generell auch bei den oppositionellen Demokraten und in weiten Kreisen der US-Wirtschaft populär ist.

Es könnte aber bedeuten, dass Trump mangels Unterstützung im eigenen Land weniger Druck auf Europa ausüben würde. Mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 könnte er beschließen, die politischen Spannungen im Verhältnis zu China in der Hoffnung hoch zu halten, dass dadurch seine Chancen auf eine Wiederwahl größer werden.

Höhere Zölle werden deshalb in den nächsten Jahren zu einer Dauererscheinung werden. Für Anleger gibt es in diesem an Intensität zunehmenden Handelskrieg wenig zu gewinnen. Sie können nur hoffen, dass die aktuelle Situation nicht drastisch eskaliert.

Léon Cornelissen ist Chefökonom von Robeco Investment Solutions. Robeco wurde 1929 gegründet und konzentriert sich auf internationales Asset Management. Der Unternehmenssitz befindet sich in Rotterdam (Niederlande). Robeco ist ein Tochterunternehmen der ORIX Corporation Europe N.V., die zum 31.Dezember 2017 ein Vermögen von 293 Milliarden Euro verwaltete.