Schicksalswahlen in den USA

Edgar Walk, Bankhaus Metzler
Edgar Walk / Bild: Bankhaus Metzler
Es könnte durchaus über mehrere Tage hinweg unsicher sein, wer die Präsidentschaftswahl in den USA gewonnen hat. Die Wahllokale sind je nach Bundesstaat teilweise noch bis 21.00 Uhr Ortszeit geöffnet. Nach mitteleuropäischer Zeit endet die Wahl demzufolge am 4. November um 7.00 Uhr morgens. Dann werden die ersten Hochrechnungen auf Basis von Umfragen veröffentlicht. Das offizielle Ergebnis wird jedoch voraussichtlich erst einige Tage später bekanntgegeben, da mehrere Bundesstaaten noch auf den Eingang von Wahlbriefen warten. Zudem dürfte die Auszählung der bisher schon eingegangenen Briefe einige Tage dauern.

Zwei gegensetzliche Kräfte nach Bidens Wahl

Die Umfragen zeigen, dass Joe Biden gute Chancen hat, die Präsidentschaftswahl zu gewinnen, und dass die Demokraten die Mehrheit im Senat erobern könnten. Sollte dieses Szenario eintreten, drohen höhere Unternehmenssteuern, die die Unternehmensgewinne direkt schmälern würden. Eine demokratisch geführte Regierung würde jedoch auch die Staatsausgaben merklich erhöhen und damit positive Impulse für die Konjunktur setzen. Zwei gegensätzliche Kräfte würden somit auf den US-Aktienmarkt einwirken. Die Vermutung besteht jedoch, dass der US-Aktienmarkt in einer ersten Reaktion mit fallenden Kursen reagieren wird, da sich der Fokus zunächst auf die Steuererhöhungen richten könnte.

Aufatmen bei exportorientieren Unternehmen

Sollte der neue Präsident Joe Biden heißen, die Demokraten aber nicht die Mehrheit im Senat erreichen, wäre eine Erhöhung der Unternehmenssteuern vom Tisch, ebenso die geplanten umfangreichen staatlichen Ausgabenprogramme – mit voraussichtlich positiven Auswirkungen auf US-Aktien.

Der US-Präsident hat traditionell große Entscheidungsfreiheit in der Außen- und Handelspolitik. Unter einem Präsidenten Biden würde sicherlich das Risiko eines Handelskonflikts mit den Verbündeten sinken. Der Handelskonflikt mit China dürfte jedoch weiterbestehen. Exportorientierte Unternehmen in Kanada, Mexiko, Japan und Europa dürften in diesem Szenario aufatmen.

Rückfall in die 1930er Jahre bei Wahlsieg Trumps

Sollte Trump die Präsidentschaftswahl für sich entscheiden, dürfte es ein weiteres moderates Konjunkturpaket geben und keine Steuererhöhungen. Auch würde Trump wahrscheinlich weiterhin den Aktienmarkt als Erfolgsindikator seiner Politik hegen und pflegen. Unter Trump wäre jedoch eine Verschärfung des Handelskonflikts mit allen Handelspartnern der USA zu erwarten, zumal sich das Handelsbilanzdefizit zuletzt wieder zu Ungunsten der USA verschlechtert hat. Es würde ein Rückfall in die 1930er-Jahre drohen, als der Welthandel im Zuge eines eskalierenden Protektionismus nahezu zum Stillstand kam.

Pandemie außer Kontrolle

In Europa scheint die Pandemie außer Kontrolle geraten zu sein. In den europäischen Ländern werden derzeit fast schon täglich neue Lockdown-Schritte beschlossen. Die Folge dürfte eine zweite Rezession in Europa sein. Dementsprechend dürften auch die europäischen Einkaufsmanagerindizes (Montag: Industrie; Mittwoch: Dienstleistungssektor) im Oktober deutlich schwächer als im Rest der Welt ausgefallen sein. Immerhin ist die deutsche Industrie ein Lichtblick, die von der Erholung des Welthandels profitiert. Das dürften die Daten zu den Auftragseingängen (Donnerstag) und zur Industrieproduktion (Freitag) zeigen.

Auch in den USA verschlechterte sich zuletzt die Pandemielage zusehends. Bisher wurden noch keine neuen Lockdown-Maßnahmen verhängt, sodass sich die Einkaufsmanagerindizes stabil entwickelt haben sollten. Auch am Arbeitsmarkt (Freitag) dürfte sich der Aufschwung fortgesetzt haben. Die US-Notenbank (Mittwoch) kann somit vorerst noch eine abwartende Haltung einnehmen. Sie dürfte jedoch ihre Bereitschaft zum Handeln signalisieren, sollten sich die Konjunkturdaten verschlechtern. Grundsätzlich drohen auch in den USA nach den Wahlen neue Lockdown-Maßnahmen.

China befindet sich dagegen im Aufschwung und dürfte mit soliden Einkaufsmanagerindizes glänzen.
Edgar Walk ist Chefvolkswirt bei Metzler Asset Management. Er arbeitet seit 2000 bei Metzler. Als Chefvolkswirt im Bereich Asset Management ist er für die volkswirtschaftlichen Prognosen verantwortlich. Aufgrund seiner engen Zusammenarbeit mit dem Portfoliomanagement liegt sein Fokus neben der volkswirtschaftlichen Analyse verstärkt auf Kapitalmarktthemen. Vor seiner Anstellung bei Metzler studierte Walk in Tübingen Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Regionalstudien Ostasien und Japan. Zur Vertiefung seiner Studien verbrachte er ein Auslandssemester an der Doshisha-Universität in Kyoto (Japan). Am Institut für Weltwirtschaft in Kiel absolvierte er anschließend den Aufbaustudiengang „Advanced Studies in International Economic Policy Research“.