Chinas Wirtschaft: zunehmender Einfluss auf breiter Front

Dr. Klaus Bauknecht, IKB Bank
Dr. Klaus Bauknecht /Bild: IKB Bank
Nach einem guten Jahr für die deutsche und die globale Wirtschaft scheint sich die Konjunktur perspektivisch wieder einzutrüben. Frühindikatoren wie die PMIs in der Euro-Zone und China oder der ifo Index in Deutschland signalisieren eine mögliche Wachstumsdelle vor allem im zweiten Quartal 2018. Noch deuten alle Indikatoren auf weiteres Wachstum hin. Doch geopolitische Risiken und ein möglicherweise eskalierender Handelsstreit belasten mehr und mehr den Ausblick und führen zu ersten Revisionen bei Wachstumsprognosen. Doch trotz der veränderten Indikatorwerte ist es deutlich verfrüht, von einer bedeutenden Verlangsamung insbesondere beim Wachstum der weiterhin gleichlaufenden Weltwirtschaft in diesem Jahr zu sprechen. Zwar erwartet die IKB für 2018 eine moderate Wachstumsverlangsamung in wichtigen Volkswirtschaften der EuroZone und in China. Dennoch ergibt sich dank der Bedeutung Chinas für die Weltwirtschaft und seines weiterhin deutlich
höheren Wachstums ein weiterhin positiver Ausblick. In diesem Umfeld sollten bedeutende Notenbanken wie EZB und Fed grundsätzlich weiterhin den Raum für eine graduelle Wende in ihrer Geldpolitik bzw. weitere Zinsanhebungen finden. Eine Abkehr der EZB von negativen Zinsen im Jahr 2019 bleibt weiterhin plausibel.

Höhere Wertschöpfung

Am Anfang der chinesischen Entwicklungsphase und vor allem unter Deng Xiaoping, der die Öffnung Chinas vorantrieb, lag der Fokus auf dem Zugang zu globalen Märkten, um Chinas Industrieproduktion und Industrialisierung zu fördern. Damals musste das Land die Handelspraktiken und Konsumpräferenzen der globalen Konsumenten akzeptieren bzw. für sich nutzen, um Marktanteile zu gewinnen. Dies gelang oftmals und vor allem zu Anfang nur über den Preis. China konnte aufgrund seiner niedrigen Lohnkosten und der Konzentration auf Güter geringer Wertschöpfung – auch dank einer unterbewerteten Währung – deutliche Marktanteile erringen. Davon profitiert hat der globale Konsument; die Kaufkraft und damit der Lebensstandard, vor allem in Ländern mit einem Leistungsbilanzdefizit wie die USA, verbesserten sich. Für China ergab sich ein wachsender Leistungsbilanzüberschuss, Devisenreserven weiteten sich aus. Doch inzwischen ist die chinesische Industrieproduktion nicht nur wichtige Komponente für die globale Lieferung von billigen Industriegütern, sondern sie entwickelt sich auch zu einem bedeutenden Konkurrenten in vielen Branchen mit höherer Wertschöpfung.

Zunehmende Spezialisierung

So hat sich China von einer eher passiven Rolle hin zu einer Industrienation entwickelt, die mehr und mehr Einfluss auf Preise und technologische Trends nimmt. Haben Branchen der höheren Wertschöpfung (Pharma, Elektrotechnik, Maschinen- und Fahrzeugbau) im Jahr 2000 noch rund 29 Prozent der gesamten Wertschöpfung des Verarbeitenden Gewerbes in China ausgemacht, so lag ihr Beitrag im Jahr 2014 bei fast 36 Prozent. Gleichzeig ist der Wertschöpfungsanteil innerhalb dieser Branchen zurückgegangen. Dies ist jedoch nicht auf zunehmende Importe zurückzuführen, was auf eine globale Spezialisierung hindeuten würde, denn die Importquoten sind ebenfalls gesunken. Es liegt eher an dem steigenden Anteil der lokalen produzierten Vorleistungsgüter, was Indiz für eine zunehmende Spezialisierung ist. So hat sich die chinesische Leistungsbilanz nach den Jahren des WTO-Beitritts und vor allem seit 2010 deutlich stabilisiert und lag 2017 bei 1,8 Prozent des BIP (2008: 9,1 Prozent, 2010: 3,9 Prozent). Seit dieser Zeit hat die chinesische Industrieproduktion allerdings um rund 80 Prozent zugenommen. Die Zeiten der Industrialisierung durch billige Exporte scheinen schon länger vorbei zu sein.
 

Chinesischer Konsum hat noch Aufholbedarf

Die hohe Investitionsquote gibt schon länger Anlass zur Sorge, denn viele Beobachter zweifeln an der Nachhaltigkeit des chinesischen Wachstums. Die höhere und sich ständig wandelnde Wertschöpfung deutet jedoch an, dass die Furcht vor Fehlinvestitionen zumindest in der chinesischen Industrie nicht unbedingt angebracht ist. Allerdings braucht es für ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum in China eine höhere Konsumquote. Noch ist der private Konsum, absolut gesehen, deutlich geringer als der in den USA oder in der Euro-Zone. Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis die chinesischen Konsumenten ein bedeutender Treiber der Weltwirtschaft sein werden. Mit steigenden Konsumausgaben und höherer Wertschöpfung erhöht sich die Fähigkeit Chinas, nationale Interessen verstärkt international durchzusetzen. Denn China wird auf der Angebots- und Nachfrageseite ein immer bedeutenderer Wirtschaftsakteur. Angesichts der Handelspolitik des aktuellen US-Präsidenten mag solch eine Entwicklung durchaus zu einem Gleichgewicht beitragen.

China kann eigene Regeln aufstellen

Früher war Chinas Wirtschaft abhängig von globalen Konsumenten und konnte sich nicht den Luxus leisten, auf die Produktionsbedingungen im eigenen Land zu schauen. Mittlerweile diktiert das Reich der Mitte verstärkt die Rahmenbedingungen seiner und damit auch der globalen Produktion. Neue, strengere Standards für den Umweltschutz sind dafür ein Beispiel. Manchmal wird dies als Versuch interpretiert, die Wettbewerbsfähigkeit vor allem von ausländischen Unternehmen zu behindern. Doch grundsätzlich hat China inzwischen eine Bedeutung erlangt, die es dem Land erlauben, eigene Regeln aufzustellen bzw. lokale Interessen in den Vordergrund zu stellen. Durch die hohen Direktinvestitionen auch von deutschen Produzenten erhält die chinesische Wirtschaftspolitik auch zunehmenden Einfluss auf die Angebotsseite vieler deutscher Unternehmen. Aus diesem Grund bleibt es wichtig, Handelsbeziehungen mit China zu festigen, die auf die Wahrung der Eigentumsrechte fokussieren.

Fazit: Bedeutung Chinas ist größer als es sein Wachstum widerspiegelt

Fazit: Die Bedeutung Chinas für die Weltwirtschaft ist noch deutlich größer als das seit Jahren auf hohem Niveau verharrendechinesische Wirtschaftswachstum signalisiert. Die chinesische Wirtschaft hat sich schon länger vom Status des Billigproduzenten verabschiedet und bestimmt durch ihre höhere Wertschöpfung und ihre zunehmende Konsumkaufkraft zunehmend technologische Trends, Konsumpräferenzen und Abkommen auf globaler Ebene. Dies mag bei manchen Beobachtern für Skepsis sorgen, kann sich allerdings auch als notwendiges Gleichgewicht in der wirtschaftlichen Weltordnung erweisen.
 
Dr. Klaus Bauknecht ist als Chefvolkswirt der IKB Deutsche Industriebank AG verantwortlich für die volkswirtschaftlichen Analysen, Prognosen und Einschätzungen der Bank. Zudem lehrt der promovierte Volkswirtschaftler an der Nelson Mandela University in Südafrika. Zuvor arbeitete er in verschiedenen leitenden Positionen anderer Banken und im südafrikanischen Finanzministerium. Er schreibt zu aktuellen und übergeordneten Konjunktur-, Volkswirtschafts- und Marktthemen.