Börsen-Blasen

Norbert Betz erklärt, warum Blasen platzen können

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Bild: Getty/Hannele Lahti
Immer wenn der Dax einen neuen Rekord in Sachen Punktestand einfährt, gibt es ein zwiespältiges Echo. Während sich diejenigen Aktionäre freuen, die dabei sind, fragen sich andere, ob sie auf diesen Zug nach oben noch aufspringen sollen. Denn erste mahnende Stimmen sehen bereits eine »Blasenbildung« voraus und mahnen deren baldiges Platzen an. Da stellt sich die Frage, ob das den Tatsachen entspricht und wir uns in einer Phase der Überhitzung befinden und der nächste Börsencrash droht. Wie definiert man eine solche Situation überhaupt und wie schützt man sich als Anleger dagegen?
 
Soviel vorab: Das Platzen einer Blase setzt Gier und einen rational nicht mehr nachvollziehbaren Kaufrausch auch breiterer Anlegerschichten in bestimmte Asset-Klassen voraus. Das bedeutet, ein solcher Crash wird immer eine ganze Menge Anleger treffen. Alle gut gemeinten und hoch bürokratisch durchgeführten Anlegerschutzprogramme können weder die Entstehung noch die Folgen von Blasen vermeiden. Die Tulpenmanie im 17. Jahrhundert, die Südseeblase Anfang des 18. Jahrhunderts, der große Crash 1929, der Schwarze Montag 1997 und der Internet-Crash von 2000 sind nur die bekanntesten einer ganzen Fülle solcher Crashs, die zum Anlegeruniversum gehören wie das Amen in der Kirche.

Die typischen Kennzeichen einer Blase

Uns allen ist neben dem Untergang des Neuen Marktes 2000 noch die Subprime-Krise in den USA in schmerzlicher Erinnerung. Die Folge: Banken gingen hops oder mussten verstaatlicht werden, die Realwirtschaft brach weltweit ein und ganze Länder gerieten in Schieflage. Die Zeche zahlen mussten im Endeffekt vor allem die Anleger und die Steuerzahler. Auch damals sahen nur wenige die aufziehenden Gewitterwolken am Horizont und noch weniger glaubten diesen Auguren. Billiges Geld, Hauskredite ohne Sicherheiten, eher sinnfreie staatliche Eingriffe, neue »innovative« Finanzprodukte, die kritische Kredite zusammen mixten und weiterreichten - so ziemlich alle typischen Merkmale einer Blase waren hier vertreten.

Von Aktien und Dienstmädchen

Denn es gilt zu unterscheiden zwischen einem manischen, von Gier dominiertem und Irrationalismus geprägtem Investorenverhalten und einer einfachen Überbewertung weitgehender noch fairer Marktbewertungen. Es gibt mehrere, untrügliche Kennzeichen für ein solches Zusteuern der Märkte auf die Katastrophe. Zum einen, wenn ganze Bevölkerungskreise, die auf Anhieb nicht mit der Aktienanlage in Verbindung gebracht werden, die Börse zum Thema Nummer eins erklären. Oder auch Medien dies aufgreifen, die sich ansonsten eher für ganz andere Dinge interessieren als Wirtschaft. Dafür hat sich der Begriff der  »Dienstmädchenhausse« eingebürgert, auch wenn mangels Dienstmädchen das keine wirklich opportune Namensgebung mehr ist.

Spektakuläre Übernahmen als Vorzeichen

Ein weiteres Zeichen ist es, wenn ein immer größerer Anteil an Wertpapierkäufen auf Kredit erfolgt. Risikofreudige Anleger nutzen gerade Niedrigzinsphasen, um Aktien zu kaufen, mit der Folge, dass schon kleinere Rücksetzer an den Märkten zu Zwangsverkäufen führen. Ein zusätzliches Indiz für Märkte kurz vor dem Kollabieren sind spektakuläre Firmenübernahmen. Gerne übernehmen dabei kleinere Unternehmen sehr viel größere Firmen und finanzieren die Akquisition über den Kapitalmarkt. Auch eine fast exponentiell ansteigende Anzahl von Börsengängen von Gesellschaften mit oftmals nur schwer nachvollziehbarem Geschäftsmodell und eher übersichtlichen Gewinnen in der Vergangenheit sind ein untrügliches Zeichen für eine Überhitzung an den Märkten. Um die IPOs trotzdem erfolgreich am Kapitalmarkt zu platzieren, werden dann gerne ganz neue Bewertungskennzahlen eingeführt, die eher an der Phantasie einiger  »Kapitalmarktexperten« als an tatsächlich nachweisbaren, fundamentalen Unternehmenszahlen ausgerichtet sind.

Wenn selbst lahme Enten spurten

Und zum Schluss: in normalen Hausse-Phasen an der Börse gibt es immer Titel, die weniger gut laufen oder sich sogar im Minus bewegen. Doch wenn selbst solche  »Lame Ducks« plötzlich eine völlig unrealistische Performance aufweisen, dann ist allerhöchste Vorsicht geboten. Wenn diese Kriterien – nicht immer alle, aber doch mehrere – zutreffen, dann ist der Markt fragil geworden und jetzt reichen auch kleinere Probleme oder Unsicherheitsfaktoren, um ihn nach unten zu reißen, und der nächste Crash ist da und es fehlen dann nur noch die Kommentatoren, die ihm einen Namen geben, damit er in unserem Gedächtnis bleibt

Blasenbildung ja - aber nicht bei Aktien

Wie sieht es derzeit aus? Der Dax pendelt mühsam jenseits der 10.000er Marke, doch er ist noch immer weit entfernt von den schon einmal erreichten mehr als 12.000 Punkten von April 2015. Befinden wir uns trotzdem in einem Zustand der Blasenbildung, sollten wir das baldige Detonieren bereits im Kopf haben? Ja und Nein! Betrachten wir die Anleihenmärkte und einige Bereiche bei den Immobilien, so ist eine solche Blasenbildung kaum noch zu negieren. Denn weder bei Anleihen noch bei Immobilien in bester Lage ist bei genauerem Hinsehen noch mit einer vertretbaren Rendite zu rechnen – und trotzdem wird gekauft auf Teufel komm raus, selbst Anleihen, die nachweislich gar keine Rendite mehr erbringen. Und auch auf dem Übernahmesektor ist einiges im Gange, es sei nur an Bayer und Monsanto erinnert. Anders sieht es meiner Meinung nach bei den Aktienmärkten aus. Hier ist noch Luft nach oben, betrachtet man wichtige Kennzeichen, vom Kurs-Gewinn-Verhältnis bis zum Kurs-/Buchwert-Verhältnis großer, gerade auch deutscher Unternehmen. Kritisch zu sehen ist hier auch das Adjustieren, das heißt die Definition und Bereinigung von Sonderereignissen aus den Geschäftszahlen. Hier ist eine hohe Kreativität zu beobachten, welche den Gewinn tendenziell hoch ausweist.

Angesichts des nach wie vor üppig vorhandenen Geldes – und die EZB wirft eifrig weitere Milliarden auf den Markt – ist kurzfristig mangels Alternativen und einer kontinuierlichen Nachfrage viel Druck im Kessel an den Aktienmärkten. Denn in der derzeitigen Situation bieten Aktien – neben Rohstoffen – die einzige ernsthafte Alternative, um keinen realen Vermögensverlust hinnehmen zu müssen. Aber, achten Sie auf die Zeichen und erinnern Sie sich an die Tatsache, dass man Blasen nicht vermeiden kann, man kann nur vermeiden, von ihrem Platzen getroffen zu werden.

Norbert Betz, Leiter der Handelsüberwachung an der Börse München, setzt sich seit Jahren mit den Psychofallen an der Börse auseinander: als leidenschaftlicher Trader wie als distanzierter Marktbeobachter, als Referent und Autor. In seiner Serie zeigt er die Fallen auf, in die wir Anleger so gerne hineintappen, und gibt Tipps, wie sie vermieden werden können.
Nachzulesen auch in Norbert Betz, Ulrich Kirstein:»Börsenpsychologie simplified«, 2. Auflage 2015
Das Buch befasst sich auf knapp 200 Seiten mit der Psychologie der Märkte und zeigt Anlegern an vielen Beispielen aus Theorie und Praxis, wie sie STUSS erkennen und vermeiden sowie mit dem STAR-Konzept zum Erfolg kommen können.

Im Artikel erwähnte Wertpapiere

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