Profitiert Deutschland von seinem Leistungsbilanzüberschuss?

Dr. Klaus Bauknecht, IKB Bank
Dr. Klaus Bauknecht / Bild: IKB Bank
Immer wieder gerät Deutschlands Leistungsbilanzüberschuss in die Kritik. Die zuletzt stark gestiegenen Exporte haben die Diskussion erneut befeuert. Auch die Aussage von Donald Trump „America first“ ist Wasser auf die Mühlen der Protektionisten und Globalisierungsgegner. Sie sind sich mit dem amerikanischen Präsidenten einig, dass die USA aufgrund ihres Leistungsbilanzdefizits im globalen Handel benachteiligt werden. Importe vernichten demnach Arbeitsplätze und führen zu einem Kapitalabfluss, der das Land ärmer macht.

Überschussländer in der Kritik

Ein fairer Handel mag durch viele Facetten gekennzeichnet sein; dieser Argumentation folgend, scheint auch eine ausgeglichene Leistungsbilanz dazu zu gehören. Deshalb stehen Länder mit einem Überschuss in der Kritik. Ihr positiver Leistungsbilanzsaldo beruhe entweder darauf, dass sie unfairen Wettbewerb betreiben oder nicht ausreichend konsumieren und somit zu Lasten anderer Länder bzw. Handelspartner im Inland Arbeitsplätze schaffen. Es wird sogar zunehmend behauptet, Überschussländer würden Arbeitslosigkeit exportieren.

Deutsche Regierung gibt sich machtlos

Selbst der eigentlich zur Neutralität verpflichtete IWF kann sich diesem Gedankengang nicht grundsätzlich entziehen. So kritisiert IWF-Chefin Christine Lagarde, dass der deutsche Leistungsbilanzüberschuss zu hoch sei. Obwohl die deutsche Wirtschaft nur einen Anteil von rund 5,5 Prozent am Welt-BIP (3,4 Prozent  nach Kaufkraftparität) hat, lieferte sie im vergangenen Jahr mit 279 Mrd. US-Dollar den weltgrößten Leistungsbilanzüberschuss. Um den Überschuss zu reduzieren und die Produktion in anderen Ländern zu stützen, sei laut Lagarde erforderlich, dass Deutschland mehr konsumiere. Die Bundesregierung kontert mit den Argumenten, der Handelsbilanzüberschuss beruhe auf der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft und dem aktuell schwachen Euro-Devisenkurs, der mögliche preisliche Wettbewerbsvorteile verstärke, und den sie nicht beeinflussen könne. 

Überschuss besser als Defizit?

Ein Handelsüberschuss bedeutet generell, dass ein Land mehr produziert als es konsumiert. Dies wird oft positiv gesehen, da damit gleichzeitig ein Aufbau von Sparvermögen verbunden ist. Seit der Zeit des Merkantilismus existiert die Vorstellung, Exporte seien besser als Importe, da sie einen Zufluss und keinen Abfluss von Kapital (damals auch Gold) und damit einen Vermögensaufbau anstatt Konsum bedeuten. Diese Denkweise ist auch aktuell immer noch präsent. So fühlen sich viele deutsche Forschungsinstitute dazu berufen, den deutschen Überschuss grundsätzlich zu verteidigen und ihn als Erfolg darzustellen. So wie Vermögen besser ist als Schulden, so scheint ein Überschuss allemal besser zu sein als ein Defizit.

Der Konsum bestimmt über den Wohlstand

Doch der Wohlstand eines Landes wird nicht durch die Anhäufung von Kapital bestimmt, sondern durch das Niveau des Konsums. Länder mit einem Handelsbilanzdefizit können deshalb ein über ihrem Potenzial liegendes Konsumniveau erreichen, während Überschussländer teilweise einen Lebensstandard unter ihren Möglichkeiten aufweisen. Die Leistungsbilanz wirkt im Falle der Defizitländer wie ein Ventil, das den Überdruck der Wirtschaft reguliert, der sonst in einer eskalierenden Inflation enden würde. Gerade Schwellenländer, deren Nachfrage oftmals die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft überfordert, profitieren vom freien Handel und der Möglichkeit, Defizite auch nachhaltig durch den Kapitalmarkt zu finanzieren.

Überschuss bedeutet nicht automatisch Vermögensaufbau

Anhaltende Defizite sind Zeichen einer nicht reagierenden, unflexiblen Angebotsseite. Aspekte wie Produktivität und Wachstumspotenzial stehen hierbei im Vordergrund und nicht unfairer Wettbewerb. Natürlich können auch der Wechselkurs und damit womöglich manipulierte preisliche Wettbewerbsvorteile eine Rolle spielen. So ist es möglich, dass ein anhaltender Überschuss auf einer künstlich schwach gehaltenen Währung beruht. Dies hat China gezeigt, dessen Notenbank durch Interventionen auf dem Devisenmarkt ein enormes US-Dollar-Vermögen aufgebaut hat. Doch wird das später dazu führen, dass China beim Konsum aufholt? Nur, wenn der Wert des aufgebauten Vermögens seinen Wert in der lokalen Währung behält. Wahrscheinlicher ist, dass der Renminbi aufwertet und der durch die Überschüsse aufgehäufte Vermögenswert abschmilzt. In einer Ära von Papiergeld und flexiblen Wechselkursen geht ein Überschuss nicht immer einher mit einem Vermögensaufbau in realen Werten. Die chinesischen Arbeiter konsumieren wenig und produzieren vorrangig für die US-Konsumenten, erhalten allerdings auf Sicht nicht unbedingt die Rendite bzw. Kaufkraft zurück, auf die sie im Vorfeld verzichtet haben. 

Glaubwürdigkeit als Schuldner

Ein hohes strukturelles Defizit ist ein Indiz dafür, dass die entsprechenden Länder bei ihren Handelspartnern das Vertrauen haben, ihr Defizit durch Verbindlichkeiten finanzieren zu können. Als Schuldner genießen vor allem die USA aufgrund ihrer Weltwährung und Wirtschaftskraft Glaubwürdigkeit und sind deshalb beliebt bei Anlegern, zum Beispiel aus China oder Deutschland. Das erlaubt den USA seit Jahrzehnten ein Defizit ohne eskalierenden Abwertungsdruck, und es forciert keinen Reformdruck auf der Angebotsseite der Wirtschaft.
 
Ein Vertrauensverlust in die Währung oder Kreditwürdigkeit eines Landes hat für beide Seiten Nachteile: Das Defizit-Land kann seinen negativen Saldo nicht mehr vollumfänglich finanzieren, während die Gläubiger deutliche Einbußen ihres realen Vermögens hinnehmen müssen. Deshalb ist ein Land mit anhaltendem Leistungsbilanzüberschuss nicht uneingeschränkter Gewinner des unausgewogenen Handels.

Aufgeblähte Target2-Salden

Innerhalb der Euro-Zone gibt es einen festen Wechselkurs, der für ein Land mit preislichen Wettbewerbsvorteilen effektiv zu einem unterbewerteten Devisenkurs, Überschüssen in der Leistungsbilanz und steigendem Auslandsvermögen in der EuroZone führt. Der Vermögensaufbau Deutschlands innerhalb der Euro-Zone ist aktuell anhand der aufgeblähten Target2-Salden zu erkennen. Salden, die bei größerem Vertrauen in das Bankensystem durch den Privatsektor finanziert worden wären und keinerlei Diskussion hätten aufkommen lassen. 

Höhere Nachfrage durch Überschussländer

Wenn Überschussländer eine höhere Nachfrage erzeugen wollen, geht das nicht zwingend einher mit mehr Konsum aufgrund steigender Löhne und daraus folgendem Wettbewerbsverlust. Bei einem Land mit alternder Bevölkerung, in dem sich allmählich ein Ungleichgewicht zwischen Potenzialwachstum und Binnennachfrage aufbaut – Beispiel Deutschland – kann sich ein Handelsüberschuss tendenziell auch reduzieren, wenn die Sparquote sinkt, etwa, indem aufgebautes Fremdvermögen abgebaut und für eine stärkere Binnennachfrage genutzt wird.
 
Umgekehrt kann ein Leistungsbilanzdefizit daraus resultieren, dass zu viel gespart wird und Investitionen ausbleiben. Eine höhere Investitionsquote könnte dann für zusätzliche Produktionskapazitäten sorgen, was bei unverändertem Binnenkonsum und aufwertender Währung wieder zu höheren Exporten führen würde. 

Export von Investitionsgütern

Ein Anstieg der Binnennachfrage infolge steigender Löhne oder höherer Staatsausgaben kann die Handelsungleichgewichte zwischen Deutschland und dem Rest der Welt nicht lösen. Eine solche Entwicklung würde den Defizitländern nur helfen, wenn die Nachfrage durch eigene Wirtschaftsleistung und Kapazitäten bedient werden kann. Es scheint effizienter zu sein, durch den Export deutscher Investitionsgüter Kapazitäten und Arbeitsplätze in Defizitländern aufzubauen. Das gilt vor allem dann, wenn die Angebotsseite des jeweiligen Defizit-Landes aufgrund mangelnder Reformen eher träge auf Nachfrageimpulse reagiert und eine Aufwertung des Euro nicht in Sicht ist, die dem Defizit-Land relative Preisvorteile verschaffen könnte – im Falle mangelnder Reformen allerdings auch für eine höhere Inflation sorgen würde, da Güter für die dortige Kapazitätserweiterung teurer werden. So hat eine Abwertung vor allem für Schwellenländer nicht nur Vorteile: Zwar werden preisliche Anreize geschaffen, lokal zu produzieren und vermehrt zu exportieren; doch die Kosten für notwendige Investitionsgüter, die meistens importiert werden müssen, sind auch gestiegen. 

Deutscher Export schafft Arbeitsplätze - im Ausland

Alle bedeutenden deutschen Vorleistungs- und Investitionsgüterbranchen weisen erhebliche Exportüberschüsse auf (siehe Abbildung 3). Diese dienen dem Ausbau von Produktionskapazitäten und somit dem Aufbau von produktiven Arbeitsplätzen. Auch in den USA unterstützen deutsche Exportgüter vor allem den US-Wertschöpfungsprozess und somit die Angebotsseite der Wirtschaft. Anders verhält es sich mit Konsumgütern. Sie erlauben einen kurzfristig höheren Lebensstandard. Allerdings werden keine Anreize geschaffen, die das Niveau der lokalen Wertschöpfung steigern.
 
Insgesamt sollte die deutsche Leistungsbilanz deshalb weniger als Übel angesehen werden, sondern eher als Vertrauensbeweis der deutschen Wirtschaft in ihre Handelspartner sowie als Förderung des Wachstumspotenzials in Ländern mit Leistungsbilanzdefiziten. Dies gilt vor allem für Schwellenländer, aber auch für die USA. 

Fazit: Zwei Seiten einer Medaille

Leistungsbilanzüberschüsse und -defizite bilden zwei Seiten einer Medaille, und keine der beiden Seiten sollte pauschal als besser oder schlechter angesehen werden. Defizite deuten auf eine unflexible Angebotsseite einer Volkswirtschaft hin, was wiederum Zeichen fehlender Reformen sein kann. Eine höhere inländische Nachfrage führt dann nicht zu einer Produktionsausweitung, sondern zu mehr Importen. Ein Defizit bedeutet aber auch, dass bei limitiertem Wachstumspotenzial ein höherer Lebensstandard in Form eines höheren Pro-Kopf-Konsums erreicht wird, der vor allem in Schwellenländern soziale Strukturen stützt.
 
Im Gegenzug üben sich Staaten mit Leistungsbilanzüberschuss im Konsumverzicht oder anders ausgedrückt, sie begnügen sich mit einem Lebensstandard, der niedriger ist, als gemäß Wertschöpfung der Wirtschaft möglich wäre. Dies gilt vor allem dann, wenn sich die aus einem Überschuss resultierenden Vermögensforderungen als nicht nachhaltig erweisen.
 
Eine Volkswirtschaft mit Leistungsbilanzüberschuss ist deshalb nicht automatisch Gewinner von Handelsbeziehungen. Zudem erlaubt der deutsche Leistungsbilanzüberschuss – weltweit bei Weitem der Größte – durch seinen hohen Investitionsgüteranteil eine Ausweitung der Produktionskapazitäten in den Exportländern. Das fördert deren Wertschöpfung, erhöht dort langfristig den Lebensstandard und schafft Arbeitsplätze.
Dr. Klaus Bauknecht ist als Chefvolkswirt der IKB Deutsche Industriebank AG verantwortlich für die volkswirtschaftlichen Analysen, Prognosen und Einschätzungen der Bank. Zudem lehrt der promovierte Volkswirtschaftler an der Nelson Mandela University in Südafrika. Zuvor arbeitete er in verschiedenen leitenden Positionen anderer Banken und im südafrikanischen Finanzministerium. Er schreibt zu aktuellen und übergeordneten Konjunktur-, Volkswirtschafts- und Marktthemen.