Eine in vielerlei Hinsicht einzigartige Rezession

Dr. Ulrich Kater, Deka
Dr. Ulrich Kater / Bild: Deka
In den vergangenen vier Wochen hat das unsichtbare Coronavirus enorme sichtbare Schäden an Konjunktur und Märkten verursacht. Rund 180 Länder melden mittlerweile Infizierte. Es ist eine globale Herausforderung. Dabei hat sich das Virus rascher als uns lieb sein konnte von China auf den Weg nach Europa und in die USA gemacht und überall für Schrecken gesorgt. Die Regierungen der Industrieländer verfolgen den Ansatz „Gesundheit vor Wirtschaft“, sodass mittlerweile in unterschiedlich rigider Form das öffentliche Leben zum Stillstand gebracht worden ist.
 
Infolgedessen hat es Bewegungen an den Kapitalmärkten und bei den Konjunkturindikatoren gegeben, die die Bezeichnung „historisch“ verdienen. Wenn wir derzeit etwas mit Sicherheit sagen können, dann, dass wir in einer Rezession stecken. Doch es ist keine „normale“ Rezession. Dieser Wirtschaftseinbruch ist in fünferlei Hinsicht einzigartig:
  1. Es ist zugleich ein Angebots- und ein Nachfrageschock. Aufgrund der ursprünglich von China ausgegangenen Unterbrechung der Lieferketten stockt die Produktion des Güterangebots, und aufgrund der Ausgangsbeschränkungen wird die Konsumnachfrage hart ausgebremst.
  2. Durch den Ansatz, die Ausbreitung des Coronavirus zumindest abzubremsen, ist es gewissermaßen eine „angeordnete“ Rezession.
  3. Die Blitzrezession ist schlagartig und rasant wie nie zuvor über die Volkswirtschaften hereingebrochen.
  4. Diese Rezession ist nicht aus einem ökonomischen Ungleichgewicht entstanden, wie damals 2008/2009 infolge einer übermäßigen Kreditvergabe, sondern trifft unvermittelt quasi alle Sektoren der Wirtschaft.
  5. Der wirtschaftliche Einbruch befällt fast zeitgleich alle Regionen auf der Welt.

Einzigartige Rezession, einzigartige Reaktion

Einzigartig ist auch die Reaktion der Regierungen und Notenbanken auf den wirtschaftlichen Einbruch: Deren „Was immer nötig ist!“ ist in der Schnelligkeit und inhaltlichen Überzeugung ebenfalls noch nie dagewesen. Die mit dem ökonomischen Stillstand verbundenen Belastungen für die Bevölkerung und die Unternehmen sollen auf breiter Basis abgemildert werden. Finanzpolitische Hilfspakete (beispielsweise direkte finanzielle Zahlungen oder Kreditzusagen) und ein geldpolitischer Lockerungskurs (immense zusätzliche Wertpapierkäufe, Zinssenkungen, etc.) in bislang nicht gekannten Volumina sind auf den Weg gebracht worden.
 
Bei aller Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Neuinfektionen und über den Zeitpfad der Wiederherstellung des öffentlichen Lebens sowie das Hochfahren der Produktion rechnen wir nicht mit einer weltwirtschaftlichen Depression, sondern mit einer deutlichen Erholung im zweiten Halbjahr. Es bleiben allerdings Zweifel über den Beginn und den Schwung dieser Erholung. Die Finanzmärkte haben zwar den ersten Schock überwunden und die tiefe Rezession eingepreist, aber in den kommenden Wochen wird es weiterhin noch viele Gründe für ungewöhnlich hohe Schwankungen geben.

Die wichtigsten Prognoserevisionen und Änderungen

  • Euroland/USA/China: Spürbare Abwärtsrevisionen der BIP-Prognosen für 2020, Aufwärtsrevisionen für 2021.
  • Euroland/USA: Abwärtsrevisionen der Inflationsprognosen für 2020 und 2021.
  • Euroland/USA: Abwärtsrevisionen der Renditeprognosen. Verschiebung der ersten Leitzinserhöhungen in die Zukunft.
  • Abwärtsrevisionen der globalen Aktienmarktprognosen.
  • Aufwärtsrevision der Goldpreisprognose. Ausgeprägte Abwärtsrevision der Ölpreisprognose.

Die Konjunktur in den Industrieländern

Deutschland
Was als konjunktureller Schnupfen begann, hat sich zu einer globalen Lungenentzündung entwickelt. Inzwischen gibt es in fast ganz Europa Ausgangsbeschränkungen, die das wirtschaftliche Leben stilllegen. Anders als in früheren Krisen hat es dieses Mal zuerst die Dienstleister getroffen. Handel, Gastgewerbe, Transportdienstleistungen, Unternehmensdienstleistungen und viele Wirtschaftsbereiche mehr stehen quasi still. Ab Mitte März fuhr auch die Industrie die Produktion herunter. Diese historisch einzigartige Schockstarre führt Deutschland in eine Rezession, die vom Ausmaß der globalen Finanzkrise ähnelt und bei einer langen Quarantäne sogar größer ausfallen kann.
Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2020 bzw. 2021: -4,7 Prozent bzw. 4,8 Prozent (bisher: 0,5 Prozent bzw. 1,3 Prozent); Inflation 2020 bzw. 2021: 1,2 Prozent bzw. 1,4 Prozent (bisher 1,4 Prozent bzw. 1,6 Prozent).
Euroland
Die wichtigsten Frühindikatoren für den März verdeutlichen die Wucht, mit der die Corona-Krise die europäische Wirtschaft trifft. Allerdings dürfte der stärkste wirtschaftliche Rückgang nicht im ersten Quartal 2020 gelegen haben, sondern erst im zweiten Quartal stattfinden. Denn der Januar und der Februar waren in Euroland noch nicht durch Corona verhagelt. Für das zweite Quartal deutet sich dagegen die stärkste Schrumpfung im Quartalsvergleich in der Geschichte der Europäischen Währungsunion (EWU) an. Keines der vier großen Länder der EWU wird sich einer Corona-Rezession entziehen können. Die Inflationsrate in Euroland ist von 1,2 Prozent auf 0,7 Prozent im März zurückgegangen. Der Rückgang resultiert vor allem aus stark fallenden Energiepreisen.
Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2020 bzw. 2021: -5,3 Prozent bzw. 4,9 Prozent (bisher: 0,4 Prozent bzw. 1,4 Prozent); Inflation 2020 bzw. 2021: 0,7 Prozent bzw. 1,2 Prozent (bisher: 1,1 Prozent bzw. 1,4 Prozent).
USA
Nach China und Europa steigt nun in den USA die Anzahl der mit dem Coronavirus infizierten Menschen deutlich an. Es folgten auch hier Quarantäne-Maßnahmen, die das öffentliche Leben erheblich einschränken. Wir gehen von einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal aus. Der bisherige Negativrekord vom dritten Quartal 1893 (-29,5 Prozent, qoq, ann.) könnte womöglich unterboten werden. Zwar folgen dann im zweiten Halbjahr außerordentlich hohe Zuwächse. Insgesamt wird das Bruttoinlandsprodukt aber in diesem Jahr schrumpfen. Der Wirtschaftseinbruch mag kurz sein, dennoch geht von ihm ein deflationärer Effekt aus. Das vom Kongress beschlossene Konjunkturpaket in Höhe von 2,2 Billionen US-Dollar ist in unserer Prognose enthalten.
Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2020 bzw. 2021: -3,1 Prozent bzw. 4,5 Prozent (bisher: 1,6 Prozent bzw. 2,2 Prozent); Inflation 2020 bzw. 2021: 1,4 Prozent bzw. 1,7 Prozent (bisher: 2,1 Prozent bzw. 2,4 Prozent).

Die Aktienmärkte - Prognosen

Aktienmarkt Deutschland
Die Ausbreitung des Coronavirus und die damit verbundenen Eindämmungsmaßnahmen haben sowohl die deutsche als auch die globale Wirtschaft in eine tiefe Rezession gestürzt. Die Unternehmensgewinne dürften im ersten Quartal deutlich gefallen sein, was auch im weiteren Jahresverlauf 2020 wohl nicht mehr aufgeholt werden kann. Somit muss für das Gesamtjahr mit einem deutlichen Rückgang der Unternehmensgewinne gerechnet werden. Mit dem Kurssturz im März wurde in einer noch nie dagewesenen Rekordgeschwindigkeit ein tiefes Rezessionsszenario eingepreist. Der DAX-Index ist im März bis unter seinen Buchwert gefallen. Das ist in der Historie nur in absoluten Krisenzeiten kurzfristig geschehen. Dies dürfte sich auch in dieser Krise wiederholen, sodass die im März erreichten Kursstände die diesjährigen Jahres-Tiefstände markiert haben dürften.
Prognoserevision: Abwärtsrevision der 3-, 6- und 12-Monatskursziele.
Dr. Ulrich Kater studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Göttingen und Köln. Promotion 1995 am Finanzwissenschaftlichen Lehrstuhl der Universität zu Köln, daneben Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Köln, der Fachhochschule Köln und der European Business School. Von 1995 bis 1999 war Kater im Stab der »fünf Wirtschaftsweisen« für die Themen Geldpolitik und Kapitalmarkt verantwortlich.  Seit 1999 Mitarbeit am Aufbau der Volkswirtschaftlichen Abteilung der DekaBank, seit 2004 Chefvolkswirt der DekaBank, Vorsitzender der Kommission Wirtschaft und Finanzen im Verband Öffentlicher Banken seit 2006. Weitere Lehraufträge an der Universität Witten-Herdecke und der Zeppelin University Friedrichshafen. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu den Themen Geldpolitik, Währungspolitik, internationale Kapitalmärkte, Finanzpolitik, Alterssicherungssysteme und internationaler Dienstleistungshandel, etwa: »100 Konjunkturindikatoren«, Cometis-Verlag, 2008, »Handbuch Europäische Zentralbank«, Uhlenbruch-Verlag 2005.