Blockchain - ein Megathema nicht nur in der Finanzbranche

Prof. Dr. Nils Urbach spricht in fpmi inside
Prof. Dr. Nils Urbach
Blockchain ist eines der meistdiskutierten, aber noch immer wenig verstandenen Themen der Zeit. Die bekannteste Anwendung sind Bitcoins, doch viel interessanter ist die Technologie dahinter. Ihr Kern: ein dezentrales, öffentlich einsehbares Register für digitale Datensätze, das permanent und chronologisch geordnet Informationen über Besitzverhältnisse und Transaktionen an die Teilnehmer eines verteilten Rechennetzes liefert. Angewandt werden kann Blockchain deshalb nicht nur für Kryptowährungen wie Bitcoin sondern auch für das Internet der Dinge, Smart Contracts und in der Finanzbranche. Der Blockchain-Experte Dr. Nils Urbach, Professor für Wirtschafsinformatik und Strategisches IT-Management der Universität Bayreuth und stellvertretender Leiter der Projektgruppe Wirtschaftsinformatik des Fraunhofer FIT, erläuterte in München für die fpmi „Grundlagen, Anwendungen und Potenziale“ dieser Technologie.

1,4 Milliarden US-Dollar an Investitionen

Nach einer Studie der Unternehmensberatung PwC aus dem Jahr 2016 wissen von 544 Top-Managern der Finanzbranche weltweit 83 Prozent nur „höchstens moderat“ über die Thematik Blockchain Bescheid, so leitete Andreas Schmidt, Vorstand der Bayerischen Börse AG, den Vortrag von Prof. Dr. Nils Urbach von der Universität Bayreuth ein. Tatsächlich erhellte Prof. Dr. Urbach die komplizierte Thematik „verständlich für Kinder und Vorstände“, wie er es mit einem Augenzwinkern ausdrückte.
 
Wie intensiv sich die Finanzbranche tatsächlich mit Blockchain befasst, machte Prof. Dr. Urbach an einigen Zahlen deutlich: 80 Prozent aller Banken initiieren in diesem Jahr Blockchain-Projekte, mehr als 90 Zentralbanken diskutieren aktiv darüber und genauso viele Unternehmen sind Konsortien beigetreten, wie etwa R3CEV von Banken und B3i von Versicherungen. Und letzten Endes zeigt sich die Bedeutung an den Investitionen in diese Technologie: In den vergangenen drei Jahren flossen 1,4 Milliarden US-Dollar in Blockchain-Entwicklungen, für die im gleichen Zeitraum mehr als 2.500 Patente angemeldet wurden.

Konsequente Digitalisierung

In erster Linie geht es bei Blockchain um konsequente Dezentralisierung. Prof. Dr. Urbach erläuterte das anschaulich am Beispiel der – 2014 eingestellten – Brockhaus-Enzyklopädie. Tausende von Artikeln in dreißig Bänden von einem zentralen Ort aus an Interessenten für teures Geld verteilt, das war der Brockhaus. Abgelöst und überflüssig wurde er durch das Internet mit Wikipedia: 2 Millionen Artikel in Deutschland, 40 Millionen weltweit, dezentral von vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern in hoher Qualität erstellt, überall abrufbar und kostenlos. Blockchain macht aus dem Internet der Informationen ein Internet of Values. Denn über ein dezentrales Register können Verträge, Werte, Kryptowährungen und vieles mehr ausgetauscht werden. Einmal erstellte Einträge können nicht mehr verändert werden dank chronologisch angeordneter Blöcke, wobei die neuesten immer auf die älteren referenzieren. Das macht sie sicher.

Wenn die Autotüre geschlossen bleibt

Smart Contracts etwa bieten eine Fülle von Möglichkeiten im Geschäftsprozess: Wer zum Beispiel ein Auto auf Ratenzahlung kauft, kann es mit seinem elektronischen Schlüssel immer nur dann öffnen, wenn er auch die Rate bezahlt hat. Das diszipliniert den Käufer, und der Verkäufer kann auf andere Sicherheiten weitgehend verzichten. Insofern reichen die Blockchain-Anwendungen über das Internet der Dinge – der Kühlschrank, der mit einem Konto ausgestattet Waren einkauft und dabei Preise vergleicht – bis zum Energiesektor, etwa zur Stromabrechnung, oder im öffentlichen Sektor zur sicheren Durchführung von Wahlen.

Intermediäre werden überflüssig

Durch das dezentrale Prinzip der Blockchain werden Intermediäre ganz allgemein überflüssig. So überrascht es nicht, dass sich genau die Branchen, in denen heute  Intermediäre tätig sind, am intensivsten mit den disruptiven Möglichkeiten von Blockchain befassen. In der Finanzbranche konzentriert man sich vor allem auf das Clearing und Settlement von Geschäften. Dies kann möglicherweise mit Hilfe der Blockchain-Technologie verbessert werden. Wegen der hohen Geschwindigkeiten im Wertpapierhandel und der Latenzzeit von Bitcoin von rund 10 Minuten dürfte Bitcoin im Handel selbst in absehbarer Zeit wohl kaum eine Rolle spielen. Im Einsatz ist Blockchain beispielsweise im internationalen Zahlungsverkehr über das Open-Source-Protokoll Ripple.

Hohes Potenzial - in der Zukunft

Prof. Dr. Urbach wies darauf hin, dass sich viele der Möglichkeiten von Blockchain vermutlich erst in Jahren und nicht in Monaten vollständig umsetzen lassen werden. Bislang sei weder das technische Ökosystem vollständig ausgereift noch existieren ausreichend tragfähige Anwendungsfälle, um das Potenzial wirklich auszureizen. Und gerade im Finanzsektor sind die rechtlichen – nicht zuletzt haftungsmäßigen – und regulatorischen Fragestellungen keinesfalls geklärt. Gleichzeitig sieht er das Potenzial von Blockchain aber als so hoch an, dass es trotzdem gilt, so Prof. Dr. Urbach, sich ständig weiter zu informieren und sich frühzeitig aktiv mit der Blockchain-Technologie auseinanderzusetzen, um die Chancen der neuen Technologie zu gegebener Zeit realisieren zu können.
 

Ein ausführliches White Paper des Fraunhofer Institute of Applied Information Technology (FIT) von Vincent Schlatt, André Schweizer, Prof. Dr. Nils Urbach und Prof. Dr. Gilbert Fridgen gibt es unter diesem LINK zum Downloaden.

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