Negativzinsen – Gift oder Medizin?

Olivier de Berranger, La Financière de l’Échiquier
Olivier de Berranger /Bild: La Financière de l’Échiquier
Die Frage, ob Negativzinsen Fluch oder Segen sind, wird immer drängender diskutiert – vor allem da sich in den letzten Monaten vermehrt negative Nebenwirkungen abzeichnen. Zum Beispiel nimmt der Druck auf die Versicherer immer weiter zu und hat sich in der vergangenen Woche im negativen Ausblick der Ratingagentur Moody‘s für die gesamte europäische Versicherungsbranche manifestiert. Unter den französischen Versicherern haben sich einige rekapitalisiert, andere haben (zu geringen Kosten) Schuldtitel ausgegeben, um ihr Eigenkapital zu stärken, und wieder andere haben den Zugang zu ihren Geldmarktfonds beschränkt. Ihre schlechtere Solvabilität ist vor allem darauf zurückzuführen, dass diese Fonds ihre typischen Vorteile – Kapitalgarantie, Sperrklinken-Effekt, Liquidität – im derzeitigen Umfeld nicht mehr bieten können. Es darf jedoch nicht vergessen werden, dass diese Nebenwirkung nur einen Teil des Versicherungsgeschäfts, die Lebensversicherungen, betrifft.

Auch der Bankensektor leidet

Die Banken haben schwer mit der flachen Zinskurve zu kämpfen. Da sie sich kurzfristig finanzieren, um Kapital über längere Laufzeiten zu verleihen, hängt ihre Rentabilität unmittelbar von der Differenz zwischen den Zinssätzen der einzelnen Laufzeiten ab.
 
Betroffen sind auch vorsichtige Sparer, denn durch das Abgleiten in den negativen Bereich wurde der risikolose Zinssatz durch das zinslose Risiko abgelöst. Sicherheit hat nun ihren Preis.

Nicht nur auf die negativen Nebenwirkungen achten

Nur die Nebenwirkungen hervorzuheben und dabei die Heilwirkung zu verschweigen, erscheint uns jedoch etwas zu einfach.
 
Denn derart niedrige Zinssätze kommen unmittelbar allen Akteuren zugute, die bereit sind, Schulden zu machen: Staaten, Haushalten und Unternehmen. Den Staaten ermöglichen die Negativzinsen die Verringerung ihrer Schuldenlast und eine einfachere, günstige Finanzierung ihrer Vorhaben. Den Haushalten ermöglichen sie günstigere Kredite für den Kauf von Konsumgütern oder Wohneigentum. Unternehmen können durch die niedrigen Zinssätze und die engen Spreads Investitionsvorhaben umsetzen, deren zu erwartende Rentabilität zuvor aufgrund der höheren Zinsaufwendungen unter Umständen negativ sein konnte.

Mut zum Risiko forcieren

Das Ziel der Europäischen Zentralbank besteht letztlich darin, die einzelnen Wirtschaftsakteure dazu zu veranlassen, höhere Risiken einzugehen und so eine alles erstickende Deflation zu vermeiden. Negativzinsen sind jedoch kein Allheilmittel, sondern lediglich ein wirksames Medikament zur Erreichung eines stabilen Zustands. Von einer Überdosis ist dringend abzuraten!
Olivier de Berranger ist Chief Investment Officer, Alexis Bienvenu Fondsmanager von La Financière de L‘Echiquier, Enguerrand Artaz Fondsmanager