Chancenfixierung – Oder kein Erfolg ohne Risiko

Norbert Betz, Psychofallen an der Börse (12)
Norbert Betz: Bild: BBAG/Killius
Der zwölfte Teil dieses Exkurses zur Börsenpsychologie widmet sich unserer Begeisterung, möglichst große Chancen beim Schopf zu packen – und dabei das Risiko zu unterschätzen. Denn eines ist gesetzt an der Börse: Je größer die Chance, desto höher das Risiko. Trotzdem, wir fallen gerne auf Modetitel und Hotspots herein, schon allein aus Sorge, nicht dabei gewesen zu sein. Und weil sich in unserem Kopf seltsame Anker „verankern“, steigen wir bei Aktien gerne zu spät aus und zu spät ein.
Stellen Sie sich vor, Sie lesen eine Empfehlung über eine Aktie A, die lautet, dass diese im nächsten Jahr um 25 Prozent steigen wird. Minimum. Eher 50 Prozent. Oder ist vielleicht sogar noch mehr drin? Das dürfen Sie auf keinen Fall verpassen. Typische Titel auf Finanzmagazinen sprechen gar von „versiebenfachen“, „100 Prozent Gewinn“ oder gar „200 Prozent“, die möglich sein sollen mit sagen wir Aktie A. Über Aktie B sind sich hingegen die meisten Experten einig, dass sie bis zu 10 Prozent zulegen kann. Meist wird sie eher hinten im Magazin mit dem Stempel „Sicherheit“ versehen. Wenig sexy. Sie dürfen nur einmal raten, welche Aktie die meisten Anleger klar bevorzugen: Aktie A.

Hinter jeder Chance lauert das Risiko

Aber leider gehört es zum großen Anlegereinmaleins, dass potenzielle Rendite und mögliches Risiko eine unheilige Allianz eingehen. Das heißt, Aktie A, die offensichtlich von vielen Analysten und Journalisten bevorzugt wird, ist ein typischer Modewert, der gerade alle Blicke auf sich zieht. Ein rasanter Aufsteiger, ein Hotstock. Gerne auch aus einer Branche, die gerade besonders angesagt ist – es bleibt Ihnen überlassen, hier die passende einzusetzen. Aktie B dürfte hingegen ein klassisches Dickschiff, ein behäbiger multinationaler Konzern aus einer wenig zyklischen Branche, sein, ziemlich unsexy, dafür aber verlässlich, gerne auch mit Waren im Angebot, die Sie in guten wie in schlechten Zeiten benötigen.

Reaktionen auf Trends

Kehrt sich nun der allgemeine Börsentrend nach unten, übernehmen die Bären das Sagen – und wir haben in den vergangenen Jahren einiges erlebt an Krisen samt Kursstürzen – dann gehen die Abschläge des Hotstocks wesentlich über die des klassisch-langweiligen Wertes hinaus. Denn multinationale Dickschiffe mit Marktführerschaft, weltweit bekannten Marken und hoher Kapitalausstattung, überstehen Krisen in der Regel sehr viel besser als Newcomer. Durch jahrelange Dividendenzahlungen haben sie zudem ihre Investoren eng an sich gebunden – die Kurse reagieren also auch nach unten nur träge.

Von den verpassten Gelegenheiten

Aber das ist nicht alles. Solche Einschätzungen über Aktien speisen sich ganz überwiegend aus der Vergangenheit. Man beobachtet einen Wert und gewöhnt sich an ein bestimmtes und bestimmendes Kursniveau. Fällt dann die Aktie, wirken die historischen Preise wie Anker in unserem Hinterkopf. Ist der Kursverfall groß genug, greifen wir ins fallende Messer, mit der Erwartung, dass sich der Wert wieder in Richtung des alten Niveaus erholen wird, nein muss. Wir verlassen uns dabei ausschließlich auf reine Preissignale und werten die tieferen Preise im Sinne eines Räumungsverkaufes als Schnäppchenpreise. Auf Regen folgt Sonne, das ist unser praktischer Erfahrungsschatz. In der Realwirtschaft gehört Scheitern, selbst von stolzen Traditionsunternehmen, aber zum Programm. Sie können heute weder mit Air Berlin fliegen, noch zum Schlecker um die Ecke gehen oder sich bei Praktiker eindecken. 
 
Doch diese Anker funktionieren leider auch umgekehrt sehr gut und prägen unser Verhalten: Aktien, die sich im Aufwärtstrend befinden, lassen wir links liegen, weil wir die tieferen Preise von vor einem Monat oder vor einem Jahr noch im Kopf haben. Die Gefahr, dass wir derjenige sein könnten, welcher zum absoluten Höhepunkt einsteigt, bevor der Kurs wieder kippt, lähmt unsere Entscheidung. Wir warten lieber auf Rücksetzer. Nicht selten vergebens. Und so hat jede Anlegergeneration ihre Vervielfacher-Aktie, welche sie immer erwerben wollte, aber nie zum Zug kam, wie zum Beispiel McDonalds, SAP, Kali+Salz, Apple, Nvidia, …
Norbert Betz, Leiter der Handelsüberwachung an der Börse München, setzt sich seit Jahren mit den Psychofallen an der Börse auseinander: als leidenschaftlicher Trader wie als distanzierter Marktbeobachter, als Referent (online und offline) und Autor.
Gemeinsam mit Ulrich Kirstein hat er Börsenpsychologie simplified, 2. Auflage 2015, erschienen im FinanzBuchVerlag, geschrieben. Für die Börse München außderdem das Booklet Psychofallen an der Börse. Wie wir sie erkennen und vermeiden. (2. Auflage 2021)

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