Heimatliebe – oder Übergewicht ist ungesund

Norbert Betz, Psychofallen an der Börse (9)
Bild: BBAG/KursPlus
Heimattreue ist ja prinzipiell nichts Schlechtes und Produkte aus der Region liegen voll im Trend - genau wie Heimatministerien auf Landes- und Bundesebene. Heimatliebe kann sich auch materiell auswirken: So machen wir Deutschen gerne Urlaub im eigenen Land und wir lieben vor allem unsere Autos, ziemlich deutlich im Straßenbild erkennbar. Ähnlich ist das bei der Kapitalanlage: Da werden deutsche Aktien in den Portfolios der deutschen Anleger deutlich übergewichtet – und Übergewicht, das wissen wir alle, ist nicht wirklich gesund. Eine Zahl sollte uns besonders stutzig machen: Der Anteil an der weltweiten Marktkapitalisierung liegt bei den deutschen Aktiengesellschaften gerade einmal bei 4 Prozent! Nimmt man den MSCI-World mit über 1.600 Einzeltiteln als Maßstab, so kommen deutsche Unternehmen darin sogar nur auf einen Anteil von 3 Prozent.

Deutsche Titel beherrschen die Depots

Hand aufs Herz, in den meisten Depots deutscher Anleger liegt – egal ob bei Fonds oder einer Direktanlage in Einzeltitel – der Anteil ausländischer Titel weitaus niedriger als bei 96 Prozent! Nicht nur bei Privatanlegern, sondern auch bei berufsmäßigen Vermögensverwaltern ist das der Fall. Wobei die deutschen DAX-Unternehmen, das sei nicht unerwähnt, einen großen Teil ihres Umsatzes außerhalb der Landesgrenzen erwirtschaften – insofern ist eine Investition in DAX-Werte schon per se auch eine Investition in die Weltwirtschaft!

Daxkonzerne machen Umsätze im Ausland

Denn wenn wir mit Hilfe der Unternehmensberatung EY einen genaueren Blick auf die Umsätze der 30 Konzerne werfen wird dies deutlich: 2017 erzielten sie 246 Mrd. Euro im Inland und 963 Mrd. im Ausland. 2018 gingen die Umsätze insgesamt zwar zurück, das Verhältnis ist aber so ziemlich gleich geblieben.  Fresenius generierte 2017 sogar 98 Prozent des Gesamtumsatzes im Ausland, bei Adidas, Merck, HeidelbergCement und Linde sind es über 90 Prozent. 13 der DAX-Industrieunternehmen erzielten in den USA einen höheren Umsatz als im Heimatland, allen voran Daimler und BMW. Doch die Amerikaner lieben nicht nur unsere Autos und sonstigen Waren, sondern auch unsere Unternehmen, wie überhaupt amerikanische Anleger oftmals von einem guten Produkt auf ein gutes Unternehmen und somit auf ein interessantes Investment per Aktien schließen. Viele DAX-Konzerne gehören in der Mehrheit ausländischen Investoren, an erster Stelle US-Amerikanern. Etwa 54 Prozent der Aktien liegen im Durchschnitt in ausländischer Hand, 20 Prozent halten die Amerikaner. Bei Adidas, Bayer, Deutsche Börse, Infineon und Linde sind deutlich mehr als 70 Prozent der Aktien im Besitz ausländischer Investoren. Deshalb brauchen Sie sicherlich nicht nur 4 Prozent Ihres Depots in heimische Werte investieren – aber ein Blick über den nationalen Tellerrand lohnt sich dennoch.

Vertrauen in die heimischen Unternehmen

Ein wichtiger Grund für diese Home Bias – wobei Bias für »Verzerrung«, genauer »Wahrnehmungsverzerrung« steht – ist das Vertrauen, das Anleger prinzipiell in Unternehmen aus ihrem eigenen Land setzen. Warum? Im Zweifel kennen sie es aus der Zeitungslektüre, egal ob aus dem Wirtschafts- oder sogar aus dem Lokalteil, kennen vielleicht im Bekannten- oder Verwandtenkreis Beschäftigte der entsprechenden Gesellschaften und oftmals sind die Produkte in Gebrauch oder zumindest bekannt. Wir verfügen deshalb über eine Art »Insiderwissen«. Vermeintliches Insiderwissen, genauer gesagt, denn mehr als die weltweit agierenden Analysten, die sich mit nichts anderem als bestimmten Ländern und Branchen befassen, wissen wir in aller Regel dann doch nicht.
 
Home Bias ist keinesfalls eine deutsche »Tugend«, sondern weltweit zu beobachten. Es gibt darüber hinaus aber auch Gründe, warum Investoren ausländische Aktien scheuen: Währungs- und Inflationsrisiken, Übersetzungsprobleme und Zeitverschiebung bei der Informationsgewinnung oder eine höhere Besteuerung spielen bei der Anlageentscheidung fürs eigene Land ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Regionale Home Bias

Dieses Home Bias kann im Übrigen sogar noch weiter auf einzelne Regionen heruntergebrochen werden. Nach einer Studie der DAB Bank investieren Anleger überproportional in Unternehmen aus ihrem direkten regionalen Umfeld, besonders ausgeprägt etwa bei SAP. Da mögen auch Mitarbeiterbeteiligungsprogramme eine Rolle spielen – die Anzahl hochqualifizierter Mitarbeiter des Softwarekonzerns, die in der Region wohnen und mit Aktienanteilen belohnt werden dürfte vergleichsweise hoch sein. Immerhin hätten die Bürger Münchens eine relativ große Auswahl an DAX-Konzernen – Bewohner anderer Städte müssten sich noch mehr fokussieren. Selbst Profis erliegen dem Home Bias und sogar seiner verschärften regionalen Form. So ergab eine Studie aus den USA, dass Fondsmanager jede zehnte Firma vor allem deshalb in ihr Portfolio einsortieren, weil sie in derselben Stadt residieren wie sie selbst.

Meistgehandelt in München

Nehmen wir als Beispiel die Anleger an der Börse München: Unter den beliebtesten 20 Aktien, die in den ersten neun Monaten über uns gehandelt wurden, liegt Amazon als erster ausländischer Wert auf Rang 6, gefolgt von Apple (9), Microsoft (11), und Berkshire Hathaway (16) sowie die auf Wasserstoff spezialisierte NEL ASA aus Norwegen. Insgesamt wurden knapp unter 50 Prozent der Aktien aus Deutschland gehandelt und die USA belegen mit 22 Prozent eindeutig den Spitzenplatz unter den ausländischen Titeln, gefolgt von Kanada (4,5 Prozent), Frankreich (3,3 Prozent) und - noch - der Schweiz (2,7 Prozent), deren Werte derzeit ja überwiegend gar nicht gehandelt werden können! Alles in allem sind die Anleger der Börse München international unterwegs, ihr Home Bias hält sich in Grenzen beziehungsweise bezieht sich vor allem auf den Börsenplatz.
 
Interessant vielleicht noch ein Blick auf das dritte Quartal: Da änderten sich die ausländischen Titel und neu hinzu kamen Royal Dutch Shell, Barrick Gold, Samsung und - vielleicht dem Oktoberfest geschuldet, das bekanntlich auf den September fällt - Anheuser-Busch InBev, die ja auch die Wiesn-Marken Löwenbräu und Spaten zu ihrem Portfolio zählt.

Nicht alles auf eine Karte setzen

Man sollte sich über dieses Home Bias bei der Anlage bewusst sein und darüber nachdenken, dass schon der Job und das Haus von der Prosperität des eigenen Landes abhängen, und deshalb nicht auch noch die gesamte Kapitalanlage in das Heimatland investiert werden sollte. Auch sind deutsche Aktien-Indizes weltweit nicht immer die erfolgreichsten und in der Regel auch besonders krisenanfällig – wer also ausschließlich in sie investiert, erhöht nicht nur sein Risiko sondern mindert auch seine Rendite. Ein gesundes Verhältnis, auf neudeutsch Diversity genannt, sollte im Depot herrschen. Insofern mein etwas anderer Rat: Andere Mütter haben auch schöne Töchter!
Jedes Jahr veröffentlich die Börse München ein Booklet zu interessanten Themen rund um die Börse als kleine Handreichung für Anleger und statt eines Hochglanzmagazins für Kunden. Wir bringen diese Booklets kapitelweise auf Südseiten, mit praktischer Verlinkung zu den genannten Wertpapieren. Wir beginnen mit Norbert Betz: Psychofallen an der Börse. Wie wir sie erkennen und vermeiden. "Ein anschauliches und angenehm unaufgeregtes Büchlein", wie es der Smart Investor in seiner Besprechung vorstellte

Im Artikel erwähnte Wertpapiere

AB InBev 83,78 0,77%
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Populäre Aktien

Barrick Gold Rg 15,356 1,63%
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Populäre Aktien

BMW 67,30 -0,46%
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Populäre Aktien

Fresenius 43,095 -3,63%
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Populäre Aktien

Deutsche Börse 142,70 0,14%
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Populäre Aktien

HeidelbergCement 64,80 1,41%
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Populäre Aktien

Infineon Technologies 16,456 -0,28%
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Populäre Aktien

Merck 106,20 -0,19%
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Populäre Aktien

Daimler 48,745 0,49%
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Populäre Aktien

SAP 115,90 -0,62%
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Populäre Aktien

DB DAX 12.661,00 0,05%
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Populäre Aktien

adidas 280,20 -0,43%
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Populäre Aktien

Bayer 64,80 -1,95%
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Populäre Aktien

Royal Dutch Shell-A 25,895 -0,88%
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Populäre Aktien

Linde Rg 176,60 -0,81%
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Populäre Aktien

NEL Rg 0,778 0,52%
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Populäre Aktien

Amazon.com 1.605,80 -0,10%
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Populäre Aktien

Apple 211,65 0,83%
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Populäre Aktien

Berkshire Hathaway B 187,90 -0,58%
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Populäre Aktien

Microsoft Rg 122,78 -3,14%
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Populäre Aktien

Samsung Electronics 767,00 -1,41%
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