Konjunkturell freier Fall sieht anders aus

Dr. Ulrich Kater, Deka
Dr. Ulrich Kater / Bild: Deka
Ob ein zu 50 Prozent gefülltes Glas als „halbvoll“ oder „halbleer“ wahrgenommen wird, ist nicht egal, erst recht nicht an den Kapitalmärkten. Nach wie vor leiden die Unternehmen unter den geopolitischen Risiken und halten sich deshalb mit ihren Investitionen zurück. Die Notenbanken stemmen sich dagegen und versuchen mit allen Kräften, die Wogen zu glätten. Angesichts dessen sowie mit Blick auf die neuerliche Gesprächsbereitschaft zwischen den USA und China, die wieder vorsichtig aufkeimende Hoffnung auf einen konstruktiven Umgang mit dem Brexit sowie die Regierungsbildung in Italien sind die Märkte inzwischen wieder etwas optimistischer geworden.

Hinreichender Puffer an Wachstumsdynamik

Hinzu kommt, dass die jüngst veröffentlichten Konjunkturindikatoren sich mitnichten im freien Fall befinden. Die Weltwirtschaft hat zwar nicht mehr allzu viel, aber doch noch einen hinreichenden Puffer an Wachstumsdynamik, um in diesem und im kommenden Jahr moderat und ohne Rezession zu wachsen. So steht beispielsweise China nach wie vor zu seinem Wachstumsziel von gut sechs
Prozent. Auch schlägt in den Industrieländern neben den stabilen Arbeitsmärkten die tendenziell ausgabenfreundlichere Finanzpolitik aus konjunktureller Sicht kurzfristig positiv zu Buche. Aus deutscher Sicht sieht das Bild freilich trüber aus, und die (technische) Rezession ist unvermeidlich. Die geopolitischen Probleme bremsen derzeit insbesondere diejenigen Länder, die sich durch eine ausgeprägte Industrie- und Exportorientierung sowie durch überdurchschnittliche Handelsbeziehungen nach Asien, vor allem nach China, auszeichnen. Hier ist die deutsche Volkswirtschaft besonders negativ exponiert.

Die Dominanz der Notenbanken

Entscheidend und dominant für die Finanzmärkte sind freilich weiterhin die Notenbanken: Sowohl die amerikanische Fed als auch die Europäische Zentralbank werden wohl im September Zinssenkungen vornehmen und den Grad der geldpolitischen Lockerung auch kommunikativ erhöhen. So ist das Glas faktisch nicht voller geworden, aber das Votum der Kapitalmärkte lautet „halbvoll“. Die Aktienmärkte zogen Anfang September etwas an, und die Talfahrt bei den Renditen an den Rentenmärkten setzte sich nicht fort.
 
In diesem Umfeld gibt es weiterhin viele gute Gründe für hohe Marktschwankungen. Ende Oktober steht der nächste Termin für den Ausstieg der Briten aus der Europäischen Union an, und auch im Handelskonflikt zwischen den USA und China bleiben abrupte Kehrtwendungen wahrscheinlich. Am klarsten scheint der Kurs der Notenbanken: Die Zinsen bleiben noch über lange Jahre unter bzw. nahe Null, je nach Marktsegment oder Laufzeit. Risiko zu übernehmen wird entlohnt, für Aktien besteht die Erwartung auf ein Plus von Dividendenrendite plus kleine Kursgewinne. Das ist zugegebenermaßen nicht viel, aber das Glas ist schließlich auch nur „halbvoll“.

Die wichtigsten Prognoserevisionen und Änderungen

  • Deutschland: Bruttoinlandsprodukt 2019: 0,4 Prozent (bisher: 0,2 Prozent); Inflation 2019: 1,3 Prozent (bisher: 1,4 Prozent).
  • Euroland: Bruttoinlandsprodukt 2019: 1,0 Prozent (bisher: 0,8 Prozent);
  • Bruttoinlandsprodukt 2020: 0,8 Prozent (bisher: 0,9 Prozent).
  • Niedrigere Bund-Renditeverläufe in allen Laufzeitbereichen.
  • BIP-Prognosen für Indien und Argentinien gesenkt, für dieTürkei angehoben.

Konjunktur der Industrieländer

Deutschland
Die Gesamtwirtschaft ist im zweiten Quartal wie erwartet geschrumpft. Doch erfreulicherweise wurde die Historie des Bruttoinlandsprodukts nach oben revidiert. Insbesondere das nun besser dastehende zweite Halbjahr 2018 erhöhte den statischen Überhang für das laufende Jahr. Dies begründet unsere Aufwärtsrevision der Konjunkturprognose für das Gesamtjahr 2019, ohne dass wir etwas am weiteren Prognoseverlauf geändert haben. Der Start in das dritte Quartal war bislang bescheiden. So hat der Juli sehr schwache Daten für den Einzelhandel und die Industrie gebracht. Angesichts des drohenden Brexits und der anhaltenden Handelsstreitigkeiten erwarten wir im laufenden Quartal eine Fortsetzung der gesamtwirtschaftlichen Schrumpfung.
Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2019: 0,4 Prozent (bisher: 0,2 Prozent); Inflation 2019: 1,3 Prozent (bisher: 1,4 Prozent).
Euroland
Die Konjunktur hat sich in Euroland im zweiten Quartal merklich abgekühlt. Für das dritte Quartal deuten die Indikatoren auf eine anhaltende Schwäche der wirtschaftlichen Entwicklung hin. Allerdings handelt es sich dabei nicht um einen freien Fall. Die Stimmungsindikatoren signalisieren weiterhin eine geteilte Wirtschaft. Während das Wirtschaftsvertrauen in der eher exportorientierten Industrie bereits tief im Krisenbereich liegt, sieht es bei den mehr binnenwirtschaftlich orientierten
Dienstleistern und den privaten Haushalten noch weit besser aus. Ein wichtiger Stabilisator für die Konjunktur in Euroland ist die sehr gute Arbeitsmarktlage. Die Arbeitslosenquote ist im Juni auf 7,5 Prozent zurückgegangen. Dies ist der niedrigste Stand seit fast elf Jahren.
Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2019 bzw. 2020:1,0 Prozent bzw. 0,8Prozent (bisher: 0,8 Prozent bzw. 0,9 Prozent).
USA
Mit dem Rückgang des nationalen Einkaufsmanagerindex ISM für das verarbeitende Gewerbe auf gut 49 Punkte im August gab es das erste deutliche Anzeichen, dass die US-Wirtschaft sich nicht dauerhaft der globalen Abschwächung entziehen kann. Dies erhöht wiederum den politischen Druck, den Handelsstreit mit China nicht noch weiter eskalieren zu lassen, wenn Trump im November kommenden Jahres wiedergewählt werden möchte. In der US-Historie gab es nur einen Präsidenten,
der trotz einer Rezession im Wahljahr wiedergewählt wurde. Angesichts der zurzeit schlechten Umfragewerte von Trump wäre eine spürbare konjunkturelle Abschwächung ein erhebliches Problem, zumal mit dem verarbeitenden Gewerbe seine Hauptwählerklientel am deutlichsten getroffen wäre.
Prognoserevision: keine

Die wichtigsten Aktienmärkte

Aktienmarkt Deutschland
Die Stimmung im deutschen verarbeitenden Gewerbe ist nach wie vor angeschlagen, allerdings nimmt die Geschwindigkeit, mit welcher sich die Stimmung eintrübt, deutlich ab. Gleiches gilt für die Erwartungen an die Unternehmensgewinne. Diese sind im laufenden Jahr bereits massiv nach unten angepasst worden. Mittlerweile sind die Erwartungen von so viel Pessimismus gekennzeichnet, dass selbst schwache Unternehmenszahlen keinen starken negativen Impuls mehr auf die Aktienkurse auslösen sollten. Den September über dürfte vor allem die Geldpolitik die Märkte dominieren. Alle großen Zentralbanken tagen in diesem Zeitraum. Aufgrund der bereits ambitionierten Erwartungen sollten die Entscheidungen kein Kursfeuerwerk auslösen. Allerdings wird deutlich werden, dass die Geldpolitik auf Dauer expansiv ausgerichtet bleibt. Der Aktienmarkt dürfte im September zunächst in seiner Seitwärtskonsolidierung verharren und gegen Jahresende
moderat höhere Kurse erreichen.
Prognoserevision: Leichte Aufwärtsrevision der 3- und 6-Monatsprognose.
Dr. Ulrich Kater studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Göttingen und Köln. Promotion 1995 am Finanzwissenschaftlichen Lehrstuhl der Universität zu Köln, daneben Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Köln, der Fachhochschule Köln und der European Business School. Von 1995 bis 1999 war Kater im Stab der »fünf Wirtschaftsweisen« für die Themen Geldpolitik und Kapitalmarkt verantwortlich.  Seit 1999 Mitarbeit am Aufbau der Volkswirtschaftlichen Abteilung der DekaBank, seit 2004 Chefvolkswirt der DekaBank, Vorsitzender der Kommission Wirtschaft und Finanzen im Verband Öffentlicher Banken seit 2006. Weitere Lehraufträge an der Universität Witten-Herdecke und der Zeppelin University Friedrichshafen. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu den Themen Geldpolitik, Währungspolitik, internationale Kapitalmärkte, Finanzpolitik, Alterssicherungssysteme und internationaler Dienstleistungshandel, etwa: »100 Konjunkturindikatoren«, Cometis-Verlag, 2008, »Handbuch Europäische Zentralbank«, Uhlenbruch-Verlag 2005.