Die Finanzmärkte komplett zu verlassen, ist keine Option

Alexander Pirpamer, BlackPoint Asset Management
Alexander Pirpamer / Bild: BlackPoint Asset Management
Preiswerte Energie, günstige Arbeitskräfte und eine fortschreitende Globalisierung: Diese Zeiten sind vorbei. Was Unternehmen mitbringen müssen, um die neuen Herausforderungen zu meistern, und worauf es jetzt für langfristige Anleger ankommt.
Es ist die aktuell größte Sorge der deutschen Wirtschaft: Was passiert, wenn das Gas ausgeht? Auch wir als Portfoliomanager beschäftigen uns mit dieser Frage, schließlich wird die Antwort auch maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung an den Kapitalmärkten haben – in Deutschland und ganz Europa. Wenn der Gasfluss versiegt, dürfte speziell die Industrie unter Druck geraten und der alte Kontinent als Standort massiv an Attraktivität verlieren.
 
Wir sind davon überzeugt, dass die Verantwortlichen alles tun werden, um dem ein Stück weit vorzubeugen. Eine Rationierung wird hoffentlich nicht oder nur in geringem Maße notwendig sein. Klar ist aber auch: Man kann das Portfolio nicht voll auf eine derartige Mangelwirtschaft einstellen.
 
Vor diesem Hintergrund sehen wir die USA aktuell positiver und haben uns insbesondere in Europa defensiver aufgestellt. Bereits vor geraumer Zeit haben wir unser Engagement im europäischen Chemiesektor abgebaut. Auch wenn es hier hervorragend geführte Unternehmen gibt, können die Auswirkungen der Gaskrise diesen die Geschäftsgrundlage entziehen. Im europäischen Industriesegment haben wir ebenfalls das Risiko reduziert. Die Finanzmärkte komplett zu verlassen, ist aber dennoch keine geeignete Option.

Langfristiges Denken statt Market-Timing

Wir verfolgen eine Anlagestrategie, die das Vermögen der Anleger über Generationen hinweg sichern soll – und verzichten daher auf Market-Timing. Wir verstehen uns als aktive Risikomanager, um Schwankungen an den Kapitalmärkten abzufedern und eine attraktive Rendite zu erwirtschaften. Risikomanagement ist daher ein fester Bestandteil in unserem kompletten Investmentprozess. Wir möchten aber auch Chancen nutzen. Dabei folgen wir nicht nur dem Trend, sondern handeln auch antizyklisch: Momentan gibt es einige Aktien hervorragender Unternehmen, die uns lange zu teuer bewertet waren, jetzt aber auf attraktiven Niveaus notieren. Klar ist jedoch: Noch ist nicht die Zeit für hohe Risiken.
 
Wir setzen insbesondere auf etablierte Konzerne, bei denen eine Eigenschaft nicht fehlen darf: Anpassungsfähigkeit. Unsere Anlagestrategie ist angelehnt an die Natur, weshalb wir auch von einem Darwin-Portfolio sprechen. Bestehen kann nur, wer sich auf neue Situationen einstellen kann. Denn die Rahmenbedingungen wandeln sich stetig, wie derzeit eindrucksvoll zu beobachten ist: Lange Jahre waren Energie und Arbeit günstig; die Globalisierung schritt voran. Heute ist die Welt eine andere, durch die Coronapandemie und den Krieg in der Ukraine hat ein neues Zeitalter der Knappheit begonnen und der jahrelange Aufschwung scheint zunächst vorbei zu sein. Darauf müssen Unternehmen reagieren können.

Etablierte Unternehmen und dynamische Newcomer

Am besten dafür positioniert sind aus unserer Sicht Unternehmen, die über zukunftsfähige Geschäftsmodelle sowie eine hohe Preissetzungsmacht verfügen und aus eigener Kraft wachsen können. Diese gehen oft sogar gestärkt aus schwierigen Zeiten hervor, da sie beispielsweise über Zukäufe ihre Marktstellung weiter ausbauen können. Interessant finden wir beispielsweise Assa Abloy, einen Spezialisten für private und gewerbliche Sicherheitstechnik. Da das Unternehmen jedoch auch industrielle Produktionsanlagen in Europa betreibt, haben wir jüngst unser Engagement etwas reduziert.
 
Ergänzt wird unser Aktienportfolio um junge und dynamische Unternehmen mit disruptivem Potenzial. Dazu gehörte beispielsweise die Celsius Holding, ein US-amerikanischer Anbieter von Fitnessgetränken: Nachdem sich der Kurs aufgrund des Einstiegs eines großen Getränkekonzerns ungefähr verdoppelt hatte, haben wir das Papier mit Gewinn veräußert.

Anleihen dienen als Absicherung

Das Gegengewicht zur Aktienseite bildet in unserem BlackPoint Evolution Fund ein breit gestreutes Anleiheportfolio. Derzeit erfüllen festverzinsliche Papiere ihre Absicherungsfunktion zwar nur bedingt, da die Korrelation zu Aktien sehr hoch ist. Allerdings sind die Verluste auf der Anleiheseite nach wie vor geringer als bei Unternehmensbeteiligungen und wir sind überzeugt, dass sich die Anlageklasse künftig wieder stabilisieren wird. Unser Kernportfolio besteht aus defensiven Rentenpapieren wie Staatsanleihen und Pfandbriefen sowie bonitätsstarken Unternehmensanleihen aus den USA und Europa. Ergänzt werden sie durch Renditetreiber wie Hochzinsanleihen, hybride Papiere wie Wandel- und Nachranganleihen sowie Staatsanleihen aus den Schwellenländern.
Insgesamt sind wir aufgrund der zahlreichen Unsicherheiten aktuell eher defensiv aufgestellt: Die Aktienquote in unserem BlackPoint Evolution Fund liegt bei rund 50 Prozent und damit deutlich unter den langfristig angestrebten 60 Prozent. Gleichzeitig werden wir selbstverständlich jederzeit die Augen nach interessanten Investmentgelegenheiten offen halten.
Alexander Pirpamer ist Geschäftsführer und Leiter Portfolio Management bei BlackPoint Asset Management.

Im Artikel erwähnte Wertpapiere

Assa Abloy Rg-B 18,63 -1,22%
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