Nachhaltigkeit: Mehr als nur ein Feigenblatt

Jens Pludra, Warburg Invest AG
Jens Pludra / Bild: Warburg Invest AG
Es sind schwierige Zeiten für nachhaltig orientierte Anleger. Die meisten nachhaltigen Aktienfonds verzeichnen analog zur Entwicklung an den Märkten bisher in diesem Jahr eine negative Wertentwicklung. Angesichts der vielfältigen neuen Herausforderungen wie dem Ukrainekrieg, der hohen Inflation, Rohstoffknappheit und den Leitzinserhöhungen scheint der Kampf gegen den Klimawandel und das Artensterben in den Hintergrund gerückt. Manch ein Anleger kann wohl nicht der Versuchung widerstehen und wird im Sinne der Gewinnoptimierung kurzfristige Krisengewinner aus der Rüstungsindustrie und der fossilen Energiegewinnung eingekauft haben.  

Nicht nur, dass sich der ein oder andere Paulus zum Saulus gewandelt hat, auch von innen – aus der Finanzbranche – heraus droht eine Verwässerung des Nachhaltigkeitsbegriffs. Angesichts der immensen Aufrüstung europäischer Staaten und der Waffenlieferungen an die Ukraine nach der Invasion Russlands erhebt sogar die Rüstungsindustrie den Anspruch, ESG-konform zu sein, da sie einen Beitrag zur sozialen Nachhaltigkeit – in Form von höherer Sicherheit – leiste. Die schwedische SEB-Bank hat ihre Nachhaltigkeitsrichtlinien bereits im März geändert und erlaubt in einigen hauseigenen Fondsprodukten die Anlage in Rüstungsaktien. Auch die Zustimmung des EU-Parlaments zum Vorschlag der EU-Kommission, Atomkraft und Erdgas im Rahmen der EU-Taxonomieverordnung als nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten einzustufen, hat für Stirnrunzeln gesorgt. Diese Entwicklungen mögen für den einen oder anderen Anleger wie ein Schlag ins Gesicht wirken.

Nachhaltigkeit ist nicht gleich Nachhaltigkeit

Wie können Anleger also sichergehen, dass sie angesichts der Vielzahl der als nachhaltig deklarierten Fonds auch wirklich nachhaltig investieren und nicht Unternehmen im Portfolio haben, die sich als schädlich für Mensch und Umwelt erweisen? Neben der EU-Kategorisierung nach der Offenlegungs- und Taxonomieverordnung sollten noch weitere etablierte Nachhaltigkeitssiegel in Betracht gezogen werden. Doch welches ist das richtige? Denn ähnlich wie bei den Nachhaltigkeitslabels im Lebensmittelbereich gibt es auch bei den Nachhaltigkeitssiegeln in der Fondsbranche ein breites Spektrum, das in der Strenge der berücksichtigten Nachhaltigkeitskriterien variiert. Auf dem deutschen Markt ist das FNG-Siegel etabliert, in Österreich ist das Österreichische Umweltzeichen für Finanzprodukte ebenfalls ein anerkanntes Nachhaltigkeitssiegel für Fonds. Auch die Nachhaltigkeitsratings internationaler Researchhäuser wie Morningstar oder MSCI ESG Research sind ein bewährter Indikator für Nachhaltigkeit. Fünf Globen gelten bei Morningstar als das höchste Maß der Nachhaltigkeit. Um der wachsenden Besorgnis über Greenwashing in der Fondsbranche entgegenzuwirken, hat Morningstar vor kurzem infolge eines eigenen Researchprozesses 27 Prozent der als Artikel 8- oder sogar als Artikel 9-Fonds eingestuften europäischen Fonds von der eigenen Liste nachhaltiger Fonds gestrichen. Dieser Bereinigungsprozess hat für mehr Klarheit gesorgt.

Nachhaltigkeit auf mehrfacher Ebene

Um zu prüfen, ob die Nachhaltigkeitsstrategie eines Fonds mit den eigenen Vorstellungen von Nachhaltigkeit kongruent ist, kann ein Blick in die Fondsdokumente nicht schaden. Denn nur so kann sichergestellt werden, dass nicht in als unethisch betrachtete Branchen und Firmen investiert wird.
So gibt es innerhalb nachhaltiger Aktienindizes, die von ETFs nachgebildet werden, eine große Vielfalt an Nachhaltigkeitsfiltern. Der MSCI World ESG Screened Index zum Beispiel wendet nur das Ausschlussprinzip auf eine Reihe von kontroversen Branchen an und hat eine Ausschlussquote von lediglich rund 6 Prozent. Anders ist es beim MSCI World ESG Leaders Index: Dieser schließt nicht nur bestimmte kritische Branchen und als kontrovers geratete Unternehmen aus, sondern wendet auch noch das Best-in-Class-Prinzip an. Die Ausschlussquote liegt dementsprechend mit rund 52 Prozent um ein Vielfaches höher.

Ein ebenso konsequentes Vorgehen im Hinblick auf die Titelselektion auf rein nachhaltige Kriterien liegt dem Global Challenges Index der Börse Hannover zugrunde. Der WI Global Challenges Index-Fonds bildet diesen Index nach. Neben dem Ausschluss- und Best-in-Class-Prinzip kommt noch eine weitere Nachhaltigkeitsebene zum Tragen. Geprüft wird, ob die Unternehmen im Anlageuniversum einen positiven Beitrag zu den globalen Nachhaltigkeitsherausforderungen leisten. Diese Herausforderungen orientieren sich an den 17 Nachhaltigkeitszielen sowie an den von der UN und EU definierten Handlungsfeldern Armut, Klimawandel, Trinkwasser, Wälder, Artenvielfalt, Bevölkerungsentwicklung und Governance-Strukturen. Ein unabhängiger, hochkarätig besetzter Expertenbeirat steht hinsichtlich der Indexzusammensetzung beratend zur Seite. Im Rahmen des letzten halbjährlichen Rebalancings wurde im März 2022 die Nachhaltigkeitsrichtlinien für den Global Challenges Index weiter verschärft. Nun werden auch unter anderem Unternehmen ausgeschlossen, die Erdgas fördern sowie eine Nulltoleranzgrenze für Unternehmen, die in der Vorproduktionsphase oder direkt im Abbau von Ölsand tätig sind, festgelegt. Doch die strengeren Nachhaltigkeitskriterien haben nichts an der Indexzusammensetzung verändert. Die 50 im Index enthaltenen Aktien erfüllen die verschärften Kriterien bereits. Das schwedische Verständnis von Nachhaltigkeit für Waffenproduzenten macht also nicht überall Schule.
Jens Pludra ist Aktienfonds-Manager des WI Global Challenges Index-Fonds bei der Warburg Invest AG
Diese Publikation dient allein Informationszwecken und stellt insbesondere kein konkretes Dienstleistungsangebot bzw. Angebot zum Kauf, Verkauf oder zur Zeichnung irgendeines Fonds- oder Anlagetitels oder eine entsprechende Aufforderung zur Abgabe eines solchen Angebotes dar. Hierin enthaltenen Empfehlungen oder Werturteile haben lediglich einen unverbindlichen Charakter und stellen insbesondere keine Anlageberatung dar. Ausführliche produktspezifische Informationen sowie Hinweise zu Chancen und Risiken für die in diesem Dokument genannten Publikumsfonds können den aktuellen Verkaufsprospekten, den wesentlichen Anlageinformationen sowie den Jahres- und Halbjahresberichten entnommen werden. Diese sind kostenlos in deutscher Sprache bei der Verwaltungsgesellschaft Warburg Invest AG oder auf der Homepage www.warburg-invest-ag.de zu erhalten und bilden die allein verbindliche Grundlage für den Kauf  bzw. Verkauf von Publikumsfonds.

Im Artikel erwähnte Wertpapiere

WI Global Challenges Index-Fonds - Anteilklasse P N.A. N.A.
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