Wahrnehmung kommt nicht von wahr – Überleben mit Heuristiken

Norbert Betz, Psychofallen an der Börse (2 )
Umschlag kursplus/Foto Betz/BBAG/Killius
Jedes Jahr veröffentlich die Börse München ein Booklet zu interessanten Themen rund um die Börse als kleine Handreichung für Anleger und statt eines Hochglanzmagazins für Kunden. Wir bringen diese Booklets kapitelweise auf Südseiten, mit praktischer Verlinkung zu den genannten Wertpapieren. Wir beginnen mit Norbert Betz: Psychofallen an der Börse. Wie wir sie erkennen und vermeiden. "Ein anschauliches und angenehm unaufgeregtes Büchlein", wie es der Smart Investor in seiner Besprechung vorstellte. Hier geht es uns nun um (Börsen-)Psychologisches Grundwissen:
Wenn die Berichtssaison auf Hochtouren läuft, verschlingen Anleger Zeitungen und Zeitschriften und versuchen, sich ein Bild von den Unternehmen zu machen, in die sie investiert haben oder investieren wollen. Doch wie »macht« man sich so ein Bild, wie nehmen wir solche Zahlen auf und wie funktioniert dieser Prozess in unserem Kopf? Denn unsere Wahrnehmung bestimmt wesentlich unsere Entscheidungsprozesse.

Wir nehmen Sinneseindrücke wahr

Die Psychologie fasst mit dem Begriff Wahrnehmung alle Prozesse und Ergebnisse der Informationsgewinnung und -verarbeitung von Sinneseindrücken zusammen. Der Schwerpunkt liegt aber auf den Sinneseindrücken, denn das, was wir wahrnehmen, gibt nicht eins zu eins die Realität wider, sondern nur ein individuelles Bild von dem, was wir für real halten. Zwischen der Realität und dem, was wir wahrnehmen, befinden sich mehrere Filter. Unsere Sinnesorgane können nur einen Teil von dem, was in der Realität tatsächlich existiert, aufnehmen. Wir müssen uns deshalb auf das wichtigste – oder das, was wir dafür halten – konzentrieren.
 
Mit dem Auge können wir zum Beispiel nur einen kleinen Ausschnitt der Realität der existierenden elektromagnetischen Wellenlängen erkennen: Das sichtbare Licht mit Wellenlängen zwischen 400 nm (violettes Licht) und 700 nm (rotes Licht) können wir aufnehmen. Eigene Sensoren für radioaktive Strahlung, Gammastrahlen, Ultraviolettes Licht, Radiowellen oder Niederfrequenzen haben wir Menschen dagegen nicht. Insofern wird der erste Filter von den Fähigkeiten unseren Sinnesorganen definiert.

Heuristiken: Aus Urteilen werden Vorurteile

Alle Mechanismen, die wir einsetzen, um aus der Fülle der Informationen mit überschaubarem Aufwand nur die wichtigsten (leider nicht immer die richtigen) herauszufiltern, um schnell zu einem Ergebnis zu kommen, werden Heuristiken genannt. Schnelles Auffassen und eine prompte Reaktion war über tausende von Jahren hin notwendig, um zu überleben. Weder Mammut noch Säbelzahntiger ließen unseren Vorfahren lange Zeit zum Überlegen, wollten sie nur überleben.
 
Heuristiken sind aber keine technischen oder logischen Hilfsmittel, vielmehr färben sie den Entscheidungsprozess emotional ein. So verstehen wir unter Heuristiken beispielsweise Verhaltensweisen wie Schubladendenken, Faustregeln, Daumenregeln… Eher bestätigen sie Vorurteile als dass sie Urteile fällen. Komplexität zu reduzieren und schnell ein Urteil zu fällen, steht an erster Stelle. Wir bauen dabei im hohen Maße auf Erfahrungen, die wir bereits gemacht haben. Bei komplexen, vernetzten und dynamischen Prozessen – ganz normal bei Anlageentscheidungen also – sind solche Heuristiken aber viel zu simpel, um zum Erfolg zu führen.