Herbstliche Börsentöne - von Grün bis Dunkelrot

Dr. Christoph Bruns, Loys
Dr. Christoph Bruns / Bild: Loys
So verschiedenfarbig die Blätter an den Bäumen sich nun färben, so unterschiedlich fallen bislang die Kursentwicklungen an den Weltbörsen aus. Während in Amerika die Farbe grün vorherrscht, präsentiert sich der deutsche Börsenbaum in roter Farbe. Unterdessen hat Japan im September einen fulminanten Farbwechsel von rot zu gelb auf grün vollzogen, während etwa China in seiner Landesfarbe tiefrot dahinschreitet.

Die Europäer realisieren die Minizinsen erst langsam

Für die asymmetrischen Börsenverläufe gibt es durchaus gute Gründe. Der US-Aktienmarkt ist eindeutig beflügelt durch die recht radikale Unternehmenssteuerreform, die zum 1. Januar dieses Jahres in Kraft getreten ist. Darüber hinaus ziehen die großen amerikanischen Internetkonzerne Amazon, Apple und Alphabet/Google den Gesamtmarkt nach oben. Diese Entwicklung kann bislang auch nicht durch die steigenden Kurzfristzinsen in Amerika aufgehalten werden, denn die Realzinsen sind angesichts einer Inflationsrate von über 3 Prozent nach wie vor negativ. Mit anderen Worten: Geld bleibt billig und ist im Überfluss vorhanden. Letzteres gilt erst recht für Europa und Japan. Im Land der aufgehenden Sonne ist man bereits seit 20 Jahren an Minizinsen gewöhnt. Demgegenüber fangen die Europäer erst an zu realisieren, was es bedeutet, wenn es ein Jahrzehnt lang und darüber hinaus negative Realzinsen gibt. Hierbei gilt zu bedenken, dass die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank erst seit wenigen Jahren greift. Denn bis in das Jahr 2014 lag die Umlaufrendite deutscher Staatsanleihen noch bei ca. 2 Prozent und darüber.

Europa: keine Hoffnung auf Zinswende

Wie aber die einschlägigen Statistiken belegen, haben weder die Kapitalanlageinstitutionen noch die meisten Sparer einen Weg gefunden, sich der Vermögenserosion durch negative Realzinsen zu entziehen. Da aber der überwiegende Teil des deutschen Geldvermögens in Zinsinstrumenten angelegt ist, werden die Folgen der Nullzinspolitik mit jedem Jahr, das ins Land geht, gravierender. Für das gesamte System der Altersversorgung ist das wahrlich kein gutes Zeichen. Zugleich ist die Hoffnung auf eine Zinswende mit anschließender Rückkehr zu den Zeiten höherer Nominalzinsen vorerst eine reine Illusion. Die Staaten Europas sind heute höher verschuldet denn je und mit Italien gerät nun das nächste Mittelmeerland an den Rand einer Staatsschuldenkrise. Kurzum: Europa kann sich keine wesentlich höheren Zinsen leisten, wenn es nicht zum Auslöser einer erneuten Schuldenkrise à la 2008 werden möchte.

Aktienmärkte erfordern selektives Vorgehen

Für die Aktienmärkte bleibt es daher bei der Fortsetzung der seit neuneinhalb Jahren währenden Börsenhausse. Die aktuelle Korrektur in Europa ist keine Baisse sondern ein notwendiges Durchatmen. Gleichwohl sind die bestehenden Risikofaktoren (Handelsstreitigkeiten, Schwellenländerkrisen, Dieselkrise, schwaches Sommergeschäft etc.) gut im Auge zu behalten. Einmal mehr gilt, den Fokus des Handelns auf einzelne Aktien zu richten, um von Fehlbewertungen, die zum Tagesallerlei der Börse gehören, zu profitieren. Auffällig ist derzeit zum Beispiel, dass Industriewerte seit Monaten abwärts tendieren. Zudem kann gar nicht oft genug daran erinnert werden, dass die Kapitalanlage in Aktien keineswegs einem Sprint, sondern vielmehr einem Marathonlauf ähnelt – besonders für jene Anleger, die langfristig Vermögen aufbauen wollen.
 
Dr. Christoph Bruns ist Fondsmanager und Mitinhaber der Fondsgesellschaft LOYS AG, in seinem jüngsten Monatskommentar

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