Stabile Konjunktur, aber gestiegene Risiken

Dr. Ulrich Kater, Deka Bank
Dr. Ulrich Kater / Bild: Deka Bank
Die anhaltende Hitze legt sich lähmend über Deutschland und füllend über das mediale Sommerloch. Doch wie so oft erhitzen plötzlich zum Teil altbekannte politische Themen die Gemüter. Die türkische Währungskrise zieht zunehmend die globalen Märkte in Mitleidenschaft. Hinzu kommen die defizittreibenden Pläne der italienischen Regierung und die anhaltend schwierigen Brexit-Verhandlungen. Und die US-Regierung hält die Märkte und die Medien mit weiteren Zollandrohungen vor allem gegenüber China und mit der Wiederherstellung von Sanktionen gegen den Iran in Atem. Bei dem Handelskonflikt geht es nicht nur um die Furcht vor einer Eskalationsspirale von Handelsbeschränkungen sondern vielmehr auch vor einer daraus resultierenden Investitionszurückhaltung mit der Folge einer spürbaren Wachstumsabschwächung und in letzter Konsequenz sogar vor einem Ende der bisherigen liberalen Welthandelsordnung unter dem Dach der Welthandelsorganisation. Diese Risiken beschäftigen nach wie vor die Unternehmen und die Märkte und damit auch die Volkswirte.

Was wäre wenn?

Bei der Gelegenheit sei eine kurze Frage erlaubt: Was wäre, wenn es aktuell keinen Handelskonflikt gäbe? Das Bild wäre geprägt von einer schon sehr lange expandierenden Weltwirtschaft mit angespannten Kapazitäten und in einzelnen Ländern wie den USA und Deutschland bemerkenswert niedrigen Arbeitslosenquoten. Vorherrschendes Thema wären dann wohl die Perspektiven für die momentan immer noch moderaten Inflationsraten. Vermutlich würden bereits Diskussionen aufkommen, ob die Notenbanken schneller als erwartet die Zinsen anheben und die Normalisierung der Geldpolitik rascher durchziehen müssten. Angstthemen wären in diesem Fall potenzielle Bremseffekte der Geldpolitik mit Rezessionsgefahren und schwierigeren Perspektiven für die Aktien- und Rentenmärkte.

Die Schwankungen bleiben hoch

Diese Diskussion findet – den Protektionismusbestrebungen geschuldet – derzeit aber bestenfalls am Rande statt. Insofern halten wir an unserem Hauptszenario fest, dass der fortgesetzte Handelskonflikt eine für die Unternehmen insgesamt zu bewältigende Belastung bleibt. Vor diesem Hintergrund haben wir unsere Konjunktur- und Kapitalmarktprognosen nahezu unverändert gelassen. Die Schwankungen an den Finanzmärkten werden freilich hoch bleiben. Denn das Austarieren von inflationstreibenden Effekten der Kapazitätsengpässe und einer doch eher gedämpften konjunkturellen Dynamik durch die großen Notenbanken ist keineswegs trivial. So wird das Pendel immer wieder in die eine oder andere Richtung ausschlagen und die Markterwartungen entsprechend bewegen. Bis zum Jahresende sehen wir in diesem Umfeld bei deutschen und europäischen Aktien sowie bei Anleihen aus den Emerging Markets ordentliche Anlageperspektiven.

Die wichtigsten Prognoserevisionen und Änderungen

  • Euroland: Bruttoinlandsprodukt 2018: 2,1 Prozent (bisher: 2,2 Prozent).
  • USA: Bruttoinlandsprodukt 2019: 2,2 Prozent (bisher: 1,9 Prozent); Inflationsrate 2019: 2,3 Prozent (bisher: 2,4 Prozent).
  • USA: Hinzunahme eines weiteren Leitzinserhöhungsschrittes für Dezember 2018.
  • EUR-USD: Leichte Abwärtsrevision im gesamten Prognosezeitraum.
  • Russland: Bruttoinlandsprodukt 2018: 1,8 Prozent (bisher: 1,5 Prozent); 2019: 1,6 Prozent (bisher: 1,8 Prozent).
  • Abwärtsrevision der Bruttoinlandsprodukts-Prognosen 2018 und 2019 für Brasilien, Mexiko und die Türkei.

Die Konjunktur in den Industrieländern

Deutschland
Nach den guten Mai-Konjunkturindikatoren brachte der Juni schon wieder mehrheitlich Enttäuschungen: Schlechte Industrieaufträge, schwache Industrieproduktions- und Außenhandelsdaten und ordentliche Einzelhandelsumsätze. Damit dürfte der Konsum im abgelaufenen Quartal der konjunkturelle Impulsgeber Nummer Eins gewesen sein. Der Außenhandel sollte trotz eines Exportzuwachses gebremst haben, und die Ausrüstungsinvestitionen dürften schwach geblieben sein. Alles in allem könnte das Bruttoinlandsprodukt noch einmal kräftig um ein halbes Prozent im Quartalsvergleich zugelegt haben.
Prognoserevision: keine
Euroland
Die Wachstumsdynamik in Euroland hat sich verlangsamt. Laut ersten Daten von Eurostat hat das Bruttoinlandsprodukt in Euroland im zweiten Quartal 2018 um 0,3 Prozent im Vergleich zum Vorquartal (qoq) zugelegt. Die bisher bekannten nationalen Daten signalisieren, dass der Außenbeitrag ein wichtiger Belastungsfaktor für die wirtschaftliche Entwicklung im zweiten Quartal gewesen sein dürfte. Allerdings nicht aufgrund eines Einbruchs bei den Exporten, sondern vielmehr wegen des kräftigen Importwachstums, das sich bremsend auswirkt. Die konjunkturelle Entwicklung in Euroland ist mit Blick auf die vier großen EWU-Länder heterogen. Während in Spanien (+0,6 Prozent qoq) die Wachstumsgeschwindigkeit doppelt so hoch war wie in Euroland, enttäuschte Frankreich (+0,2 Prozent qoq) mit einem unterdurchschnittlichen Wachstum. Ebenfalls unterhalb des EWU Durchschnitts lag das Wachstum in Italien (+0,2 Prozent qoq).
Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2018: 2,1 Prozent (bisher: 2,2 Prozent).
USA
Die US-Wirtschaft ist im zweiten Quartal nach vorläufigen Berechnungen um 4,1 Prozent auf das Gesamtjahr hochgerechnet gegenüber dem Vorquartal angestiegen. Dabei war die Lageraktivität überraschend niedrig. Deren Normalisierung dürfte die wirtschaftliche Dynamik im zweiten Halbjahr zusätzlich stützen. Dies sorgt für eine Aufwärtsrevision unserer Jahresprognose 2019. Eher verhalten war im zweiten Quartal die Dynamik der Unternehmensinvestitionen. Vor dem Hintergrund der Unternehmenssteuerreform ist dies enttäuschend und bestätigt uns in der Einschätzung, dass die Reform den grundsätzlichen Wachstumspfad nicht wesentlich verändert hat. Eine leichte Anpassung haben wir an unserer Inflationsprognose vorgenommen. Allerdings ändert dies nichts an unserer Einschätzung eines grundsätzlich nach oben gerichteten Inflationspfads.
Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2019: 2,2 Prozent (bisher: 1,9 Prozent); Inflationsrate 2019: 2,3 Prozent (bisher: 2,4 Prozent).

Aktienmarktprognosen

Aktienmarkt Deutschland
Der deutsche Aktienmarkt bewegt sich in einem Spannungsfeld zwischen stimmungsbelastenden politischen Risiken auf der einen und soliden Wachstumszahlen von Konjunktur und Unternehmen auf der anderen Seite. Auch wenn sich der Handelskonflikt zwischen den USA und der EU im Juli etwas entspannt hat, bleibt das Thema grundsätzlich ein Belastungsfaktor. Zusammen mit den politischen Unwägbarkeiten aus Italien und der Türkei beeinflusst es spürbar die Kursentwicklung. Dabei darf aber nicht aus den Augen verloren werden, dass die fundamentalen Rahmendaten stabil sind. Dies bestätigt sich auch in der Berichterstattung der Unternehmen zum zweiten Quartal. Auf Gesamtjahressicht dürften die Unternehmensgewinne um rund 7 Prozent zulegen. Bei einer insgesamt nur moderaten Bewertung hilft dies, die aufgrund der politischen Themen für August und September erwarteten Schwankungen gut aufzufangen und sollte eine Basis für wieder ansteigende Kurse im vierten Quartal legen.
Prognoserevision: keine
Dr. Ulrich Kater studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Göttingen und Köln. Promotion 1995 am Finanzwissenschaftlichen Lehrstuhl der Universität zu Köln, daneben Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Köln, der Fachhochschule Köln und der European Business School. Von 1995 bis 1999 war Kater im Stab der »fünf Wirtschaftsweisen« für die Themen Geldpolitik und Kapitalmarkt verantwortlich.  Seit 1999 Mitarbeit am Aufbau der Volkswirtschaftlichen Abteilung der DekaBank, seit 2004 Chefvolkswirt der DekaBank, Vorsitzender der Kommission Wirtschaft und Finanzen im Verband Öffentlicher Banken seit 2006. Weitere Lehraufträge an der Universität Witten-Herdecke und der Zeppelin University Friedrichshafen. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu den Themen Geldpolitik, Währungspolitik, internationale Kapitalmärkte, Finanzpolitik, Alterssicherungssysteme und internationaler Dienstleistungshandel, etwa: »100 Konjunkturindikatoren«, Cometis-Verlag, 2008, »Handbuch Europäische Zentralbank«, Uhlenbruch-Verlag 2005.