Sorgen um Konjunktur und Welthandel

Dr. Ulrich Kater, Deka Bank
Dr. Ulrich Kater / Bild: Deka
Für Markteilnehmer und Beobachter war es in den vergangenen Jahren erstaunlich, wie robust die Konjunktur und die Kapitalmärkte auf die gravierenden politischen Ereignisse weltweit reagiert haben. Angefangen von den für lange Zeit sehr moderaten wirtschaftlichen Auswirkungen der Brexit-Entscheidung bis hin zu der aggressiven Rhetorik des neuen US-Präsidenten während des Wahlkampfs und danach haben sich die wirtschaftliche Entwicklung und bis auf wenige kurzzeitige Ausnahmen auch die Kapitalmarktentwicklung wenig an dem allem gestoßen. An dieser Einschätzung sind in den vergangenen Wochen leise Zweifel aufgekommen. Nach den enttäuschenden europäischen Konjunkturzahlen für das erste Quartal wurden die Daten auch zur Jahresmitte nicht wesentlich besser. Daraufhin wurde die Dauerhaftigkeit des Aufschwungs in Zweifel gezogen. An den Aktienmärkten schlug sich dies darin nieder, dass die Kurse weit unter die 200-Tage-Linie fielen.

Allein das politische Klima führt zu schlechterer Stimmung

Den Hintergrund dieser wirtschaftlichen Entwicklung bilden fortgesetzte Querelen auf der internationalen politischen Bühne. Mehrere Wellen von Drohungen und Gegendrohungen von Handelssanktionen zwischen den USA, China und der Europäischen Union haben die Stimmung belastet, obwohl materiell bis auf zwei kleinere Zollrunden nichts geschehen ist. In Europa wurde das politische Klima durch die Auseinandersetzungen um den anhaltenden Strom von Migranten vergiftet. Dies betrifft das Verhältnis der europäischen Staaten untereinander wie auch die politische Lage innerhalb einzelner Länder. Auch Deutschland wurde an den Rand einer politischen Krise gedrängt.

Noch nicht das Ende des Aufschwungs einläuten

Hieraus ist die Schlussfolgerung zu ziehen, dass die politischen Umwälzungen unserer Zeit wohl nicht folgenlos für Wirtschaft und Finanzmärkte bleiben können. Allerdings sehen wir diese Folgen als langfristige Entwicklungen, beispielsweise ein etwas geringeres weltwirtschaftliches Wachstum für die kommenden Jahre durch fortgesetzte Eingriffe in den weltweiten Handel. Hieraus das Ende des gegenwärtigen Aufschwungs abzuleiten, geht uns entschieden zu weit. Dafür ist die binnenwirtschaftliche Entwicklung in den Vereinigten Staaten, in Asien und nicht zuletzt auch in Europa weiterhin zu stark.

Bessere Laune an den Aktienmärkten

Damit bleibt hierzulande das Wachstum in der Größenordnung von 2 Prozent. Die übrige Weltwirtschaft wächst ebenfalls stabil. Sollte kein heftiger Schock auftreten, etwa eine Eurokrise 2.0, werden sich die Konjunkturperspektiven in den kommenden Monaten wieder aufhellen. Dies dürfte an den Aktienmärkten zu besserer Laune, an den Rentenmärkten dagegen wieder zu einer Besinnung auf die tendenziell ansteigenden Zinsen führen.

Die wichtigsten Prognoserevisionen und Änderungen

  • Deutschland: Bruttoinlandsprodukt 2018: 1,9 Prozent (bisher: 2,1 Prozent).
  • Langsamerer Anstieg der Bund-Renditen in sämtlichen Laufzeitbereichen.
  • USA: Zeitliche Verschiebung der nächsten Fed-Leitzinserhöhung von Dezember 2018 auf September 2018.
  • Aufwärtsrevision des Ölpreises insbesondere für 2018.

Die Konjunktur in den Industrieländern

Deutschland
Das lange Warten auf gute Konjunkturdaten hat ein Ende: Die „harten“ Mai- Indikatoren überraschten überwiegend positiv. Auf schlechte Einzelhandelsumsätze folgten starke Industrieaufträge, Produktions- und Außenhandelsdaten. Die von uns wegen der ungewöhnlich hohen Anzahl von Feier- und Brückentagen befürchtete schwache Entwicklung im Mai blieb aus. Zu stark scheinen die im ersten Quartal aufgestauten Nachholeffekte gewesen zu sein. Alles in allem steht der Schätzer für das gesamtwirtschaftliche Wachstum im zweiten Quartal auf erfreulichen 0,5 Prozent im Vorquartalsvergleich.
Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2018: 1,9 Prozent  (bisher: 2,1 Prozent ).
Euroland
Die negativen Überraschungen bei den Konjunkturindikatoren sind weniger geworden. Dennoch deuten sie weiterhin auf eine langsamere Gangart als im vergangenen Jahr hin. Die enttäuschenden Einzelhandelsumsätze für Mai waren maßgeblich durch die deutsche Schwäche geprägt. Das Economic Sentiment und der Industrieeinkaufsmanagerindex haben nochmals nachgegeben, der Einkaufsmanagerindex für die Dienstleister stieg hingegen kräftig an. Sollten die beiden erstgenannten Indikatoren weiter sinken, so würde sich damit die Korrektur der immer noch übertriebenen Stimmung fortsetzen. Dies wäre weiterhin mehr eine Normalisierung denn eine bedrohliche Entwicklung. Jenseits der zu beobachtenden Konjunkturentwicklung haben aber die Risiken zugenommen. Der Handelskonflikt hat an Schärfe gewonnen, und die Haushaltsplanung Italiens für 2019 könnte ab Herbst zu einem beachtlichen Risiko werden.
Prognoserevision: keine
 
USA
Die jüngsten Konjunkturdaten deuten für das zweite Quartal einen ungewöhnlich kräftigen Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts an. Allerdings liegt das wohl nur zum Teil an der seit Jahresbeginn geltenden Steuerreform. Zwar dürfte die Konsumdynamik angezogen haben, aber von einer auffallend kräftigen Entwicklung kann nicht gesprochen werden. Dies gilt auch für die Investitionen der Unternehmen. Verantwortlich für die stärkere gesamtwirtschaftliche Dynamik ist vielmehr der Außenhandel. So sind insbesondere die Importe auffallend schwach, während gleichzeitig die Exporte in den ersten beiden Quartalsmonaten kräftig waren. Zudem deuten monatliche Lagerdaten auf stärkere Lagerinvestitionen hin. Insgesamt würden wir daher dem Eindruck einer grundsätzlich stärkeren Wachstumsdynamik widersprechen. Die wichtigsten Inflationsmaße liegen weiterhin im Zielbereich der Fed.
Prognoserevision: keine
 

Der Aktienmarkt in Deutschland

Die Kursrückgänge am deutschen Aktienmarkt im Juni begründen sich zum einendurch überraschend schwache Konjunkturdaten. Zum anderen wurde die Stimmung belastet durch die politischen Streitereien in Deutschland sowie den schon länger schwelenden Handelskonflikt, in dem zunehmend auch die deutschen Automobilhersteller einer ernst zu nehmenden Gefahr ausgesetzt sind. Sollte es bei diesen beiden Themen zu keiner weiteren Eskalation kommen, wovon wir in unserem Basisszenario derzeit ausgehen, dürfte sich der Markt zunächst einmal etwas erholen. Der Gewinnausblick der Unternehmen ist trotz der Handelsstreitigkeiten und vereinzelter Gewinnwarnungen stabil, und die Aktienmarktbewertung hat sich spürbar reduziert. Die fundamentalen Rahmenbedingungen begünstigen somit eine Bodenbildung der Aktienkurse, die zwar von hohen Schwankungen begleitet sein dürfte, an deren Ende es aber zu einer moderaten Wertaufholung kommen sollte.
Prognoserevision: keine
 
Dr. Ulrich Kater studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Göttingen und Köln. Promotion 1995 am Finanzwissenschaftlichen Lehrstuhl der Universität zu Köln, daneben Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Köln, der Fachhochschule Köln und der European Business School. Von 1995 bis 1999 war Kater im Stab der »fünf Wirtschaftsweisen« für die Themen Geldpolitik und Kapitalmarkt verantwortlich.  Seit 1999 Mitarbeit am Aufbau der Volkswirtschaftlichen Abteilung der DekaBank, seit 2004 Chefvolkswirt der DekaBank, Vorsitzender der Kommission Wirtschaft und Finanzen im Verband Öffentlicher Banken seit 2006. Weitere Lehraufträge an der Universität Witten-Herdecke und der Zeppelin University Friedrichshafen. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu den Themen Geldpolitik, Währungspolitik, internationale Kapitalmärkte, Finanzpolitik, Alterssicherungssysteme und internationaler Dienstleistungshandel, etwa: »100 Konjunkturindikatoren«, Cometis-Verlag, 2008, »Handbuch Europäische Zentralbank«, Uhlenbruch-Verlag 2005.