Der Handelskrieg ist da – Konjunktur und Kapitalmärkte leiden

Carsten Mumm, DONNER & REUSCHEL
Carsten Mumm / Bild: DONNER & REUSCHEL
„Es ist furchtbar, was sie uns antun“, so US-Präsident Donald Trump vor kurzem. Gemeint sind die EU und die aus seiner Sicht unfairen Handelspraktiken gegenüber den USA. Zwei Beispiele führt Trump als Beleg an: Autos und Agrarprodukte. Die Drohung der Erhebung von Zöllen auf Auto-Importe steht nach wie vor im Raum und könnte angesichts der Erfahrungen der letzten Monate tatsächlich noch Wahrheit werden. Alles scheint möglich.

Die Negativspirale dreht sich

Der globale Handelskonflikt spitzt sich offensichtlich weiter zu. Jede Ankündigung neuer Zölle von Seiten der USA wird von Europa und China mit gleichen Mitteln retourniert. Das wiederum führt zu neuen Restriktionen der US-Administration. Wir erleben die befürchtete Negativspirale. Ein Ende ist derzeit nicht absehbar.

Dabei gibt es schon jetzt viele Verlierer. Die deutsche Konjunktur leidet zunehmend, wie der im Juni erneut schwächere ifo-Index zeigt. Daimler musste seine Gewinnerwartungen nach unten korrigieren – auch wegen der Aussicht auf abnehmende Exporte aus den US-Fabriken des Autobauers in Richtung China. Damit zeigen sich auch in den USA die ersten negativen Seiten des Handelskriegs, denn nicht nur Daimler produziert dort auch für den internationalen Export. Wenn Autoexporte aus den USA von anderen Staaten mit Zöllen belegt werden, trifft es zwar die deutschen Unternehmen, aber auch die US-Volkswirtschaft und bedroht die Arbeitsplätze der Amerikaner.

Harley Davidson kündigte an, wegen von der EU erhobenen Zöllen Teile der Produktion ins Ausland zu verlagern. Das kostet ebenfalls Arbeitsplätze. Da eine Verschiebung der Produktion mehrere Monate dauert, plant der Motorradhersteller bis dahin den Gegenwert der Zölle auf die eigene Kappe zu nehmen. Es soll ein geringerer Preis veranschlagt werden, so dass die Motorräder in Europa inkl. des künftig erhobenen Zolls für den Käufer nicht teurer werden. Das verringert den Gewinn des Unternehmens und wird die Aktionäre schmerzen. Das Schlimmste daran ist, dass Donald Trump – enttäuscht von der Ankündigung Harleys – ausländischen Motorradherstellern den Markteintritt in den USA schmackhaft machen will. Es gibt derzeit wohl nur schwarz oder weiß, Befürworter oder Gegner der Trump`schen Politik. Gegner werden mit allen Mitteln attackiert, Kompromisse scheinen nicht möglich.

Sinkende Gewinn für Unternehmen, höhere Ausgaben für Private Haushalte und Auswirkungen auf die US Börsen

Sinkende Gewinne und gefährdete Arbeitsplätze bewirken auch die schon heute aufgrund des zollbedingt abnehmenden internationalen Wettbewerbs gestiegenen Preise für US-Stahl, beispielsweise bei Ford und General Motors. Das US-Handelsministerium hat eine Untersuchung der Preispolitik der amerikanischen Stahlherstellt angekündigt.
 
Amerikanische Verbraucher zahlen heute deutlich mehr für Waschmaschinen – deren Import in die USA Anfang 2018 mit bis zu 50 Prozent Zoll belegt wurde –, als noch vor einem halben Jahr. Amerikanische Farmer fürchten die Handelsrestriktionen Chinas, insbesondere weil ein Großteil der US-Sojabohnenproduktion nach Asien exportiert wird.

Die Angst vor den negativen Auswirkungen des Handelskriegs lässt auch die seit Trumps Wahlsieg unaufhaltsam steigenden US-Börsen nicht unbeeindruckt. Seit den Höchstständen Ende Januar hat beispielsweise der Standardaktienindex S&P 500 gut 5 Prozent an Wert verloren. Die US-Notenbank Fed hat angekündigt, besonders die zuletzt deutlich angestiegenen Inflationsraten im Blick zu behalten. Bei einer beschleunigten Preisentwicklung dürfte sie ggf. auch die Leitzinsen schneller als geplant anheben und damit die US-Konjunktur stärker bremsen.
 
Zwar räumt die US-Administration ein, dass es negative Rückwirkungen der eigenen Handelspolitik auf die eigene Ökonomie und den Konsum geben könne. Allerdings rechtfertige das Ziel einer Neuordnung des unfairen Welthandelssystems diese Nebeneffekte, so Präsidentenberater Larry Kudlow. Noch scheint man bei der harten Linie bleiben zu wollen.

Kompromisse und Kehrtwende?

Ein zaghaftes Anzeichen für eine langsam entstehende Kompromissbereitschaft gab es zuletzt allerdings doch. Der neue US-Botschafter in Berlin, Richard Grenell, traf sich mit Vertretern der deutschen Automobilhersteller und erörterte die Möglichkeiten, die Autozölle beiderseits des Atlantiks auf Null zu setzen. Das wäre in der Tat ein deutliches Zeichen der Entspannung. Der US-Präsident selbst hat sich dazu allerdings bisher nicht geäußert.
 
Bei der immer länger werdenden Liste an Verlierern auf allen Seiten stellt sich die Frage, wie lange Trump seine Politik noch durchhält. Anzunehmen ist, dass er vor allem seine wichtige Wählerklientel mit Blick auf die im November anstehenden Parlamentswahlen mit der Umsetzung von Wahlversprechen („America first“) auf seiner Seite halten möchte, um die republikanische Mehrheit zu erhalten. Doch schon jetzt treffen die negativen Auswirkungen seiner Politik Trumps potenzielle Wähler.
 
Trotz zweifellos zunehmender Bewölkung am bis Jahresanfang strahlend blauen Konjunkturhimmel gehen wir daher davon aus, dass die Eskalation des Handelskriegs daher nicht im bisherigen Tempo weitergehen wird. Es wäre nicht die erste Kehrtwende der US-Politik in den letzten Monaten. Sollte diese tatsächlich im Laufe des Sommers stattfinden, könnte die noch auf hohem Niveau befindliche globale Konjunkturdynamik gerettet werden. Ansonsten müsste der Ausblick auf den Herbst und in der Folge auf 2019 nach unten korrigiert werden. Das würde auch die weiteren Aussichten der Aktienmärkte deutlich eintrüben.
 
Europäer und Chinesen sollten also weiter gesprächsbereit sein. Den Anstoß zum Ende der Negativspirale kann aber nur Trump selbst geben.
Carsten Mumm leitet die Abteilung Kapitalmarktanalyse bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL. Er ist verantwortlich für die Erstellung der Konjunktur- und Kapitalmarktprognosen sowie der kapitalmarktrelevanten Publikationen. Zuvor verantwortete der 42-jährige die Vermögensverwaltung für private und institutionelle Kunden, das Management von Spezial- und Publikumsfonds sowie die hauseigenen Research-Tätigkeiten. Der gelernte Bankkaufmann und studierte Diplom-Volkswirt ist seit 1998 im Bereich Kapitalanlage beschäftigt. 2006 qualifizierte er sich zum Chartered Financial Analyst.
                     

Im Artikel erwähnte Wertpapiere

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