Aus aktuellem Anlass: Börsenfalle Nachkaufen

Norbert Betz
Norbert Betz / Bild: BBAG/Killius
Erfahrene Anleger und Börsianer dürften sich die Augen reiben vor Verwunderung: Da bewegt sich eine Aktie innerhalb von kaum drei Wochen von etwa 14 Euro auf über 230 Euro, die Differenz vom 26. auf den 27. Januar beträgt allein 155 Prozent oder 143 Euro! Was steckt dahinter? Eine Goldmine, die ein riesiges Vorkommen entdeckt hat? Ein Hightech-Unternehmen, das eine neue Erfindung zur Serienreife gebracht hat? Ein Pharmaunternehmen, das einen günstigen und 100prozentigen Wirkstoff gegen Corona entwickelt hat? Mitnichten. Eine US-Einzelhandelskette, die auf Computerspiele fokussiert ist und sich eigentlich Richtung Pleite bewegt unter dem sprechenden Namen GameStop. Denn wer kauft Onlinespiele im Laden? Hintergrund ist, dass viele Privatanleger "Robin Hood" spielen und gegen institutionelle Shortseller handeln. Aber wie nachhaltig ist das Spiel und wie groß die Gefahr, den Einsatz zu verlieren? Vielleicht eine gute Zeit, rechtzeitig an meine Warnung vor "Nachkaufen" bei fallenden Kursen zu erinnern:

Nachkaufen macht wenig Freude

Ganz generell liegt es in unserer mit Geld wenig kompatiblen Natur, dass wir viel lange an Verlustbringern festhalten und uns viel zu schnell von Gewinneraktien trennen – statt umgekehrt. Warum, wieso, weshalb zeigen Ihnen zum Beispiel die Börsenfallen Harmonie macht süchtig und Mein Ego ist mir heiligVerluste werden als persönliches Scheitern empfunden und wir haben eine ausgeprägte Disposition, dies verhindern zu wollen. Das Nachkaufen ist eine gern gewählte Option, um mit einem blauen Auge aus einer Position wieder heraus zu kommen.
 
Der typische Fall sieht so aus: Wir haben eine Aktie zu 100 Euro erworben, weil sie sich im Aufwind bewegte, weil viel darüber geschrieben und ein entsprechender Wirbel, gerne auch in den sozialen Medien, veranstaltet worden war. Doch kaum hatten wir unser Depot mit dem wertvollen Papier bestückt, begann die Reise nach unten. Wir mussten also schmerzliche Verluste hinnehmen und beschließen, dass unser Papier jetzt doch eigentlich zum Schnäppchenpreis von 70 Euro viel zu schnell gefallen ist und kaufen nach. Damit hat sich der Durchschnittspreis auf 85 Euro verringert. Der Antrieb für unser Nachkaufen ist meist nur noch das Verhindern des Scheiterns und nicht mehr die neutrale Beurteilung der unternehmerischen Entwicklung des betreffenden Unternehmens in der Zukunft. Wir haben jegliche Objektivität verloren und setzen auf das Prinzip Hoffnung. Verläuft die Kursentwicklung der Aktie weiter südwärts, hat diese Position aufgrund der höheren Gewichtung in unserem Depot nun die Kraft, die Gesamtperformance unseres Depots in Mitleidenschaft zu ziehen. Erholt sich das Wertpapier wieder in Richtung unseres durchschnittlichen Einstandskurses, wird in der Regel verkauft, denn die Möglichkeit, mit einer schwarzen/roten Null der zwischenzeitlichen, schmerzvollen Erfahrung eines Verlustes entfliehen zu können, wird als Sieg empfunden. Und wer verbucht Siege nicht gern auf dem Konto »Können«.

Nachkaufen raubt Ihnen den Schlaf

Dies ist der Grund, weshalb viele Anleger die »Kunst des Nachkaufens« sogar zur festen Regel machen. Man sollte jedoch niemals außer Acht lassen, dass die Zusammenstellung des Depots – neudeutsch die Depotallokation – in gefährlicher Weise verschoben wird. Geradezu existenzbedrohend für das Depot kann es werden, wenn der Kurs der Aktie weiter sinkt und wir das Nachkaufen nicht lassen können und auch zu Kursen bei 60 Euro und darunter weiter Pyramiden dieses Wertpapieres bauen. Häufig werden dann auch noch die Gewinneraktien verkauft, um wieder Munition für das »Nachkauf-Schlachtfeld« zu haben. Spätestens dann kommt die Sicherheit bringende Diversifikation auf die schiefe Bahn. Was wäre passiert, wenn sie mit der Methode des exzessiven Nachkaufens in der Telekom, in der Commerzbank oder gar in deutschen Solarwerten aktiv gewesen wären oder jüngst bei Wirecard? Gamestop wird, dazu braucht es keine Kristallkugel, der nächste Fall sein.
 
Bei Aktien gilt konsequent die Regel: Würde ich die Aktie zu diesem Preis auch kaufen, wenn ich sie nicht schon im Depot hätte?
 
Und für das Depot insgesamt gilt konsequent die Regel: Halten Sie diszipliniert an der breiten Streuung/Diversifikation in Ihrem Depot fest. Übergewichtungen eines Wertes/einer Branche gefährden die Gesamtrendite und rauben Ihnen den gesunden Schlaf.

Norbert Betz, Leiter der Handelsüberwachung an der Börse München, setzt sich seit Jahren mit den Psychofallen an der Börse auseinander: als leidenschaftlicher Trader wie als distanzierter Marktbeobachter, als Referent und Autor. In seiner Serie zeigt er die Fallen auf, in die wir Anleger so gerne hineintappen, und gibt Tipps, wie sie vermieden werden können.
Nachzulesen auch in Norbert Betz, Ulrich Kirstein:»Börsenpsychologie simplified«, 2. Auflage 2015
Das Buch befasst sich auf knapp 200 Seiten mit der Psychologie der Märkte und zeigt Anlegern an vielen Beispielen aus Theorie und Praxis, wie sie STUSS erkennen und vermeiden sowie mit dem STAR-Konzept zum Erfolg kommen können.

Jedes Jahr veröffentlich die Börse München ein Booklet zu interessanten Themen rund um die Börse als kleine Handreichung für Anleger und statt eines Hochglanzmagazins für Kunden. Band Nummer 2 war Norbert Betz: Psychofallen an der Börse. Wie wir sie erkennen und vermeiden. "Ein anschauliches und angenehm unaufgeregtes Büchlein", wie es der Smart Investor in seiner Besprechung vorstellte. Erhältlich ist es über Banken, Kreditinstitute und Sparkassen.

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