Dr. Ulrich Kater / Bild: DekaBank
Früher konnte man einfach nur über das Wetter sprechen, heute ist meist von Unwetter die Rede. Die Aufgeregtheiten nehmen gefühlt ständig zu – meteorologisch wie politisch. Gemessen daran reagieren die Kapitalmärkte derzeit überraschend maßvoll, und die Konjunktur zeigt sich standhaft. Aber wird das so bleiben? Der ohnehin schon rüde Umgangston der US-Regierung speziell in Handelsfragen steigerte sich unlängst und wurde begleitet von der Einführung von Strafzöllen auf Stahl und Aluminium, u.a. aus Europa. Auch erhebliche protektionistische Maßnahmen zwischen den USA und China stehen mehr denn je in Rede.

Gewitter aus Italien

Als ob diese Wolken am Himmel nicht schon dunkel genug wären, ziehen nun zusätzlich Gewitter aus Italien auf. Die neue Regierung aus rechter Lega und linker Fünf-Sterne-Bewegung hat einen Koalitionsvertrag aufgestellt, dessen üppige Ausgaben und marginale Einsparungen bei vollständiger Umsetzung eine unheilvolle Entwicklung von Staatsdefizit und -verschuldung zur Folge hätten. Damit rast eine EU-kritische Schlechtwetterfront über die Alpen direkt auf die EU-Institutionen und die Europäische Zentralbank zu. Der entsprechende Donnerhall kommt von den Ratingagenturen, die das Land mit der bald zu erwartenden nächsten Herabstufung nur noch eine Stufe über „non investment grade“ (also Ramsch) bewerten.

Auch Spaghetti werden nicht so heiß gegessen wie gekocht

Ist das politische Unwetter also sicher und unabwendbar? Erfahrungsgemäß wird auch in der Politik nicht alles so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Insofern rechnen wir sowohl mit Blick auf das Risiko eines Handelskriegs als auch auf den zu erwartenden italienischen Konfrontationskurs, dass über Diplomatie und Kompromissbereitschaft Schlimmeres vermieden wird. Eine zumindest kurzzeitige Eskalation ist aber in den vergangenen Tagen durchaus wahrscheinlicher geworden.

Schwankungen werden hoch bleiben

Insgesamt bekräftigen wir aber unsere Perspektive auf eine fortgesetzte globale Expansion und konstruktive Aussichten für die Kapitalmärkte. Die Schlagkraft von Institutionen wie der Welthandelsorganisation, den Vereinten Nationen, der EU und den Notenbanken sollte nicht unterschätzt werden. So unangenehm das Säbelrasseln auch sein mag, so wenige Taten sollten den Ankündigungen aus Washington und Rom tatsächlich folgen. Die Schwankungen an den Märkten werden dennoch vorerst hoch bleiben. Indes sehen wir die Notenbanken und deren sukzessiven Ausstieg aus der langjährigen ultra-expansiven Geldpolitik nach wie vor als den dominierenden makroökonomischen Faktor an. Mit dem geldpolitischen Gegenwind durch sich normalisierende Zinsniveaus können Konjunktur und Kapitalmärkte hinreichend gut umgehen. Bei einem politischen Unwetter wäre das anders.

Die wichtigsten Prognoserevisionen und Änderungen

  • Höhere Gewichtung des Negativszenarios zulasten des Positivszenarios wegen gestiegener Risiken bezüglich Protektionismus und neuer italienischer Regierung.
  • Euroland: Bruttoinlandsprodukt 2019: 1,7 Prozent (bisher: 1,8  Prozent ); Inflation 2018 bzw. 2019: jeweils 1,7  Prozent  (bisher: 1,5  Prozent  bzw. 1,8  Prozent ).
  • Europäische Zentralbank: Erste Leitzinserhöhung (Einlagensatz) im September 2019 (bisher: Juni 2019).
  • Langsamerer Anstieg der langen Bundrenditen.
  • Japan: Verschiebung der ersten Leitzinserhöhung von 2019 auf 2022.
  • Abwärtsrevision der Bruttoinlandsprodukts-Prognosen für Brasilien, Türkei und Südafrika.

Konjunktur der Industrieländer

Deutschland
Das erste Quartal brachte die von uns erwartete Verlangsamung des gesamtwirtschaftlichen Wachstums. Mehrere Sonderfaktoren waren hier am Werk: Die Streiks, die Grippewelle und das Fehlen einer Regierung machten sich dämpfend bemerkbar. Also sollte das zweite Quartal angesichts der immer noch guten Rahmenbedingungen besser laufen. Doch auf einen guten Start – der Einzelhandelsumsatz expandierte im April kräftig – folgten schwache Auftrags-, Produktions- und Exportdaten. Der Mai ist zudem durch Ferien- und Brückentage belastet, weshalb er nur wenig zur Korrektur der schwachen Daten beitragen kann.
Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2018 bzw. 2019: 2,1 Prozent bzw. 1,7 Prozent  (bisher:
2,3 Prozent bzw. 1,8 Prozent); Inflation 2018: 1,8 Prozent (bisher: 1,5 Prozent).
Euroland
Die Anfang Juni veröffentlichten Details zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Euroland offenbaren, welche Bereiche für die Wachstumsverlangsamung im ersten Quartal verantwortlich waren. Die inländische Verwendung, bestehend aus privatem sowie staatlichem Konsum und Bruttoanlageinvestitionen, hat sich im Wesentlichen wie im vierten Quartal 2017 entwickelt. Was im ersten Quartal 2018 im Vergleich zum Vorquartal gefehlt hat, waren die starken Impulse vom Außenhandel. Vielmehr dämpfte der Außenbeitrag nun sogar die realwirtschaftliche Aktivität. Für das laufende Quartal geben die Frühindikatoren klare Hinweise darauf, dass Euroland weiterhin kräftig wächst, vermutlich sogar etwas stärker als im ersten Quartal. Die außergewöhnliche Konjunkturdynamik aus dem vergangenen Jahr wird jedoch 2018 wohl nicht mehr erreicht werden.
Prognoserevision: Bruttoinlandsprodukt 2019: 1,7 Prozent (bisher: 1,8 Prozent); Inflation 2018 und 2019: jeweils 1,7 Prozent (bisher: 1,5 Prozent und 1,8 Prozent).
USA
Die US-Wirtschaft befindet sich weiterhin auf einem guten Wachstumspfad. Laut einer inoffiziellen Berechnung ist das Bruttoinlandsprodukt im April um 0,3 Prozent gegenüber dem Vormonat angestiegen. Dies war bereits der dritte Anstieg in Folge in dieser Größenordnung. Die für den Monat Mai bereits vorliegenden Makrodaten signalisieren eine Fortsetzung dieser Wachstumsdynamik. So fiel der Arbeitsmarktbericht relativ gut aus, und auch die wichtigsten Stimmungsindikatoren der Unternehmen verbesserten sich im Mai gegenüber dem Vormonat. Insgesamt stehen die Daten im Einklang mit unserer Prognose einer Wachstumsbeschleunigung im zweiten Quartal im Vergleich zum Vorquartal. Wenig spektakulär war die Preisentwicklung im April. Die Jahresteuerung der Verbraucherpreise verharrte bei 2,4 Prozent und die des Deflators der privaten Konsumausgaben bei 2,0 Prozent.
Prognoserevision: keine

Aktienmärkte Industrieländer

Aktienmarkt Deutschland
An stimmungsbelastenden Faktoren mangelt es derzeit nicht. Neben den politischen Unwägbarkeiten in Italien sind die Anleger auch durch die permanenten globalen Handelsstreitigkeiten verunsichert. Dass sich der Aktienmarkt angesichts dieser Stimmungslage dennoch relativ stabil verhält, ist auf die anhaltend gute konjunkturelle Lage zurückzuführen und damit auch auf ein Umfeld, das für gute und steigende Unternehmensgewinne spricht. Zuletzt wurden die Erwartungen für die Gewinne deutscher Unternehmen sogar wieder leicht angehoben. Somit haben sich die Bewertungen in den letzten Wochen etwas reduziert. Zusätzliche Unterstützung erfährt der Markt durch den schwächeren Außenwert des Euro. Fundamental sind die Rahmenbedingungen für deutsche Aktien unverändert intakt. Die hohe politische Unsicherheit dürfte über die Sommermonate allerdings für ausgeprägte Kursschwankungen sorgen.
Prognoserevision: keine
 
Dr. Ulrich Kater studierte Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Göttingen und Köln. Promotion 1995 am Finanzwissenschaftlichen Lehrstuhl der Universität zu Köln, daneben Lehr- und Forschungstätigkeit an der Universität Köln, der Fachhochschule Köln und der European Business School. Von 1995 bis 1999 war Kater im Stab der »fünf Wirtschaftsweisen« für die Themen Geldpolitik und Kapitalmarkt verantwortlich.  Seit 1999 Mitarbeit am Aufbau der Volkswirtschaftlichen Abteilung der DekaBank, seit 2004 Chefvolkswirt der DekaBank, Vorsitzender der Kommission Wirtschaft und Finanzen im Verband Öffentlicher Banken seit 2006. Weitere Lehraufträge an der Universität Witten-Herdecke und der Zeppelin University Friedrichshafen. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zu den Themen Geldpolitik, Währungspolitik, internationale Kapitalmärkte, Finanzpolitik, Alterssicherungssysteme und internationaler Dienstleistungshandel, etwa: »100 Konjunkturindikatoren«, Cometis-Verlag, 2008, »Handbuch Europäische Zentralbank«, Uhlenbruch-Verlag 2005.