Zurück zur amerikanischen Vormacht? Gesamtwirtschaftlicher Ausblick 2018-2019

Dr. Mathilde Lemoine, Edmond de Rothschild
Dr. Mathilde Lemoine / Bild: Edmond de Rothschild
Nachdem sich das Wachstum weltweit beschleunigt hat, könnten einzig die Vereinigten Staaten ihre Wirtschaftstätigkeit 2018 erneut weiter ankurbeln und sich damit wieder als feste Größe des weltweiten Wachstums etablieren. Donald Trumps Plan, die USA wieder ins Rennen zu bringen, könnte somit aufgehen. Wir sind fest davon überzeugt, dass die amerikanische Steuerreform und das Auseinanderdriften der weltweiten Wachstumsraten die Zinsschwankungen und die Instabilität der Finanzmärkte noch weiter verstärken werden.

Vereinigte Staaten: Breit angelegte Steuerreform

Die Ende letztes Jahr verabschiedete US-Steuerreform ist nicht nur im Hinblick auf das Entlastungsvolumen beachtlich. Sie verändert auch das amerikanische Steuersystem grundlegend. Erklärtes Ziel ist es, die amerikanischen Unternehmen zu Investitionen in den Produktionssektor zu bewegen und zugleich die Kreditkosten anzuheben. Vorliegenden Berechnungen zufolge könnten sich die Steuersenkungen auf netto 111 Milliarden Dollar belaufen und so die Investitionsbereitschaft von Unternehmen fördern. Für die amerikanischen Haushalte indes dürften die Steuereinsparungen 2018 lediglich 17 Milliarden Dollar netto betragen. Das amerikanische Wachstumstempo könnte 2018 auf bis zu 3 Prozent ansteigen, ohne einen allzu hohen Inflationsdruck auszulösen – Letzteres aufgrund der erwarteten mangelnden Dynamik des privaten Verbrauchs und des Fortbestehens eines Arbeitskräfteüberschusses.

Dem Aufschwung im Euroraum geht die Puste aus

2018 dürfte sich das Wachstum auf 1,8 Prozent und 2019 auf 1,6 Prozent abschwächen, nachdem es 2017 noch 2,5 Prozent betragen hatte. Zu den Ursachen zählen eine steigende Trägheit im Bauwesen sowie die vorangegangene Euro-Aufwertung. 

Die politische Risikoprämie könnte in den Jahren 2018 und 2019, nachdem im Zuge der Wahl des französischen Präsidenten Emmanuel Macron ein Tiefpunkt erreicht wurde, wieder ansteigen, da der institutionelle Fortschritt in Europa angesichts der politischen Lage in Italien, aber auch in Spanien und Deutschland zum Stillstand kommen dürfte. Die meisten der Vorschläge, die Frankreich zur Konsolidierung der Gemeinschaftswährung vorgebracht hat, etwa bezüglich eines gemeinsamen Haushalts für den Euroraum, haben verhaltenen Zuspruch unter den anderen Mitgliedstaaten bekommen. Zudem könnte die von uns erwartete Verlangsamung des Wirtschaftswachstums den Reduktionsprozess der durchschnittlichen Staatsverschuldung im Euroraum unterbrechen. Diese lag Ende 2017 bei 86,7 Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) im Gegensatz zu 89 Prozent des BIP Ende 2016.

Vor diesem Hintergrund wird die Europäische Zentralbank (EZB) Vorsicht walten lassen und versuchen, einen Anstieg sowohl der kurzfristigen, als auch der langfristigen Zinsen zu verhindern. Wie schon in der Vergangenheit oftmals geschehen und wie angekündigt, dürfte sie Maßnahmen ergreifen, um die Zinsaufschläge für Italien und die weiteren Länder im Süden der Eurozone zu begrenzen. Die politische Instabilität und die deutsch-französischen Spannungen, die sich womöglich aus den Anhebungen bestimmter Zölle auf US-Importe ergeben, könnten einen Abwärtsdruck auf die Renditen deutscher Staatsanleihen bewirken.

Auseinanderdriften der weltweiten Wachstumsraten: Eine neue Quelle von Instabilität?

Die Verbesserung des weltweiten wirtschaftlichen Umfelds ist auf eine allgemeine Zunahme der Verschuldung zurückzuführen. Die Notenbanken intervenieren weiterhin massiv, um die Preise von Vermögenswerten zu manipulieren und die Verschuldung zu fördern. Dies erhöht das Risiko einer Instabilität der Finanzmärkte. Sie warnt vor einem Auseinanderdriften des weltweiten Wachstums als einer der Ursachen erheblicher Zinsschwankungen.
Dr. Mathilde Lemoine ist Group Chief Economist bei Edmond de Rothschild