Kryptowährungen - Auf dem Weg zum sicheren Anlagehafen?

Robert Halver, Baader Bank AG
Robert Baader / Bild: Baader Bank AG
Der Bitcoin als bekannteste Kryptowährung hat seit März einen phantastischen Lauf. Er performt sogar besser als High-Tech-Aktien. Hat er also mittlerweile die höheren Weihen auch als safe haven in unsicheren Zeiten erhalten? Oder findet der aktuelle Hype wie schon so oft ein jähes Ende? Klar ist: Die etablierte Finanzwelt ist über die neue Konkurrenz nicht erfreut.

Digitale Knappheit vergleichbar mit Gold-Knappheit?

Ende 2020 wird die gesamte Weltverschuldung (Staaten, Unternehmen, Private) um etwa 20 Billionen US-Dollar auf 277 zugenommen haben. Das Defizit-Kriterium - Verschuldung zur Weltwirtschaftsleistung - wird sich auch angesichts einer schrumpfenden Konjunktur auf dann 365 Prozent erhöht haben. Besserung ist nicht in Sicht. So plant z.B. Deutschland wieder mindestens 160 Mrd. Euro mehr Verschuldung für 2021 ein. Und in Europa gibt es laute und prominente Stimmen, die die coronalen Wiederaufbauleistungen zur Dauereinrichtung machen wollen. Finanziert wird die Schulden-Party wie gewohnt durch die gut geölten Gelddruckmaschinen der Notenbanken. Mit Wumms in die Staatsfinanzierung!

Generell und trotz steigender Bonitätsrisiken sind höhere Zinsen ausgeschlossen. Sie würden dem Finanzsystem das Licht auspusten. Neben der Zins-Diät wird ebenfalls die Inflationsentwicklung zu Hungersnöten bei Zinssparern führen. Sobald sich die Lockdown-Lage über Impfstoffe entspannt, wird sich die bislang zwangsweise zurückgehaltene Kaufkraft Bahn brechen. Doch selbst dann werden die Notenbanken weder zins- noch liquiditätsrestriktiv. Denn wenn Preise steigen, werden Schulden weginflationiert. Auf diesen freien Mittagstisch wird man nicht verzichten.

Im Gegensatz zu beliebig vermehrbarem (Schulden-)Geld ist die Höchstmenge an Bitcoin begrenzt. Als rares Gut stellt er also einen validen Schutz gegen Inflation dar.

Grafik: US-Kaufkraftverlust seit August 2011 und Entwicklung Bitcoin-Kurs

Diese digitale Wehrhaftigkeit, übrigens auch in puncto Strafzins und damit Enteignung, hat mittlerweile auch smartes Anlagekapital angelockt wie Pflaumenkuchen die Wespen. Selbst die früher so renitenten Vermögensverwalter und Banken zeigen sich gegenüber der Krypto-Welt aufgeschlossen.

Natürlich gilt der Inflationsschutz auch für Gold, doch verfügt der Bitcoin über einen technischen Vorteil. Weil er eine virtuelle, keine physische Größe ist, lässt er sich ohne „Rückenschmerzen“ überall hintragen. Das scheint momentan zu überzeugen: Seit Oktober ist eine markante Outperformance zu Gold zu beobachten.

Grafik: Entwicklung Bitcoin-Kurs und Goldpreis, in US-Dollar

Ebenso gefällt den Großanlegern, dass der Kurs eines Bitcoins nicht von den Gewinnaussichten eines Unternehmens oder dem Verschuldungsgrad eines Staates abhängig ist. Und die Korrelation zwischen Bitcoin und Aktien, z.B. dem US-Leitindex S&P 500 ist langjährig niedrig und bietet damit einen guten Risikoausgleich. Nur in der Sondersituation Anfang des Jahres war er höher, als alle Anleger alle risikobehafteten Assets abgestoßen haben.

Aber auch operativ scheint der Bitcoin aus seiner Exotenecke zu entkommen. Seine kommerzielle Nutzung wird immer breiter. So werden PayPal-Kunden ihn in den USA bald für Zahlungen bei Onlinehändlern nutzen können. Auch Audio-Streaming-Dienste haben sich für Krypto-Zahlungen geöffnet.

All das scheint darauf hinzudeuten, dass der aktuelle Bitcoin-Anstieg stabilitätspolitisch und fundamental wohl unterfüttert ist. Und da schließlich im Gegensatz zum Rekordhoch 2017 bislang noch keine inflationäre Berichterstattung über Bitcoin im Mainstream gemäß Google Trends zu beobachten ist, scheint der Markt auch noch nicht überhitzt zu sein. Insgesamt also gute Aussichten für neue Allzeithochs von Bitcoin, oder?

Das Finanz-Imperium schlägt zurück

Das alte Finanzsystem und seine Institutionen betrachten die Entwicklung der Kryptowährungen mit viel Argwohn. Sie fürchten ihren Status als Platzhirsch im Geldwesen einzubüßen.

Für (Geld-)Politiker in der westlichen Welt wäre es der blanke Horror, wenn der Bitcoin zu einer dominanten Alternativwährung würde. Dann verlöre die bislang so leichte und angenehme Staatsfinanzierung durch unbegrenzt großzügige Notenbanken nicht nur an Biss. Am Ende könnten sie zahnlos dastehen. Doch kann nicht sein, was nicht sein darf. Die politische Verteidigungsbereitschaft sollte niemand unterschätzen. Es sollen bloß keine unveränderlichen Fakten geschaffen werden.

Und so wird die alte Finanzwelt den Kryptos Steine in den Weg legen. Zu diesem Zweck verweist man zunächst mit Schmackes auf die fehlende Kontrolle der nicht-staatlichen Kryptowährungen, wodurch Geldwäsche, Steuerhinterziehung, Drogen- und Cyberkriminalität sowie Hackerangriffen Tür und Tor geöffnet seien. So schafft man sich Argumente, dem Wildwuchs zu begegnen. Überhaupt lässt man weiter das Damokles-Schwert eines Verbots über den Kryptowährungen schweben.    

Doch wissen auch die europäischen Politiker, dass an digitalen Währungen kein Weg mehr vorbeigeht. Also machen sie aus der Not eine Tugend. Mit der Einführung einer eigenen staatlichen Digitalwährung will man die Oberhand im virtuellen Zahlungsverkehr behalten.

Der Vorteil einer digitalen Währung in Europa gegenüber einem Bitcoin liegt in seiner Verankerung an der Gemeinschaftswährung Euro. Dadurch kann ihr Wert nicht wie bei Kryptowährungen plötzlich und gewaltig nach oben oder unten ausbrechen. Ohne Zweifel zeigt die Bitcoin-Historie eine dramatische Schwankungsbreite. Nicht zuletzt sorgen immer wieder anonyme Besitzer gigantischer Bitcoin-Vermögen für wenig transparente Kursbewegungen. Im direkten Vergleich zu diesem wankelmütigen outlaw ist der Euro geradezu ein braver Klosterschüler.

Grafik: Wertentwicklung von Bitcoin-Kurs und Euro gegenüber US-Dollar

Tatsächlich, erst Stabilität macht eine Währung zu einem verlässlichen und damit weithin akzeptierten Zahlungsmittel. Nicht umsonst genießen Weltwährungen gegenüber denen aus Schwellenländern einen erhöhten Sicherheitsstatus.  

Diese bislang massive Volatilität macht den Bitcoin ebenso nicht zu einem guten Vermögensspeicher. Der Bitcoin ist kein Schutzpatron für die Kaufkraft. In puncto langfristiger Wertaufbewahrungsfunktion bleibt dann doch Gold die erste Wahl.

Robert Halver leitet seit 2008 die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieren und Anlagestrategien beschäftigt er sich in verschiedenen Positionen – darunter beim Bankhaus Delbrück und der Schweizer Bank Vontobel – bereits seit 1990. Der wortgewandte Aktienexperte ist durch regelmäßige Medienauftritte und Fachpublikationen sowie als Kolumnist einem breiten Publikum bekannt.
Rechtliche Hinweise / Disclaimer und Grundsätze zum Umgang mit Interessenkonflikten der Baader Bank AG:https://www.roberthalver.de/Newsletter-Disclaimer-725

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