Zwiespältige Herbststimmung

Manfred Schmid
Manfred Schmid / Bild: BBAG/Killius
Der Herbst ist eine Jahreszeit, die mit ihren bunten Blättern ein letztes Aufleben der Schönheit der Natur zeigt, aber mit vielen grauen und nebligen Tagen unserem Wohlbefinden eher abträglich ist. Astronomisch befinden wir uns Mitte November gerade in der Mitte dieser zwiespältigen Jahreszeit. Dazu gehen dieses Jahr noch die Pandemie-Zahlen nach oben und wir stehen vor einem zweiten Lockdown. Der soll aber auf jeden Fall anders ablaufen als der erste, allerdings die gleiche Wirkung erzielen: Die Fallzahlen nach unten bringen. Bleibt die spannende Frage, wie sich das an der Börse widerspiegeln wird. Wir erinnern uns, während der Dax im Februar noch an der 14.000er Marke schnupperte, fiel er im März auf unter 8.500 Punkte. Das führte in Deutschland zu einem Verlust an Geldvermögen der Privaten Haushalte von 128 Milliarden Euro. Zumindest kurzfristig, denn wie wir ebenfalls wissen, erholten sich die Kurse erstaunlich schnell, viele Leitindizes bewegen sich wieder auf Vorkrisenniveau, wenn auch immer wieder teilweise heftige Rücksetzer zu verzeichnen sind.
Mit welchen Konsequenzen an den Börsen dürfen wir bei einem zweiten Lockdown also rechnen und wie wird es weitergehen im Jahr 2020? Auch wenn wir nicht im Besitz einer Wahrsagerkugel sind, lässt sich vermuten, dass die Einbrüche nicht so groß sein werden wie im März und vor allem von noch kürzerer Dauer. Es sind mehrere Gründe, die dieses Szenario wahrscheinlich machen:

Auf Schulden komm raus

Erstens die Geldpolitik, die weiterhin international für mehr als ausreichende Liquidität sorgt. Geld wird schneller gedruckt als es ausgegeben werden kann und die gigantischen Ankaufprogramme der Notenbanken sorgen dafür, dass selbst Schuldscheintitel mit einer Verzinsung unter null reißenden Absatz finden. Die horrende internationale Verschuldung wird so kaum gestoppt und wirkliche wirtschaftspolitische Reformen nicht angestoßen, dafür die Investoren weiterhin in Wertpapiere getrieben. Einziger Wermutstropfen: Auf Dauer dürfte sich so Inflation einschleichen, die nach den jüngsten Äußerungen der FED auch nicht mehr entschieden bekämpft werden soll. Schließlich entschuldet Inflation die Schuldner zu Lasten der Gläubiger.

Run auf Sieger-Aktien

Zweitens. Die Kurseinbrüche trafen kurzfristig fast alle Branchen und Sektoren gleichermaßen, doch gab es auch Gewinner der Pandemie. Das haben auch die Anleger relativ schnell verstanden und dementsprechend reagiert. Gleichzeitig hat die Pandemie viele Privatanleger zum Kauf von Aktien getrieben, Broker und Neobroker erhielten Zulauf wie nie zuvor und diese neue Anlegerklientel verstärkte den Trend. Mit dem Ergebnis, dass gerade die besonders gut laufenden Indizes, man denke nur an den Nasdaq, bei genauerer Betrachtung nur von einigen wenigen Tech-Unternehmen getrieben werden. Die Pandemie hat zu einer atemberaubenden Beschleunigung des Umbruchprozesses in der Wirtschaft geführt. Es wird viele Verlierer geben, aber auch Gewinner und wieder andere, die mitten in diesem Prozess stecken.

Welt im Umbruch

Drittens wird dieser Umbruch getrieben von den beiden Schlagworten Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Die Digitalisierung erleben die meisten von uns hautnah mit, ob in der Schule oder im Homeoffice – doch das sind nur die sichtbaren oder spürbaren Spitzen des Eisberges, der unsere Wirtschaft und Gesellschaft umkrempeln wird. Und um im Bilde zu bleiben: einige unserer Industriedampfer werden auf diesen Eisberg auflaufen und kentern – es ist nur eine Frage der Zeit. Wer hätte sich vor zehn Jahren eine ThyssenKrupp ohne Stahl vorstellen können?

Auftrieb für Nachhaltigkeit

Wer glaubt, dass das Thema Nachhaltigkeit vor lauter Corona in Vergessenheit geraten oder aufgrund der reduzierten Industrieleistung und des niedrigen Flugverkehrs automatisch erledigt sei, der irrt. Vielmehr hat Corona dem Thema noch einmal Auftrieb verliehen, zumindest was die großen und marktbestimmenden Investoren angeht, so auch das Ergebnis des „Sustainable Financing and Investing Survey“, einer von der britischen HSBC Bank in Auftrag gegebenen aktuellen Studie. Mehr als 90 Prozent halten ESG für wichtig oder sehr wichtig – das merken vor allem Unternehmen, die bisher noch nicht nachhaltig hervorgetreten sind.
 
Was aber bedeutet all dies für die Anleger? Ein genauer Blick aufs Depot wird noch wichtiger. Welche meiner Unternehmen erfüllen bereits heute die Anforderungen an Digitalisierung und Nachhaltigkeit, welche sind in zukunftsträchtigen Branchen unterwegs und welche in Sektoren, die besonders anfällig sind? Der Herbst reißt die Blätter von den Bäumen und gibt den Blick frei auf die tragenden Äste, das Wesentliche. Vielleicht genau die richtige Zeit, die Depotwerte einer eingehenden Analyse zu unterziehen und sich auf die Chancen zu konzentrieren?
Dieser Artikel erschien zuerst im Nebenwerte Journal
Manfred Schmid ist Leiter der Marktsteuerung der Börse München

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