Noch 100 Tage bis zum Worst-Case-Szenario

Ludovic Colin, Vontobel Asset Management:
Ludovic Colin / Bild. Vontobel Asset Management:
Nach dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union (EU) am 1. Februar 2020 verhandeln beide Seiten über die zukünftigen Beziehungen. Damit die wichtigen politischen und wirtschaftlichen Verbindungen zwischen dem Land und der EU nicht mit dem Austritt von einem auf den anderen Tag abbrechen, wurde vor dem EU-Austritt Großbritanniens ein Austrittsabkommen verhandelt, das eine Übergangsphase bis zum 31. Dezember 2020 vorsieht. Am 23. September sind es noch 100 Tage, bis diese Phase endet.

Kann noch eine Einigung zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU erzielt werden?

Derzeit sehe ich keine Möglichkeit, dass ein Abkommen unterzeichnet wird. Das toxische Umfeld in Westminster hat die EU in eine passiv-aggressive Haltung gedrängt. Das Hauptproblem ist, dass bis zum Ablauf der Frist nicht mehr viel Zeit bleibt, so dass es praktisch unmöglich ist, noch eine Einigung zu erzielen. Würden die EU und Großbritannien einen legalen Weg finden, um die Übergangsfrist zu verlängern, würden die Chancen für eine Einigung steigen. Allerdings scheint auch diese Option als sehr unwahrscheinlich, da zahlreiche gesetzliche Bestimmungen eine Verlängerung nahezu unmöglich machen.

Was wären die Folgen für den britischen und europäischen Markt, wenn es zu einem harten Brexit kommt?

Die wirtschaftliche Situation Großbritanniens nach der Pandemie um COVID-19 ist eine der schlechtesten unter allen Ländern der entwickelten Welt. Fügt man noch einige harte Handelsbarrieren mit seinem größten Partner hinzu, dann hat man ein düsteres Bild. Die EU wird von einem harten Brexit weniger betroffen sein. Die Konsequenzen liegen bereits jetzt auf der Hand: negative Zinsen im Vereinigten Königreich, eine Krise des britischen Pfund und eine massive Unterperformance britischer Vermögenswerte.

Inwieweit haben die Märkte das Risiko eines „No Deals“ eingepreist bzw. sich darauf vorbereitet?

Die jüngste Kursentwicklung auf den verschiedenen Märkten zeigt, dass britische Staatsanleihen (Gilts), eher ein schlechtes Ergebnis einpreisen. Auch die Kreditspreads haben ein gewisses Risiko eingepreist, aber meiner Meinung nach nicht genug. Das Pfund zeigt sich momentan noch optimistisch, und ich würde erwarten, dass dort die größten Preissprünge zu sehen sein werden, sollte sich das schlechte Szenario bestätigen.

Sollten Anleger angesichts des Risikos eines harten Brexit und der wirtschaftlichen Auswirkungen von Covid-19 gegenüber dem Pfund vorsichtig bleiben?

Währungen insgesamt werden zunehmend volatiler werden, da wir neben den anstehenden US-Wahlen auch eine Pandemie zu bewältigen haben. Daher verkaufe ich derzeit lieber Pfund gegen Euro als gegen US-Dollar, um das Risiko zu vermindern. Wenn Anleger jedoch einen „No-Deal“-Brexit befürchten, müssten sie das Pfund bis zum Jahresende untergewichten.

Bietet das gegenwärtige Umfeld attraktive Einstiegsmöglichkeiten, um in britische Titel zu investieren?

Abgesehen von einigen spezifischen Ausnahmen, erscheinen britische Titel im Vergleich zu anderen geografischen Gebieten als zu riskant – angesichts der wirtschaftlichen Wachstumserwartungen für Großbritannien in Kombination mit einem potenziellen No-Deal-Brexit. Sollten die Märkte jedoch anfangen, eine höhere Risikoprämie für britische Titel einzupreisen, könnte ich in Erwägung ziehen, selektiv mit einem langfristigen Horizont zu investieren, vorausgesetzt die Kosten für die Währungsabsicherung sinken ebenfalls.
Ludovic Colin ist Head of Flexible Bonds bei Vontobel Asset Management kommentiert den aktuellen Stand der Verhandlungen zum Brexit:

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