Was bedeutet das Ende der Ära Abe für Japans Aktienmarkt?

Naoki Kamiyama, Nikko AM
Naoki Kamiyama /Bild: Nikko AM

Ende August hatte sich der Nikkei mit über 23.000 Punkten vollständig von den Tiefständen des "Corona-Schocks" im März erholt (16.500 Punkte) – unter kräftiger Mithilfe von Regierung und Zentralbank. Jetzt geht es darum, wie Japans wirtschaftliche Erholung Gestalt annimmt und wie schnell sich die Unternehmen an das neue Umfeld anpassen:
  • Die Aktienkurse werden steigen, wenn sich die Unternehmen an das neue Umfeld anpassen, wie es den großen Internet-Unternehmen auf dem US-Markt gelingt.
  • Die japanischen Unternehmen werden jedoch einen etwas anderen Weg zur Erholung nehmen: Die durch die Pandemie veränderte Binnennachfrage könnte etwa Auto- und Teileherstellern zugutekommen, da der Trend zur sozialen Distanzierung die Nachfrage nach Autos erhöht. Die zunehmende Digitalisierung dürfte zudem Hersteller elektronischer Komponenten und von Halbleiterfertigungsausrüstung begünstigen.
  • Es ist unwahrscheinlich, dass die monetäre Lockerung und die daraus resultierende Überschussliquidität die Aktienkurse noch viel weiter in die Höhe treiben werden. Das wird vielmehr die Aufgabe der sich erholenden Wirtschaft mitsamt einer neuen Branchendynamik sein.
  • Seit Shinzo Abes Rücktrittsankündigung vom 28. August neigt sich die Amtszeit des dienstältesten Premierministers des Landes dem Ende zu. So überraschend dieser Rücktritt kam, so wenig Aufmerksamkeit hatten seine "Abenomics" und der Rest seiner Wirtschaftspolitik innerhalb Japans in den letzten Phasen seiner Amtszeit auf sich gezogen.
  • Shinzo Abes Nachfolge trat Yoshihide Suga von der Liberaldemokratischen Partei (LDP) an. Der Markt achtet jedoch viel mehr darauf, wie die Regierung mit dem wirtschaftlichen Schock weiter umgeht und ob sie bereit wäre, gegebenenfalls zusätzliche Anreize zu setzen.
  • Die Pandemie hat Zweifel an den globalen Wertschöpfungsketten geweckt, und die Regierung unterstützt Firmen, die ihre Produktion nach Japan zurückverlagern. Abes Nachfolger Suga wird kaum eine andere Wahl haben, als diese Politik fortzusetzen.
  • Ausländische Investoren beurteilen die politischen Entwicklungen in Tokio womöglich etwas anders als ihre japanischen Kollegen. Für viele war Abe gleichbedeutend mit einer der stabilsten Regierungen der Welt; sein Weggang wird als Risiko angesehen. Die Wachablösung könnte daher einige ausländische Investoren dazu veranlassen, ihre Engagements in Japan zu reduzieren. Die Ernennung eines neuen Premierministers dürfte sie aber nicht dazu veranlassen, Japan aggressiv zu verkaufen.
  • Im Jahr 2007, als Abe nach seiner ersten Amtszeit als Premierminister zurücktrat, stiegen die japanischen Aktien sogar. Der Markt richtete seinen Fokus damals schnell auf andere Faktoren. 2020 könnte es genauso sein.
Naoki Kamiyama ist Chefstratege beim japanischen Vermögensverwalter Nikko Asset Management