Trotz Corona-Krise: Renditeerwartungen von Anlegern bleiben überhöht

Achim Küssner und Rupert Rucker, Schroders
Achim Küssner und Rupert Rucker / Bild: Schroders
Viele Anleger weltweit sind optimistisch und erwarten in den nächsten fünf Jahren durchschnittliche Gesamtrenditen (Erträge plus Kapitalzuwachs) von über 10 Prozent pro Jahr – ungeachtet der Unsicherheit infolge von Covid-19. Das ist ein Ergebnis der Schroders Global Investor Study 2020.
 
Überraschend: Die durchschnittliche Renditeerwartung für die nächsten fünf Jahre hat sich laut der Studie weltweit sogar geringfügig erhöht – und zwar auf 10,9 Prozent (2019: 10,7 Prozent).
Verglichen mit dem weltweiten Durchschnitt sind Investoren aus Deutschland und Österreich bei den von ihnen prognostizierten Renditen zwar vergleichsweise zurückhaltend: In Deutschland beträgt die durchschnittliche Renditeerwartung über die kommenden fünf Jahre 8,4 Prozent, während der Wert für Österreich mit 8 Prozent noch etwas darunter liegt. Dennoch sind auch diese Prognosen ambitioniert – gerade vor dem Hintergrund der aktuellen wirtschaftlichen Eintrübungen infolge der Corona-Krise.

Die Nachwehen der Coronavirus-Krise

Kurzfristiger betrachtet sieht das Bild etwas anders aus: Für die nächsten 12 Monate haben die globalen Anleger ihre Erwartungen zurückgeschraubt und rechnen mit 8,8 Prozent Rendite (2019: 10,3 Prozent). Für deutsche Investoren wurde hier ein aktueller Wert von 8,4 Prozent ermittelt, für österreichische Anleger von 7,2 Prozent.
 
Die insgesamt optimistische Einstellung zur Rendite könnte unter anderem dadurch entstanden sein, dass nur 6 Prozent der befragten globalen Anleger davon ausgehen, dass sich die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 mehr als vier Jahre lang bemerkbar machen werden. Tatsächlich erwarten nur 21 Prozent, dass diese länger als zwei Jahre zu spüren sein werden. In Deutschland sind 7 Prozent und in Österreich 10 Prozent der Ansicht, dass die Corona-Krise volkswirtschaftlich mehr als vier Jahre andauert. Von einer längeren Dauer als zwei Jahre gehen in Deutschland 25 Prozent und in Österreich 31 Prozent aus. Somit erwarten deutsche und österreichische Investoren insgesamt etwas längerfristige ökonomische Beeinträchtigungen durch die Pandemie als der globale Durchschnitt.

Das Virus und die Portfolios

Die Auswirkungen der Corona-Krise haben viele Anleger veranlasst, die Zusammensetzung ihrer Investmentportfolios erheblich zu verändern: 28 Prozent der weltweit befragten sowie jeweils 31 Prozent der deutschen wie auch der österreichischen Investoren gaben an, dass sie in erheblichem Umfang Mittel in risikoärmere Anlagen umgeschichtet haben. Weitere 25 Prozent der globalen, 28 Prozent der deutschen und 26 Prozent der österreichischen Anleger sagten, dass sie zumindest einen Teil ihres Portfolios in risikoärmere Investments verlagert haben.
 
Auf der anderen Seite bestätigten 20 Prozent aller Befragten, dass sie die Gelegenheit genutzt haben, um Teile ihrer Portfolios in Investments mit hohem Risiko zu verlagern. In Deutschland mit 28 Prozent sowie in Österreich mit 21 Prozent wurde sogar eine noch höhere Risikobereitschaft gemessen.

Anleger denken häufiger über ihre Geldanlage nach

Aus unserer Sicht ist klar, dass die Auswirkungen von Covid-19 in den kommenden Jahren erheblich sein werden und Volkswirtschaften, die Finanzmärkte, aber auch Bereiche beeinflussen werden, die darüber hinausgehen. Auch wenn viele die Pandemie als den ultimativen schwarzen Schwan – also als ein umwälzendes, schwer vorherzusagendes Ereignis – ansehen, müssen wir uns gerade jetzt mehr denn je an unsere Anlagegrundsätze halten.
 
Das ist zwar leichter gesagt als getan. Aber wir müssen die Störgeräusche ausblenden und uns darauf konzentrieren, langfristig ausgewogene Investments beizubehalten. Umso wichtiger ist dies in der aktuellen Phase weltweit sehr niedriger Zinsen. Für uns bei Schroders steht daher im Fokus, Anleger und Kunden zu unterstützen, damit sie mit dieser anhaltenden Unsicherheit zurechtkommen, um letztlich ihren zukünftigen Wohlstand zu sichern.
 
Auch die Ersparnisbildung hat die Covid-19-Krise stärker in den Vordergrund gerückt: Fast jeder zweite der weltweit befragten Anleger (49 Prozent) gab an, dass er sich jetzt mindestens einmal pro Woche Gedanken über seine Kapitalanlagen macht. Vor der Pandemie waren es nur 35 Prozent. Hierzulande dagegen steht das Thema weniger stark im Fokus. In Deutschland machen sich nur 31 Prozent der Investoren wöchentlich entsprechende Gedanken, in Österreich sogar lediglich 24 Prozent.
Für Deutschland und Österreich ermittelte die Schroders Global Investor Study zudem, für welche Anlageklassen Investoren nach dem Markteinbruch infolge der Corona-Krise die besten Chance-Rendite-Verhältnisse erwarten. Über die kommenden 12 bis 18 Monate sehen Anleger aus beiden Staaten hierbei globale Aktien an erster Stelle, gefolgt von europäischen Aktien. Während in Deutschland Aktien aus Schwellenländern den dritten Platz belegten, waren dies in Österreich Staatsanleihen – was Ausdruck einer stärkeren Sicherheitsorientierung sein könnte.

Erfahrene Anleger bewahren eher die Ruhe

Global gaben mehr als zwei Drittel (67 Prozent) der Befragten, die sich in Bezug auf ihre Anlagekenntnisse als „fortgeschritten“ oder „sachkundig“ bezeichnen, an, dass sie sich durch einen kurzzeitigen Wertverlust ihrer Kapitalanlagen nur wenig oder gar nicht beunruhigen lassen. Unter Investoren in Deutschland lag der hierfür gemessene Wert sogar bei 83 Prozent und in Österreich bei 77 Prozent. Das zeigt: Anleger mit Erfahrung wissen, wie Zeiten der Unsicherheit am besten bewältigt werden können.

Finanzwissen erfordert auch Eigenverantwortung

Bemerkenswerterweise gab weltweit eine Mehrzahl der Anleger (68 Prozent) an, dass es in ihrer eigenen Verantwortung liegen sollte sicherzustellen, dass sie über ausreichende Kenntnisse in Finanzangelegenheiten verfügen – gefolgt von Finanzdienstleistungsanbietern, Beratern und Schulen. Ebenfalls in Deutschland und Österreich erachten jeweils 68 Prozent sich selber als hauptsächlich verantwortlich dafür, Finanzwissen zu erlangen.
 
Dass es Aufgabe der Schulen sei, Kenntnisse über persönliche Finanzangelegenheiten zu vermitteln, fanden 51 Prozent aller befragten Investoren. Dieser Wert lag für Deutschland bei 53 Prozent und für Österreich bei 54 Prozent. Tatsächlich aber gaben global nur 40 Prozent, in Deutschland 44 Prozent und in Österreich lediglich 28 Prozent der Anleger an, dass sie sich ihre Finanzkenntnisse in der Schule angeeignet haben. Das zeigt nicht nur den Wunsch nach einer Einweisung in Finanzangelegenheiten durch Bildungseinrichtungen, sondern zeigt auch einen möglichen Mangel im Bildungswesen. Ähnlich große Beratungslücken bestehen ebenfalls bei staatlichen Stellen und Aufsichtsbehörden.

Altersvorsorge wird relevanter

Beachtliche 25 Prozent der globalen Anleger sagten zudem, dass bei der Verwendung ihres verfügbaren Einkommens die Altersvorsorge oberste Priorität habe. Dies liegt deutlich über dem vor drei Jahren ermittelten Anteil von 10 Prozent und zeigt, dass das Bewusstsein für die Bedeutung der Altersvorsorge zunimmt. Ebenfalls in Deutschland rangiert die Altersvorsorge auf dem ersten Platz der Kapitalverwendung, 23 Prozent gaben sie als oberste Priorität an. In Österreich dagegen äußerten nur 14 Prozent diese Einschätzung. Hier spielten Themen wie Anlage in andere Investmentformen, die Hinterlegung auf Bankkonten oder eine Bedienung von Schulden aus Sicht der beteiligten Anleger eine größere Rolle.

Unrealistische Erwartungshaltung

Die für Deutschland und Österreich gemessenen Ertragserwartungen liegen zwar unterhalb des sehr ambitionierten globalen Durchschnitts. Doch unsere Studie macht deutlich: Auch in Deutschland und Österreich gehen Investoren von unrealistisch hohen jährlichen Wertentwicklungen aus. Dies ist umso bedenklicher, als dass gleichzeitig die Altersvorsorge ein zentrales Anlageziel darstellt. Somit droht im Ruhestand eine Einkommenslücke, die nur sehr schwer wieder zu schließen ist.
Im April 2020 gab Schroders eine unabhängige Online-Befragung von 23.000 Personen aus 32 Märkten in allen Teilen der Welt, die Geld anlegen, in Auftrag. Dazu gehörten unter anderem Länder in Europa, Asien sowie Nord- und Südamerika. Für die Umfrage wurden Investoren befragt, die in den nächsten zwölf Monaten mindestens 10.000 Euro (oder den Gegenwert in einer anderen Währung) anlegen wollen und in den vergangenen zehn Jahren Änderungen an ihren Investments vorgenommen haben.
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Achim Küssner ist Geschäftsführer der Schroder Investment Management (Europe) S.A., German Branch, Rupert Rucker ist Head of Income Solutions bei Schroders.