Grüne Finanzen: Risiken nicht aus ideologischen Gründen kleinrechnen

Ein Interview mit Dr. Jürgen Gros, Genossenschaftsverband Bayern
Dr. Jürgen Gros / Bild: Genossenschaftsverband Bayern
Weniger Schadstoffausstoß, mehr Energieeffizienz: Der ökologische Umbau der Wirtschaft ist wichtig, darf aber nicht zum Thema der Bankenregulierung werden. GVB-Präsident Jürgen Gros warnt insbesondere vor Gedankenspielen auf Europa-Ebene, die Kreditvergabe für grüne Investitionsvorhaben zu bevorzugen. Er sieht die Gefahr neuer Finanzblasen.
Herr Dr. Gros, die EU-Kommission will im März Vorschläge präsentieren, wie der Finanzsektor zu mehr Nachhaltigkeit in der Realwirtschaft beitragen kann. Erste Ideen liegen bereits auf dem Tisch. Der GVB hat sich dazu kritisch geäußert. Legen Sie keinen Wert auf Nachhaltigkeit?
Jürgen Gros: Das Gegenteil trifft zu. Die bayerischen Genossenschaften sind ein Paradebeispiel für nachhaltiges Wirtschaften. Das zeigen allein schon die Stammbäume unserer Mitgliedsgenossenschaften. Deren Wurzeln reichen vielfach bis ins 19. Jahrhundert zurück. Einige haben sogar schon ihr 150. Jubiläum gefeiert. Eine solche Historie ist nur möglich, wenn ein Unternehmen langfristig denkt und ganz bewusst mit den Ressourcen, mit Mitarbeitern, Mitgliedern und Kunden umgeht. Anders gesagt: Das geht nur, wenn Sie nachhaltig handeln.

"Grüne Vermögenswerte und Finanzierungsprojekte sind schließlich nicht per se vor Ausfällen gefeit"

Dann müsste es Ihnen doch zusagen, wenn die EU-Kommission Investitionsanreize schaffen will, um grüne Vorhaben zu fördern...
Jürgen Gros: Es ist das eine, sich zum politischen Ziel zu setzen, den Ausstoß von Schadstoffen zu senken und auf mehr Energieeffizienz hinzuwirken. Fragwürdig ist aber, wie die EU-Kommission nun die Banken vor den Karren spannen will, um diese klimapolitischen Ziele zu erreichen. Insbesondere warnen die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken vor der Idee, vermeintlich klimafreundliche Investitionen bei der Kreditvergabe zu begünstigen. In diesem Zusammenhang wird über die Einführung eines sogenannten Unterstützungsfaktors debattiert, mit dem die Eigenkapitalanforderungen an grüne Investments gesenkt werden sollen. Gerade so, als ob mit denen weniger Risiken verbunden wären.
Von einer erleichterten Kreditvergabe würden die Banken profitieren. Was stört Sie?
Jürgen Gros: Die bayerischen Kreditgenossenschaften treten dafür ein, Finanzierungsvorhaben an ihrem Risikogehalt zu messen, nicht am CO2-Ausstoß. Grüne Vermögenswerte und Finanzierungsprojekte sind schließlich nicht per se vor Ausfällen gefeit. Wenn die Risiken aber aus ideologischen Gründen kleingerechnet werden, leistet das im schlimmsten Fall der Blasenbildung Vorschub. Das geht auf Kosten der Finanzstabilität, davor warnen selbst Politiker der Grünen. Zudem würden die Finanzmittel dann nicht mehr zwangsläufig in die produktivste Verwendung fließen. Darunter leidet die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft. Deshalb halte ich es für falsch, Bankenregulierung für Klimapolitik zu instrumentalisieren.

"Eingriffe in die Bankenregulierung sind auf jeden Fall der falsche Weg"

Manche Politiker und die Aufsicht sind besorgt, dass Banken die Risiken des Klimawandels unterschätzen. Die Institute sollen in Zukunft stärker berücksichtigen, welche Auswirkungen Erder-wärmung und Klimapolitik auf ihre Kreditengagements haben und dazu ausführlich Bericht erstatten. Was halten Sie davon?
Jürgen Gros: Die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken haben ihre Risiken im Griff. Davon unabhängig sollte eine nachhaltige Finanzwirtschaft nicht auf einem ausufernden Berichtswesen aufbauen. Die Meldepflichten insbesondere für kleinere Institute sind schon heute völlig unverhältnismäßig. Zusätzliche Dokumentation, Offenlegung und Meldung von Klimarisiken würden die bürokratischen Lasten noch verschärfen. Die Konsequenz wären dann womöglich weniger grüne Investitionen, als wir sie jetzt schon haben, weil die Klimabürokratie die Kreditvergabe hemmt. Zudem droht nicht nur den Banken, sondern auch dem Mittelstand mehr administrativer Aufwand. Schließlich müssten die Unternehmen bei der Kreditaufnahme die Auswirkung ihrer Projekte auf Umwelt und Klima nachweisen. Dafür hat der Handwerker um die Ecke schlichtweg keine Zeit. Die derzeit auflebende Investitionsneigung der Unternehmen würde geradewegs wieder ausgebremst.
Was halten Sie für den richtigen Weg, um den ökologischen Umbau der Wirtschaft voranzutreiben?
Jürgen Gros: Eingriffe in die Bankenregulierung sind auf jeden Fall der falsche Weg. Klimapolitische Ziele lassen sich mit anderen Instrumenten sinnvoller verfolgen, wie zum Beispiel mit der Bepreisung von CO2-Emissionen. Daneben halte ich das in Deutschland praktizierte Modell mit staatlichen Förderbanken für sinnvoll. Allein die bayerischen Volksbanken und Raiffeisenbanken mobilisieren auf diese Weise jedes Jahr gemeinsam mit Instituten wie LfA oder KfW hunderte Millionen Euro, die in Maßnahmen für mehr Energieeffizienz oder in den Ausbau der erneuerbaren Energien fließen. Diese Partnerschaft hat sich bewährt und sollte gestärkt werden.
Dr. Jürgen Gros hat an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Deutsche Philologie studiert (Magister Artium) und an der LMU in München promoviert. Nach Stationen am Centrum für angewandte Politikforschung (CAP) an der LMU in München, in der CSU sowie beim Verband der Bayerischen Metall- und Elektroindustrie e.V. wechselte er 2005 zum Genossenschaftsverband Bayern e.V. (GVB). Seit August 2015 ist er dort Mitglied des Vorstands, seit August 2016 Vorstandsvorsitzender und Verbandspräsident.